Chapter Text
Traust du dich?
Diese Frage tanzte im Hinterkopf eine ganz lange Weile. Octavia sehnte sich nach vielen Dingen, nach Ruhe, Normalität – das Stück Frieden in ihr. Etwas, irgendetwas, sie wollte es.
Die Ruhe, die die Sterne immer mit sich brachten.
Ihre eigenen Tränen weckten die Erinnerung in ihr: die weinenden Sterne des Dämonensultans Azathoth.
Seit Sinsmas wühlte der Gedanke in ihrem Kopf, ohne Ruhe zu geben. Eine verführerische Ablenkung von ihrem jetzigen Dasein. Schnell fasste sie ihren Entschluss. Und somit begann ihre Reise oder eher Marathon durch die vielen Schriften, die sie zu diesem Thema finden konnte. Schlaflose, aufregende und mühsame Nächte und Tage führten sie zu diesem Moment.
Vor ihr lagen unzählige Notizen, Bücher, Kärtchen und sonstiger wundersamer Papierkram zerstreut. Ihr kleines Projekt und Ergebnis der letzten Tage (oder waren es Wochen?), wo sie die Bibliothek auf der Suche nach einem Weg zum Observationspunkt im tiefen des Kosmos durchstöberte. Diesmal war sie vorsichtiger, suchte speziell nach einem Orientierungspunkt auf der Mappe des Kosmos, wohin sie sich transportieren könnte. Der Tag des großen Meteorschauer blieb noch in ferner Zukunft, aber einen kleinen Sternenregen könnte sie doch beobachten. Nach all dem emotionalen Mist, den sie durchging, war ein entspannter Abend oder Morgen oder Mittag mit vielen tanzenden fallenden Sternen gerade das Richtige für sie.
Wie Azathoths Tränen zu Boden fallen und neue Welten vor ihren Augen sich entfalten und einstürzen – ein Traum der Ruhe und Entspannung. Die Quelle ihrer Faszination und Freude.
Tränen später, sie hat genug ihrer eigenen Tränen vergossen.
Zuerst Sternschnuppen. In irgendwelchem Paragraph einer veralteten Monographie erklärte ein gebildeter Greis (kenntlich gemacht an der hochnäsigen Attitüde, die das Lesen nicht gerade unterhaltsamer machte), dass der schnellste Weg zum Observationspunkt mit Hilfe einer Sternschnuppe erreicht werden konnte.
Alle Zutaten, Wegbeschreibungen, Erklärungen hatte sie vor sich. Der Ritualkreis nach zig Versuchen ordentlich auf dem Boden gekritzelt.
Wieso zögerte sie denn?
Traust du dich?
Sie nahm einen tiefen Atemzug, die Nervosität und Aufregung in den Fingerspitzen glühend.
Alleine hat sie recherchiert, alleine alles aufgebaut, alleine mit Sehnsucht und Drang nach den Sternen.
Ja.
Die Zaubersprüche kalt und doch entschlossen flossen langsam aus ihrem Munde, die Worte erhallten im dunklen Zimmer mit trüber Luft.
Ein Licht, anfangs ein der Größe einer Kerzenflamme, stieg inmitten des Kreises empor. Die Flammen gewannen mit jeder Sekunde an Größe und Volumen. Die Luft in ihrem Halse steckend, jetzt nur den Schritt nach vorne wagen.
Sie schaute aufs Licht, schon ein Fuß über dem Kreis, den Symbol-
jedoch sah sie etwas ganz anderes, weder eine Form des ihr gewohnten Portals noch der beschriebene Sternschnuppenweg noch...
Nur eine Landschaft.
(...und es gibt keinen schöneren Anblick als den, der sich dann durch die Bordscheiben bietet...)
Ein weißes Flammenmeer ersteckte sich vor ihren Augen, ein Feuerregen erglühte über den lustlosen Wellen. Weiter konnte sie eine Wolke von Steinen erkennen, bewegt von magnetischen Stürmen. Große Feuerknoten und glühende Feuerarterien mit weiß flammenden Gerinnseln kräuselten sich im schlaffen Kosmoswind.
Doch da erzitterten die Gewölbe, als ob der weiße Teig der Glut einstürzen müßte
Das Licht ließ nicht mal einen kleinen Schatten walten, nahm alles in ihr Gewahrsam, auch sie selbst wollte es verschlingen.
Aus ihrem Stupor rührte sie ironischerweise dasselbe hypnotische Licht des Kosmos.
Rasch griff sie zum blutroten Buch, das sie aus der Bibliothek der Zweigfamilie der „Leuchtenden Sterne“ sich ‚auslieh‘. Den Leiter und derzeitigen Wächter der Bibliothek (Vasgo, Vassago, oder wie er sonst hieß) konnte sie schwer auszutricksen, jedoch eine Notwendigkeit, als er ihre Bitte nach dem Buch wegen ‚meisterlicher Komplexität, die sogar für ihn riskant war‘ ablehnt hatte.
Im Buch war schon die markierte Seite offen, der Satz hervorgehoben – Den Weg sollte die Sternschnuppe weisen.
Was aber passiert, wenn man nach langen Nächten und Tagen, ohne viel Pausen für Schlaf und Sonstiges einzulegen, und lediglich ein Grundwissen über das weite Universum besitzend, abstruse Stellen aus obskuren Schriften liest?
Nun, man erzielt nicht ganz das erwünschte Ergebnis.
Die Landschaft bebte und drehte und begann zu pulsieren, ein Atemzug und schon erblickte sie inmitten der glühenden Landschaft ein Zeichen.
Genauer gesagt, einen schwarzen Punkt.
Näher, näher
Sie wisperte ungeduldig und aufgeregt.
Und schau! Ein Zeichen konnte sie langsam in all dem gelben Licht wiedererkennen.
Ein Symbol, worüber ihr Fuß noch schwebte, da sie sich zutrauen konnte, ihr Bein im Ritualkreis runterzulassen.
Eine Sternschnuppe.
Ihr Wegweiser.
Wenngleich bisschen anders als erwartet.
Unsicherheit fing an, an ihren Adern zu beißen, tief und schmerzhaft, dass wieder in ihren Gedanken die Frage emporkam:
Traust du dich?
In den Erklärungen stand etwas über den Weg der Sternschnuppe. Vielleicht meinte der Autor weniger einen echten Weg wie die Landschaft zuvor, sondern jemanden, der den Weg erklärt.
Traust du dich?
Das Portal begann zu zittern, kleiner und kleiner wurde es mit jeder Sekunde.
„Oh nein, nein, nein, nein—"
Gelb erstrahlten die Ränder des Dreiecks, zu dem dieses Portal sich verwandelte.
Traust du dich?
Ohne mehr nachzudenken in ihrer Panik, streckte sie ihren Arm aus und packte das Symbol an. Bevor das Dreiecks ins Nicht-Sein wegpuffte, zog sie aus aller Kraft das Symbol zu sich.
Puff!
Das Licht verschwand, nur die Trümmer ihrer Forschung in ihrem Zimmer zerstreut, der Kreis leblos wie vor dem Ritual.
Und in der Mitte
ein Mädchen.
Mit dem Sternschnuppen-Zeichen auf ihrem Pullover.
