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Räuberbande

Summary:

Schiller und Goethe haben sich dazu überreden lassen mit August und Karl zu spielen.

Work Text:

Das Wetter war viel zu schön, um heute zu sterben. Er hoffte inständig, dass das Rascheln des Busches ihn soeben nicht verraten hatte. Sein Gewissen nagte an ihm, dass er jeden Moment auffliegen könnte und dann würde sein Leben vorbei sein. Was wäre mit seinen Kameraden? Würden diese ohne ihn auskommen? Gut möglich. Er war ja nicht der Anführer der Truppe, kein Leutnant, sondern nur ein Gefreiter. Sein Befehlshaber lungerte in einer anderen Ecke. Wenn jetzt Alarm ertönen würden, dann –

„Papa! Hab dich gefunden!“

Vorbei. Aus. Endgültig. Schuss. Für Ehre.

Der kleine Karl rannte in das Gebüsch rein und stürzte sich auf seinen Vater, der mit einem Stöhnen zu Boden ging. Na gut, dachte sich Schillern, mit roten Haaren in einen grünen Busch zu gehen ist nicht gerade klug gewesen und vor allem nicht mit farbiger Kleidung.

„Komm Papa, du musst mir helfen den Onkel und August zu finden!“

Karl zog an Schillers linken Ärmel und sein Hemd war dabei in Gefahr die kostbare Spitze am Handgelenk zu verlieren. Der just genannte ‚Onkel‘ stand nur wenige Meter entfernt, zwischen zwei Mauern eng reingepresst und bat Gott, dass er mit seinem braunen Garrick-Mantel nicht am Sandstein auffallen würde. Karl zog seinen Vater mit aller Kraft aus der Hecke, in die er sich gezwungen hatte, die Blätter und jeder mögliche Unrat in seinen Haaren und an seiner Kleidung, besonders den Gehrock hatte es schwer getroffen, mit den leichten Schlammflecken. August fing in dem kleinen Gartenhäuschen zu lachen an, was sein Schicksal bestimmte, denn nun war Karl ihm auf den Versen, sodass Schiller einmal kurz zu Goethe schielte und sich ebenso ein Lachen angestrengt verkniff. Der Herr Geheimrat hatte die strengste Miene auf dem Gesichte, welches den komischen Effekt nur verstärkte, da eine Spinne sich langsam vor dem Gesicht Goethes abseilte und er zwingend sein Atmen regulierte.

„Papa? Kannst du helfen?“

„Nein, mein Kleiner, das musst du allein schaffen; ich verrate niemanden.“

Charlotte trat nach draußen, um den Treiben zuzusehen, welches sich in ihrem Garten ereignete. Sie brachte Schiller seinen Tee und beugte sich zu seinem rechten Ohr.

„Wo ist denn Goethe?“, flüsterte sie.

Schiller bewegte nur seine Augen in die ungefähre Richtung, wo sich Goethe aufhielt. Charlotte schielte in die gezeigte Richtung und musste sich auch das Lachen verkneifen. Die Spin-ne hing mittlerweile an seinem Halstuch. Sein Blick wurde nervöser.

„Hab‘ dich, August!“. Schrie Karlchen von der Treppe des Gartenhauses, in dessen Inneren sich August versteckt hatte. Karl freute sich seines Sieges wegen, bis ihm einfiel, dass er noch eine Person suchen musste.

„Ich setze ein Kopfgeld auf den Herrn Geheimrath aus!“, schrie Schiller seiner Räuberbande zu, welche sich darauf in verschiedene Richtungen verteilten, doch Goethe blieb zuerst sicher. Als die Spinne sein Kinn erreichte, war es mit der Ruhe zwischen den Mauern vorbei.

„Ah! Nein! Weg mit dir!“

Die Kinder rannten sofort zum Geheimrat, der sich weiterhin vor Ekel schüttelte und seinen gesamten Mantel abputzte, wo es ging und sich durch seine Locken wuschelte, in der seligen Hoffnung, dass sich keine zusätzlichen Ungeziefer anfinden würden.

„Gott, war das widerlich!“

„Vater! Sie haben der Spinne ein Leid angetan!“

„Gar nicht. Schau – da krabbelt sie.“

Sie krabbelte nicht. August blickte ihr traurig von oben entgegen, bis Karl mit einer neuen ankam, die er aus einer Hecke gefischt hatte. Goethe trat wenige Schritte näher an Schiller.

„Sie haben sich wacker geschlagen, mein Guter.“

Schiller vernahm ein Schnaufen von Goethe.

„Schleimer.“, sagte er neckend.

„Wenigstens habe ich keine Spinne vor den Augen meines Sohnes getötet, Goethe.“

„Nein, Sie nicht, denn das darf immer Charlotte vollbringen.“

„Entschuldigen Sie?“, äußerte Schiller spielerisch empört.

„Ist doch wahr, Schillern.“, entgegnete Goethe ihm mit einem koketten Schmunzeln.

An einigen Tagen wunderte Schiller sich, woher dieses kühne Verhalten Goethes kam, das des Öfteren urplötzlich auftauchte und so auch wieder verschwand. Besonders lustig wurde es meist, wenn der Herr Geheimrat durch Alkohol oder durch das viele Lachen angetrunken war. Dann hielt ihn nichts mehr und es ging heiter zu, wobei Schillern häufig im Weltschmerz versank oder zu ernsteren Themen wechselte. Das war auch das erste Mal, als sie sich geküsst haben. Nach einer illustren Abendgesellschaft in Weimar, die zu Gunsten Herders Geburtstag abgehalten wurde. Doch wenn sie von jüngeren Menschen umgeben waren, so verjüngte es auch ihre Gemüter. Letzten Winter lieferte sich Goethe mit einigen Weimarer Jugendlichen eine Schneeballschlacht, in die am Ende auch Schiller und August reingezogen wurden. Christiane verfiel in ein herzliches Lachen, als sie die drei Konsorten mit puterroten Wangen und zerzaustem Haar am Markt antraf. Sie war es auch, die Goethe später dazu nötigen musste, sich neue Kleidung anzuziehen, damit er nicht in wenigen Tagen wieder zum Hypochonder werden würde. Als Ludwig Geist einmal eine Erkältung hatte, verwies Goethe ihn in eine Quarantäne, bis die Krankheit genesen war. Mit Goethe umzugehen war oft mit dem Verhalten gegenüber einer Katze gleichzusetzen: Mit ihm umgab man sich gern, aber jeden Augenblick konnten die Krallen folgen, wenn eine falsche Thematik berührt wurde und man die Zeichen nicht zu deuten wusste.

„Wollen die Herren sich in der Stube aufwärmen? Es ist ja immerhin doch nur Frühling und kein Sommer.“

Charlotte gab ihrem Mann einen Kuss auf die Wange, wofür sie sich strecken musste und übergab ihm den jüngsten Sohn Ernst, der spielerisch in den Armen des Vaters wippte. Goethe wirkte sichtlich erleichtert, als er den restlichen Tag nicht mehr draußen in Gebüschen und zwischen Hauswänden kriechen musste. Die Knaben hielten dennoch beide gesitteten Herren auf Trab, denn Karl hatte die Energie seines Vaters und August hingegen ließ sich gerne mitreißen. Nachdem Charlotte den Herrn Geheimen Rath und dessen Sohn zum Abendessen ein-geladen hatte, durfte Karl länger wach bleiben und Schillers Rücken wurde als Sattel missbraucht bis er ächzte. Alle konnten durchatmen, als der Wirbelwind endlich schlief und die Goethes sich verabschiedeten.

„Herr Schiller? Dürften wir morgen wieder kommen, wenn das Wetter schön wird?“

Schiller wirkte etwas verblüfft, aber nickte letztlich August zu, der seinen Vater fragend anschaute. Goethe packte seine rechte Hand auf eine Schulter seines Sohnes, verabschiedete sich bei Schillern und animierte August zum Gehen, der weiterhin Schiller anlächelte und sich vielmals bedankte. Schiller nahm flüchtig Goethes Hand, als August schon die Gasse runterlief und Karl seiner Mutter wie ein Pferd hinterher trabte. Der Junge hatte es also nur vorgetäuscht. Behutsam setzte Schiller einen Kuss auf die raue Haut.

„Eure Exzellenz, ich erwarte Sie morgen pünktlich zum Kaffee, damit ich mit Ihnen über künftige Projekte reden kann.“

Ein Augenzwinkern.

„Mit Vergnügen, verehrter Herr Kollege.“