Chapter Text
Vincent glaubte nicht das Marc auf ihn hören würde.
Nein, eigentlich glaubte er es nicht nur nicht, er war sich sicher, dass Marc jetzt wahrscheinlich schon das Schnittprogramm geladen hatte oder dabei war die nächsten Termine zu planen.
Und das, obwohl er schon beim Essen unfassbar müde ausgesehen hatte.
Vincent seufzte und stieg in sein Auto.
Dem war doch echt nicht mehr zu helfen.
Während der Fahrt wanderten seine Gedanken immer wieder zurück zu gestern Nacht. Jetzt fühlte er sich schlecht wenn er sich daran erinnerte, wie genervt er gewesen war als Marc ihn mitten in der Nacht angerufen hatte. Er hatte sich schon bereit gemacht, ihn anzumeckern und Marc freundlich daran zu erinnern, dass andere Menschen im Gegensatz zu ihm tatsächlich um diese Uhrzeit schliefen, nur um dann von "mir geht's richtig Scheiße" komplett aus dem Schlaf geholt zu werden.
Er wusste gar nicht mehr genau, was Marc gesagt hatte was ihm dieses mulmige Gefühl verpasst hatte, gut wahrscheinlich war es eher die plötzliche Stille am anderen Ende der Leitung gewesen als irgendetwas gesagtes.
Vincent seufzte.
Er konnte immer noch nicht glauben dass das alles passiert war.
Noch schlimmer als mitten in der Nacht plötzlich zwischen Rettungsdienst, Marc gut zureden und Autofahren jonglieren zu müssen ohne selbst zu einem A(y)kuten Notfall zu werden, war es allerdings gewesen, Marc so zu sehen, Am Boden liegend und kaum noch ansprechbar. Dieses eklige, dumpfe Gefühl von Panik und der Gewissheit, dass er nicht wusste wie er helfen konnte verfolgte ihn regelrecht.
Es nahm ihn mehr mit als er zugeben wollte.
Aber viel schlimmer war doch eigentlich, dass er nicht da gewesen war. Nicht da, um seinen besten Freund zu unterstützen als dieser ihn dringend gebraucht hatte. Er hatte doch gewusst wie anstrengend dieser Tag für Marc gewesen war und einfach mal nach seinem besten Freund zu schauen wäre ja nicht so schwer gewesen.
Vincent hielt kurz inne,
so sehr er zwar auf Marc aufpassen wollte konnte er sich jetzt nicht ernsthaft vorwerfen dass er nachts geschlafen hatte oder auch ein eigenes Leben hatte.
Außerdem war Marc ein erwachsener Mensch der eigentlich gut auf sich selbst aufpassen konnte.
Eigentlich.
Naja
sagte derjenige der gerade auf dem Weg war diesem Erwachsenen Menschen einen Wasserkocher und etwas zu essen zu besorgen.
Jeder hat so seine Stärken und Schwächen.
trotzdem blieb das schlechte Gefühl in seiner Brust aber Vincent einigte sich mit sich selbst darauf das er müde, gestresst und überfordert war und sich schlicht nicht besser fühlen konnte.
Und vielleicht weil er dieses Merkwürdige Gefühl von gestern Nacht immer noch vor sich herschob, aber er wollte jetzt alles lieber als auch noch darüber nachdenken.
Als er an der letzten roten Ampel vor dem Supermarkt hielt kam es ihm plötzlich komisch vor das Marc gleich frühs wieder entlassen worden war. In keiner Welt würden die Schwestern und Ärzte so etwas einfach unbeobachtet nach Hause schicken. Das war doch merkwürdig. Aber Marc würde sich doch nach so was nicht einfach selbst entlassen oder?
Als das Auto stand lehnte Vince seinen Kopf gegen das Lenkrad.
Marc würde.
Zu 100%
ach man.
Gut dann war es jetzt einfach so. Was sollte er denn machen außer sich um Ihn kümmern und gut zuzureden bis Marc es vielleicht selber verstand.
Vince stieg aus dem Auto und holte sich einen Einkaufswagen. Na dann mal los, je schneller er wieder zurück war, desto schneller konnte er Marc ins Bett verfrachten oder wenigstens von der Arbeit wegholen.
Zuhause angekommen stellte sich seine Sorge als durchaus berechtigt heraus, nur das Marc mal wieder gegen seinen eigenen Körper verloren hatte und in einer sehr unbequem aussehenden Position an seinem Schreibtisch eingeschlafen war.
Er war nicht mal mehr sauer, nur ein bisschen enttäuscht aber was hatte er anderes erwartet.
Aber gut, wenn Marc meinte er müsste es drauf anlegen dann musste er damit rechnen dass Vincent sich einen Spaß draus machte. Mit einem kleinen, schelmischen Grinsen, holte Vincent sein Handy heraus.
"Hallo Leute" begann er leise und konnte sich das Grinsen einfach nicht verkneifen. "Schaut mal wer heute wohl ne richtig lange Nacht hatte" dann drehte er die Kamera so dass die Menschen auf Insta dieses moderne Kunstwerk namens "überarbeitet, müde aber Stur" ebenfalls betrachten konnten. Dann drehte er die Kamera zurück "Joa wird heute wohl ein bisschen später mit dem Stream, vielleicht fang ich auch alleine an aber erst bring ich den großen hier ins Bett". Story beendet und hochgeladen.
Er packte sein Handy wieder weg, trat ein paar Schritte auf Marc zu und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. "Hey großer" murmelte er, aber Marc schien tatsächlich tief und fest zu schlafen. Vince schmunzelte und schob vorsichtig eine Hand unter Marcs Knie und griff um dessen Schultern um ihn hochzuheben.
Für einen Moment stand er einfach nur da und konnte seinen Blick einfach nicht von Marcs Gesicht abwenden. Er sah so entspannt aus wie er an seine Schulter gelehnt schlief und Vincent konnte sich in dem Moment kaum etwas schöneres vorstellen.
Marc an seiner Schulter, friedlich und ruhig im Gegensatz zu dem Chaos was er gestern Nacht hatte aufgabeln dürfen.
Nach ein paar Sekunden kam es ihm allerdings weird vor seinen besten Freund so anzustarren. außerdem erinnerte ihn das an die Situation heute Morgen im Krankenhaus die er bis jetzt weder verstanden noch reflektiert hatte.
Um nicht weiter darüber nachdenken zu müssen machte er sich mit Marc in den Armen auf den Weg in dessen Schlafzimmer, immer darauf bedacht Marcs Kopf nicht gegen irgendwelche Türrahmen zu schlagen. Der Mann war heute schon knock-out gegangen und Vincent war sich sicher, dass "doppelt hält besser" nicht in jeder Situation anwendbar war.
Im Schlafzimmer angekommen hätte er Marc am liebsten einfach fallen gelassen. Wie lange wohnte er jetzt schon hier? 8 Monate? 10? Und er hatte sein Bett immer noch nicht aufgebaut??. Das konnte doch nicht wahr sein.
Vincent atmete tief durch, legte Marc vorsichtig auf der Matratze ab und deckte ihn zu.
Es war ja schließlich nicht sein Schlafzimmer.
Für ein paar Momente sah er noch auf Marcs schlafendes Gesicht bevor er ihm durch die Haare verstrubbelte und wieder aufstand.
Auf in die Küche.
Wenn man das Küche nennen wollte.
Naja besser als nichts.
