Work Text:
–– 3x05, in der Scheune ––
"Unter Brüdern teilt man doch alles", grinst Matreus, dreckig wie es nur geht. Streckt die Hand nach Amalie aus, die zurückzuckt. Soweit sie sich es traut.
Jona rüttelt an den Ketten, beißt "Lass sie in Ruhe!"
Matreus grinst da nur noch breiter. Fast wie eine Fratze. Dreckig wie der Teufel, der er vorgibt so gern zu sein. "Warum?"
Jona sackt in den Ketten zusammen, bittet mit seinem Blick und betont ruhiger, eindringlicher Stimme. "Weil du nicht so bist. Du bist kein Monster."
Matreus wirft den Kopf in den Nacken und lacht. Rau und düster.
Er ist wunderschön, denkt Jona unvermittelt, obwohl der Schauer, dem ihm der Anblick über den Rücken jagt, ein kalter ist.
Er muss die Situation wieder einfangen, und zwar sofort.
"Nicht so ein Monster." Seine Stimme ist eisern und klar. Gut.
Matreus verstummt.
Jetzt Schritt zwei. "Amalie." Er spricht ihren Namen sanft, aber mit Nachdruck.
Sie blickt überrascht zu ihm, Matreus' Blick verdunkelt sich. Bevor er sprechen kann, fährt Jona fort.
"Geh nach draußen, bitte. Für" er überlegt kurz "eine halbe Stunde. Ich möchte mit Matreus alleine sprechen."
Amalie reagiert entgeistert, Matreus braust auf vor Wut, doch Jona ist noch nicht fertig. Fixiert jetzt wieder Matreus.
"Und du wirst sie gehen lassen. Du hast ja mich." Eine winzige Pause, in der sich Matreus' Augen weiten. Er hat doch nicht...? Schnell fährt Jona fort, um den Stolperer zu kaschieren. Amalie darf nichts merken. "Damit weißt du, dass sie nicht weit gehen und nichts Unbedachtes tun wird, weil du mir sonst wehtust. Sie wird dir gehorchen und wiederkommen. Das stimmt doch?" Den letzten Satz richtet er wieder direkt an Amalie.
Sie kann nur hilflos nicken. "Natürlich. Aber –"
"Geh", unterbricht sie Jona, nun fast flehentlich. "Warte in kurzer Entfernung von der Scheune. Okay? Außerhalb der Hörweite", fügt er mit deutlichem Seitenblick auf Matreus hinzu. Sie soll ruhig glauben, er lüge für Matreus' Sicherheitsgefühl.
Matreus sieht ihn währenddessen aus zusammengekniffenen Augen an, kalkulierend. Versucht wahrscheinlich, seinen Plan zu durchschauen, hat aber keinen konkreten Anhaltspunkt. Eines kann Jona aber nicht verbergen, eines muss er noch tun.
Er fixiert Amalie weiter, spricht aber nicht mehr. Sein Blick hat sich jedoch unübersehbar intensiviert – Matreus muss klar sein: Er gibt ihr eine telepathische Botschaft.
Lauf zum Dorf. Eine halbe Stunde ist knapp, sollte aber für den Weg in eine Richtung reichen. Sorge dich nicht um mich. Hol die Brigarde, oder die besten Kämpfer die du auf die schnelle finden kannst. Matreus wird mich nicht töten, er braucht mich noch. Spiele das Spiel mit solang er dich noch sehen kann, und beeile dich einfach!
Ihre Augen weiten sich, als sie versteht, und sie sieht kurz aus, als wolle sie protestieren. Tut es aber nicht, und nickt stattdessen. "Ich bin gleich wieder da", sagt sie, eindringlich, will Jona klarmachen wie ernst ihr das doppeldeutige Versprechen ist. Würdigt Matreus keines Blickes als sie (mit betont ebenmäßigen Schritten) auf die Scheunentür zugeht.
Matreus verfolgt das Ganze immernoch aufmerksam, und sehr skeptisch. "Was hast du ihr gesagt."
Kaum eine Frage. Eher ein Befehl, mit der vollen Gewissheit dass Antwort gegeben wird, sonst.
Jona seufzt. Tief, und aus tatsächlich ehrlicher Erschöpfung. Genervt klingen, abwiegeln. Nah an der Wahrheit bleiben. "Ich habe ihr befohlen, die halbe Stunde im angrenzenden Wald zu warten. Das ist weit genug weg, dass sie definitiv nichts hören kann."
Das überrascht Matreus. "Befohlen?", fragt er, Stimme gleichermaßen von Überraschung und Amüsemant eingefärbt, auch wenn er die Überraschung zu kaschieren versucht. "Du, Jonathan, Verfechter des Guten, nutzt Gedankenkontrolle? An deiner Frau?"
Amalie hat die Scheunentür erreicht, und kann sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als sie sie öffnet und hinter sich schließt. Soll der Bastard ruhig so schlimm von dir denken, spricht sie zu Jona (plötzlich unglücklicher, als sie es ihren Lebtag je war, dass sie nie Magie erlernt hat und es ihm deshalb nicht wirklich sagen kann). Das zeigt nur, dass er dich nie wirklich gekannt hat. Immer nur der Neider... Du bist ein Genie und ein wahrer Held, und ich werde dich da herausholen. Versprochen! Halt nur aus bis dahin...
Sie beginnt, auf den Wald zuzulaufen.
Drinnen runzelt Jona die Stirn – er weiß, dass Amalie jetzt außer Hörweite ist, also spricht er offen an, was ihn an Matreus' Worten am meisten verwirrt. "Meine Frau? Komm, das ist jetzt wirklich ein bisschen zu dick aufgetragen."
Matreus vergeht das Lachen sofort, und seine nächsten Worte spuckt er wie Eis. "Wieso? Ihr sehr immerhin aus, als gebe es bald Hochzeit!"
Jona verdreht leicht hysterisch die Augen. "Was glaubst du denn warum?! Das hier ist die Vergangenheit! Sie weiß nicht, dass ich später mit ihr Schluss gemacht habe, und das sollte sie auch nicht wissen wenn wir den korrekten Zeitstrom bewahren wollen! Also spiele ich ein bisschen mit, so, als wäre alles wie immer. Was soll ich denn sonst machen?" Er hatte sein Plädoyer eigentlich anders geplant, aber jetzt wo er angefangen hat kann er sich nicht mehr im Zaum halten. Die Worte brechen nur so aus ihm heraus, weil er die schiere Absurdität von Matreus' Verhalten einfach nicht mehr erträgt. Er verstellt seine Stimme, um ein Beispiel für ein offentlich nicht mögliches Gespräch mit Amalie zu mimen: "Oh, Amalie, hey, ich brauche kurze deine Hilfe – sorry aber kein Kuss heute, ich komme aus der Zukunft, weißt du, und da sind wir nichtmehr zusammen. Missversteh mich nicht, ich habe unsere Zeit zusammen echt genossen! Du bist eine wunderbare Frau und ich habe wahnsinnigen Respekt vor und Bewunderung für dich, und ich würde rückblickend keinen Moment mit dir missen wollen, aber ich liebe nunmal Matreus. Und ehrlich gesagt, wenn ich es mir so überlege, würde ich vielleicht rückblickend vielleicht doch ein paar Momente mit dir missen wollen, wenn das bedeuten würde dass ich Matreus früher hätte haben können! Aber ansonsten ist alles cool, ja? Keine Probleme damit? Super! Dann hilf mir bitte mal mit meinem Ring –"
Er bricht ab, nur noch ein trockenes Lachen auf den Lippen. Seine Stimme ist gegen Ende wirklich fast in schreiende Hysterie abgedriftet. Er atmet sogar schwer, und versucht nun, sich zu beruhigen. Irgendwann hebt er den Blick wieder (für sein hypothetisches Gespräch hatte er ihn zur Scheunendecke, und fürs Runterkommen zu Boden gerichtet), schaut zu Matreus herüber. Das letzte bisschen Lächeln fällt ihm aus dem Gesicht, als er ihn erblickt.
Matreus steht da wie vom Blitz getroffen.
Jona runzelt die Stirn, versucht aber, dich nicht beirren zu lassen.
"Jedenfalls musst du echt nicht so zu ihr sein", schließt er seine weitgehend ungeplante Rede ab, wohl bewusst wie lahm das jetzt klingt. "Ich liebe nur dich, okay? Aber sogar wenn ich nicht mit Amalie zusammen wäre – bzw. wenn sie das nicht denken würde – könnte ich das ja schlecht erklären." Er lacht, etwas verlegen. "Nicht in dieser Zeit." Natürlich denkt er nicht, dass Amalie persönlich sie beide hängen lassen würde, aber dennoch –
Nein. Das Risiko ist einfach viel, viel zu groß. Und da ist dann natürlich noch das kleine Problem mit dem Teufelspakt.
"Schon nichts davon sagend, dass wir als Feinde angekommen sind." Noch ein humorloses Auflachen. "Nein, die Erklärung spare ich mir."
Vorsichtig schielt er nochmal nach Matreus. Sicher kann er diese Logik verstehen....? Doch Matreus' Gesichtsausdruck hat sich seit er ihn das letzte Mal kurz angesehen hat scheinbar nicht verändert. Nicht einen Millimeter. Jona ist langsam ehrlich besorgt. Hat er überhaupt geblinzelt?
Wurde er etwa verhext und Jona hat es nichtmal gemerkt? Das würde er sich nie verzeihen.
"Matreus?", fragt er, zögerlich, ehrlich besorgt. "Erde an Matreus?"
Matreus blinzelt, und Jona ist erleichterter, als er es gerne zugeben würde.
"Hey", versucht er es nun erneut, sanfter. "Verstehst du, was ich sage? Du brauchst Amalie wirklich nicht so zu behandeln. Du musst nicht...eifersüchtig sein oder so." Wieder lacht er auf, jetzt aber eher aus Verlegenheit. Eigentlich wollte er das Wort garnicht aussprechen, nicht zuletzt auch um Matreus' Ehre zu schonen. Es ist einfach absurd für ihn, dieser Gedanke. Matreus, eifersüchtig...warum zum Kuckuck?? Nach allem was geschehen ist. Aber er verhält sich nunmal so, also... "Ich liebe dich", sagt er nochmal, mit Nachdruck. "Ok?"
Er hätte jetzt schon gerne mal eine Bestätigung, gehört worden zu sein. Ein Nicken, immerhin? Ein spöttischer Spruch...alles würde er nehmen! Aber Matreus rührt sich weiterhin nicht. Blinzelt nur, und.... weint???
Tatsächlich, aus irgendwelchen, Jona völlig rätselhaften Gründen blinzelt Matreus inzwischen Tränen aus seinen Augen. Und das nicht sehr erfolgreich.
"Matreus, was –" Weiter kommt er nicht.
"LÜGNER!!!", bricht es aus Matreus heraus. Wie ein Damm, der endlich gerissen ist, und den gesamten Stausee auf einmal auf die ruhige, völlig unvorbereitete Stadt herabgießen lässt. Nur dass die Stadt die (relative) Stille der Scheue ist, und keiner eine Ahnung hatte, wie voll gefüllt der Stausee gewesen ist.
Jona hatte wirklich keine Ahnung, dass Matreus das Ganze so nahegeht.
Er versucht, (wie so oft) die Stimme der Vernunft zu sein, und erwidert betont ruhig: "Ich lüge nicht. Bitte, Matreus, wann habe ich dich jemals belogen? So dreist noch dazu?"
Doch Matreus scheint mit Vernunft nicht mehr zu erreichen. "Lügner!", schreit er wieder. Sein Gesicht färbt sich langsam rot, und die Tränen strömen ihm inzwischen nur so über die Wangen. Jona öffnet den Mund für einen neuen Versuch, aber Matreus lässt ihn nicht. "HÖR AUF ZU LÜGEN!!!!!!!!!!"
Jona klappt den Mund wieder zu. So hat er Matreus in über dreihundert Jahren noch nie erlebt. Er sieht aus, als würde er gleich überkochen – also, physisch. Verdampfen oder so. Er weint, spuckt, ist hochrot und verschwitzt und offensichtlich vollkommen am Ende. Doch warum! Egal wie er es dreht und wendet, Jona findet keinen guten Grund dafür.
"Was ist los", fragt er darum, ganz leise, und inzwischen ernstlich besorgt. "Matreus, Matti, warum sollte ich dich anlügen? Du weißt doch, dass ich dich liebe!"
Als er den Spitznamen zum letzten Mal sagte, nicht lange nachdem sich ihre Pfade damals trennten, ist Matreus so schrecklich wütend geworden, dass er es nie wieder probiert hat. Jetzt kann er aber kaum wütender werden, dachte sich Jona und hat es deshalb riskiert. Matreus hat sich inzwischen von ihm abgewandt und das Gesicht in die Hände gepresst, und er hätte alles, alles gesagt, um irgendetwas wie Kontrolle über die Situation wiederzugewinnen.
Er hat sich verkalkuliert.
Matreus dreht sich nach seinen letzten Worten wie jäh wieder zu ihm um, und schießt einen Blitz aus seinem Zauberstab ab. Er verfehlt Jonas Kopf nur knapp – und zerbirst stattdessen den Pfeiler hinter ihm mit einem leisen Knacken und einem viel lauteren, fast schon donnerartigen Knall. "Sei endlich still!!!!"
[In der Ferne hört Amalie den Knall. Sie erschrickt schrecklich, das Schlimmste vermutend, und fängt an so schnell zu rennen wie sie nur kann ohne fürchten zu müssen, sich im Unterholz die Beine zu brechen.]
Jona fällt um ein Haar frontal aufs Gesicht, kann sich aber im letzten Moment leicht zur Seite drehen und kommt stattdessen hart auf seinem rechten Arm auf. Es tut fürchterlich weh, aber mit nur ein wenig Robben kann er sich vom Rest des Pfeilers befreien. Immerhin.
Er hört ein leises Geräusch, und realisiert, dass Matreus bitterlich weint. Hat sich hingehockt und hält sich nur noch den Kopf, schon fast krampfartig schluchzend. Alles andere ist da egal, auch sein Arm und die Tatsache, dass er sich noch immer nicht von den Ketten befreien kann. So gut es geht, kriecht er vorwärts, und versucht immer wieder, Kontakt aufzunehmen.
"Matreus… Matreus." Keine Reaktion. "Bitte sprich mit mir!" Seine Stimme bricht beinahe, und jetzt beginnen auch seine Augen zu tränen und das nicht nur vor Schmerz. Der Weg kam ihm eben noch nicht so weit vor… "Matreus, bitte." Er entsinnt sich der letzten Sache, die er gesagt hat, bevor Matreus den Pfeiler zerschmetterte. "Du weißt doch, dass ich dich liebe, oder?", fragt er erneut. Die Antwort sollte offensichtlich, ja selbstverständlich sein, aber er braucht sie jetzt dringend. Immerhin als Basis. Wenn er Matreus dazu bringen kann, darauf zu antworten, können sie wieder auf eine Wellenlänge kommen. Da ist er sich sicher. (So sicher, wie er sich aktuell sein kann.)
Matreus blickt schließlich, ein paar Minuten und ein halbes Jahrhundert später, zu ihm auf. Sein Gesicht ist vollkommen aufgedunsen und verheult. Jona schießt es absurderweise just in diesem Moment durch den Kopf, auf die Zeit zu achten. Mindestens zehn Minuten sind schon vergangen… Er schüttelt den Gedanken ebenso rasch ab, wie er aufgekommen ist, und konzentriert sich voll auf Matreus. Gibt ihm Zeit, zu sprechen. Müht sich, Ruhe und Stabilität auszustrahlen. Alles, was Matreus jetzt brauchen könnte. Er kann ihn nicht einen Moment länger weinen sehen.
Matreus zittert. "Warum sagst du das?", flüstert er. Seine Stimme klingt ganz rau. Jona will ihn festhalten und nie mehr loslassen, aber er kann nur weiterkriechen. Es ist nicht mehr so weit, und er kann das schaffen. Er ist ein guter Schwimmer, seine Beine sind stark.
"Warum sage ich was, Matreus?" Doch Matreus schluckt nur, und antwortet nicht. Jona wagt sich vorsichtig weiter vor. Er hat Matreus jetzt fast erreicht – mindestens physisch. Fieberhaft überlegt er, was Matreus bloß meinen könnte. Es kann ja nur um Amalie gehen! …Oder? Plötzlich beschleicht ihn ein schrecklicher Gedanke. "Ich liebe dich", sagt er noch einmal, zum wievielten Mal weiß er schon nicht mehr. Wenn es sich je seltsam anfühlte, es so oft zu sagen, wo er es sonst so selten wie möglich ausspricht (in der Annahme dass Matreus es meistens, wenn sie zusammen sind, eh nicht hören will), ist das Gefühl längst verflogen. Er denkt es schließlich ständig, wo ist da der Unterschied?
Nun aber beobachtet er Matreus' Reaktion auf den Satz genau. Er erzittert wieder, und wendet sich ab. Keucht trocken, kann keine Tränen mehr aufbringen. Ein schreckliches, verzerrtes Lächeln blitzt kurz auf seinem Gesicht auf. "Lass es", sagt er, fast schon ruhig. Zu ruhig.
Jona hat ihn erreicht. Und er hat auch endlich verstanden.
Was nicht bedeutet, dass er es wahrhaben will.
"Du weißt doch, dass ich dich liebe." Er muss es einfach noch ein letztes Mal versuchen. "Das weißt du doch, oder?" Wie aus der Entfernung, wie durch Wasser, hört er seine eigene Stimme. Seltsam… wabernd. Ist nun er es, der weint? Das hat er gar nicht bemerkt. "Bitte sag mir, dass du das weißt", fleht er. Um seinetwillen oder Matreus' Willen, das weiß er selbst nicht mehr.
Matreus sieht ihn endlich wieder an. Sie sind sich jetzt nahe genug, um sich zu berühren. Naja, Jona könnte grade höchstens seinen Kopf gegen Matreus' Bein legen, aber trotzdem. Matreus macht aber keine Anstalten, Kontakt zu initiieren. "Woher soll ich bitte wissen, was du mir noch nie gesagt hast?", fragt er. Seine Stimme klingt jetzt fast wieder normal, aber es ist schrecklich offensichtlich wie sehr er diese Ruhe nur spielt. Naja entweder das, oder er ist sogar des Weinens müde geworden. Darüber nachzudenken hat Jona jedoch keine Zeit, denn, was bitte?
"Natürlich habe ich das gesagt", erwidert er, völlig entgeistert.
"Wann." Gefährlich einsilbig und vollkommen tonlos.
"Naja als…als…" Fuck. Viel, viel zu spät wird Jona klar, dass er sich wirklich nicht erinnern kann, wann er diese besonderen drei Worte zum letzten Mal gesagt hat. Aber eins weiß er genau, und schluckt deshalb in einem verzweifelten, allerletzten Versuch um den Kloß in seinem Hals herum. Er kann Matreus plötzlich nicht mehr ansehen. "In der Nacht der schlimmsten Entscheidung meines Lebens", flüstert er beinahe. Nicht mit Absicht – seine Stimme versagt ihm schlicht den Dienst. Ganz heiser ist er, und bemerkt fast beiläufig, wie heiße Tränen in seinen Augen zu brennen beginnen. Matreus' geschockten Gesichtsausdruck bemerkt er nicht. "Als ich dich… verlassen habe. Zurückgelassen habe." Er schluckt wieder, mehrmals ist es diesmal nötig bevor er weitersprechen kann. "Da habe ich es dir gesagt, das weiß ich genau. Das kannst du nicht vergessen haben."
Es ist fast 400 Jahre her (399… Gott, nicht daran denken), aber das kann einfach nicht sein. Das kann er nicht vergessen haben. Ich erschieße mich, denkt Jona, fast hysterisch. Weniger hysterisch, als er es gerne hätte. Er ist sich nicht sicher, ob er weiterleben kann, wenn Matreus ihre Liebe vergessen hat.
Doch Matreus hat nicht vergessen. Er scheint nur…verwirrt?
"Aber das war…davor." Seine Stimme klingt ganz klein.
Wenigstens weint er nicht wieder, denkt Jona. Wenigstens hört er mir jetzt zu.
"Ja, und?", fragt Jona. Die Freude darüber, endlich einen Durchbruch erzielt zu haben, überschattet den schieren Horror der Situation immerhin für den Moment. "Glaubst du etwa, ich liebe dich weniger, seitdem –" Er bricht ab. Er kann 'seit mein Vater dich gebrochen hat' einfach nicht aussprechen, nicht, wenn alles gerade gut läuft, wenn er gerade eine zaghafte kleine Verbindung zu Matreus hergestellt hat. Er weiß, dass Matreus es hasst, von sich selbst in der Opferrolle zu hören. Er hat sich freiwillig entschieden, die Welt (oder mindestens ein paar Städte) im Namen des Teufels zu unterjochen, und mordet gerne unschuldige Zivilisten und Kinder! Jawohl!
Kurz, es gibt Gründe, warum Jona nur noch selten versucht, wirklich Klartext mit ihm zu reden. Er muss es aber jetzt tun, irgendwie… ein Drahtseilakt. Matreus ist still, und er wagt es nicht, ihn anzusehen.
Er setzt neu an. "Glaubst du…" Schluck. Noch einmal. Aus tiefster Seele sprechen. Nur das Wichtigste, und mit so viel Ehrlichkeit und Überzeugung in der Stimme wie nur irgend möglich.
Augenkontakt, auch wenn es wehtut.
"Ich liebe dich." Jona blickt zu Matreus auf, durch Augenlider, die mit einem Mal schwer wie Blei scheinen bei dieser einfachen Aufgabe. "Ich habe dich immer geliebt. Ich werde dich immer lieben. Nichts kann das ändern." Er atmet einmal tief und lange durch. Zwingt sich, jetzt nicht den Blick abzuwenden. Verwendet seine Telepathie für den letzten Satz, seine letzte Bitte. Glaube mir.
Er befielt es nicht, natürlich nicht, aber er legt so viel Nachdruck darauf wie er nur kann. Als würde er die Worte in Matreus hineinpressen wollen. Will er ja auch, irgendwie.
Er zwingt sich, ihn weiter anzusehen, egal wie überwältigt er ist. (Und wie sehr die Position ihn inzwischen schmerzt…)
"Ich…" Nun muss Matreus schlucken. Hält aber ebenso tapfer Augenkontakt. "Ich dachte, du hasst mich. Du musst mich doch hassen…" Jetzt wendet er den Blick doch ab, und Jona kann das plötzlich nicht ertragen, auf gar keinen Fall. Er greift instinktiv nach ihm –
"Argh!" Er hat die Rechnung ohne die Ketten gemacht. Beziehungsweise sie, sowie seine Verletzung, für den einen Moment völlig ausgeblendet.
Matreus' Kopf schnellt herum. Er scheint Jonas körperlichen Zustand überhaupt zum ersten Mal wahrzunehmen. "Kann du die Ketten nicht loswerden?", fragt er. Ehrlich verdutzt. Als ob Jona mehrere Meter auf dem Bauch zum ihm hingerobbt wäre, wenn er das könnte…aber er kann jetzt nicht wütend auf ihn sein. (Konnte es noch nie.)
"Nein", lächelt Jona, betont ruhig, geduldig. "Ich glaube, ich habe mir die rechte Schulter ausgerenkt – ich möchte sie jedenfalls gerade nicht viel bewegen." Er lacht ein wenig auf. Trocken, immerhin. Ist das jetzt wirklich ein Themawechsel? Er würde Matreus das natürlich tun lassen. Solange er nicht mehr weint… solange sie nicht mehr streiten. Jona hat schon lange aufgegeben, etwas für sich zu wollen. Erst recht einen wirklich schönen, liebevollen Moment mit Matreus. Manchmal sagt er seinen Namen so süß… das ist aber auch schon alles. Und er kann das aushalten. Wie lange auch immer es nötig ist.
Er kann das, wenn er ihn im Gegenzug nicht völlig verliert.
So versunken ist er in dem verzweifelten Versuch, sich selbst zu belügen und davon zu überzeugen, dass es völlig okay ist wenn dieses Gespräch einfach vorbeigeht ohne Konsequenz... er bemerkt nicht, wie Matreus sich auf ihn zubewegt, bis seine Hände schon auf seiner Schulter liegen.
"Das tut jetzt kurz weh." Ohne weitere Fanfare drückt er zu, und plop ist Jonas Schultergelenk wieder da, wo es sein sollte.
"Danke", murmelt Jona, und streift die Ketten endlich ab. Er richtet sich auf, ächzt ein wenig – steht aber nicht auf. Kniet sich hin. Wenn er seinen Arm ausstrecken würde, könnte er Matreus nun berühren. Er tut es nicht.
Noch nicht.
Als die Stille sich hinzieht – Matreus keine Anstalten macht, in irgendeiner Weise 'im Text' weiterzumachen – nimmt Jona allen seinen Mut zusammen. "Ich hasse dich nicht", sagt er. Schaut Matreus aus dem Augenwinkel an.
Der Blick, den er zur Antwort erhält, trifft ihn ganz tief ins Herz. Er hält den Blick, eine Sekunde, zwei. Fast spürt er etwas wie Hoffnung. Ein Geist, ein Nachbild davon vielleicht. Jetzt darf er bloß nicht aufhören. Fühlt sich wie ferngesteuert, fast fiebrig.
"Niemals, Matreus, ich könnte dich niemals hassen." Seine Stimme zittert vor Anstrengung, er will seine Gefühle ausdrücken, und doch nicht an ihnen zerbrechen. Gerade fühlt es sich an, als wäre das sehr leicht.
Doch er scheint bei Matreus anzukommen. (Endlich.) Er kann kaum erahnen, was sich hinter seinen Augen abspielt, aber er wirkt als ob alle Tage, die sie zusammen hatten, nochmal vor ihm abliefen; und alle die sie noch haben könnten dazu. Er öffnet den Mund, setzt an zu antworten –
Sie hören beide im selben Moment die Pferde. Noch relativ weit entfernt, ihre Sinne sind schärfer als die eines normalen Menschen, aber unmissverständlich. Und sie kommen näher.
Fuck.
Wie kann schon so viel Zeit vergangen sein?! Wie schnell ist Amalie gerannt…?
Egal. Diese Art von Überlegung ist jetzt völlig irrelevant. Sie müssen hier weg und zwar sofort. Er packt Matreus an der Schulter, steht auf und zieht ihn mit.
"Wir müssen zurück, sofort."
Doch Matreus schaut ihn nur verwirrt an. "Was…?"
Für einen kurzen Moment überlegt Jona, ob er mit einer Lüge davonkommen kann – doch dann schämt er sich gleich des bloßen Gedankens. Konzentriert sich wieder. Atmet tief durch und sieht Matreus an. "Wir müssen hier weg und zurück in die Gegenwart, und zwar sofort."
Zuerst schlägt ihm weiter nur Verständnislosigkeit entgegen, aber Matreus ist (trotz unregelmäßig auftretender gegenteiliger Evidenz) clever, und begreift rasch dass etwas nicht stimmt. Dass Jona ihm etwas verheimlicht, oder schlimmeres. Der kleine, oh–so–kostbare Hoffnungsschein, der eben noch hinter seinen Augen brannte, erlischt schlagartig. Als ob die Schotten heruntergehen.
Das zu sehen tut Jona unerwartet mehr weh als alles andere zuvor, aber er beißt die Zähne zusammen. Seine Emotionen dürfen ihn nicht behindern, am wenigsten in diesem kritischen Moment. Er zwingt sich, Matreus' Blick zu fangen, zu halten, und wenn er religiös wäre würde er beten dass das reicht. "Ich habe Amalie nicht kontrolliert", gesteht er, spricht so schnell und klar wie er es vermag. "Du weißt doch, sowas mache ich nicht. Um Luft zu bekommen habe ich ihr gesagt, dass sie zum Dorf laufen und Hilfe holen soll. Ich dachte, das braucht so lange, bis dahin sind wir hier raus."
Es bleibt ihm nur zu hoffen, dass Matreus nicht zu verletzt sein wird von diesem doppelten Geständnis – dass er ihn angelogen hat ("Lügner!"; Jona zuckt innerlich zusammen, als er sich an den Wutausbruch von vorhin erinnert), und dass er quasi von Anfang an geplant hatte, ihn dazu zu bringen, ihn freizulassen.
Wenn will er eigentlich veräppeln, Matreus wird toben. Fuck!
"Du…hast was." Okay, noch klingt er ruhig, aber es ist die Ruhe des Sensenmannes.
Jona spürt, wie er sich langsam in der Panik verliert, kann sich aber nicht zurückhalten. "Hör zu, ich wollte keine Kontrollmagie verwenden okay? Und ich musste sichergehen dass sie geht. Ich habe gelogen weil ich ja kaum die Wahrheit sagen konnte, solange sie das noch hört. Sie musste sich in Sicherheit wägen! Und ich dachte wirklich wir sind schon längst weg bevor irgendwer zurückkommt." Doch Matreus macht dicht. Ich verliere ihn, ich verliere ihn wirklich. Tränen steigen ihm ungewollt wieder in die Augen. Es ist okay, sagt er sich, wenn ich ihn auf dieser Ebene verliere. Solange er lebt. Solange er lebt. Er wiederholt es wie ein Mantra, und atmet tief durch. Reißt sich noch einmal zusammen. "Bitte, wir müssen sofort los." Matreus rührt sich nicht. "Ich habe mein Equipment nicht mehr, aber du bist doch ohne hergekommen, oder? Bitte, verrate mir wie, wir müssen zurück, sofort!" Matreus starrt ihn immernoch nur an. Jona will ihn schütteln. "Die töten dich!!"
Da. Er hat es ausgesprochen. Wenn Matreus sich jetzt, warum auch immer (aus verletzten Gefühlen, Gefühlen, die du verletzt hast, flüstert eine kleine böse Stimme in ihm – halt die Klappe, sagt er der Stimme), weigert zu gehen – wenn er auch nur ZÖGERT – ist sein Leben ernsthaft in Gefahr. Er ist ein mächtiger Magier, aber gegen eine Truppe, die dafür geschmiedet wurde, diese zu bekämpfen? Jona will es auf keinen Fall riskieren.
Er wird bleiben und an seiner Seite kämpfen und sterben, wenn nötig, das steht für ihn außer Frage. Immerhin ist die Gegenwart sicher, denkt er noch. Wenn Amalie den Stein noch nicht geholt hat, wird sie das bestimmt bald tun. Er will nicht daran denken, dass er die Sicherheit der Gegenwart vielleicht mit Matreus' Leben erkauft hat, egal wie unabsichtlich oder indirekt. Das kann er nicht. Dieser Gedanke würde ihn vollends lähmen, und das kann er sich jetzt auf keinen Fall leisten.
Er wendet sich der Scheunentür zu. Die Reiter kommen schnell näher, sie haben vielleicht noch eine Minute. Immerhin lassen seine Schmerzen nach, und solange das Adrenalin kickt, setzt noch keine große Erschöpfung ein. Er atmet nocheinmal durch, müht sich, mindestens den kleinsten Anflug eines meditativen Zustands zu erreichen. Leitet testweise etwas Magie durch seine Meridiane. Zwar hat er lange nicht mehr richtig gekämpft (Matreus zählt nicht), aber –
"Was machst du da?", fragt Matreus. Von allen Fragen!
"Wie sieht es aus? Wenn wir hier nicht wegkommen, können wir uns immerhin nicht kampflos ergeben!" Es kostet Überwindung, aber er muss es aussprechen. Wenn auch nur die geringste Chance besteht, noch zum Matreus durchzudringen… seine Gefühle sind längst egal, wenn sie je wichtig waren. (Waren sie nicht. Nicht neben Matreus' Leben.) "Sie werden wahrscheinlich nichtmal zulassen, dass du dich ergibst."
Nach ein paar Sekunden Stille dreht er sich um, und trifft Matreus' entgeisterten Blick.
"Was?!", fragt Jona, vielleicht etwas zu schnippisch.
Matreus blinzelt. "Ich…" Er bricht ab. Sieht zu Boden, kämpft sichtlich mit sich. Setzt erneut an. In fast schon mechanischem Ton sagt er "Ich kann nicht ohne Ergebnis zurück zum Meister." Leiser, fast wie zu sich selbst, wiederholt er es. "Ich kann es nicht."
Jona ist entgeistert. "Und du kannst hier sterben?!" Matreus antwortet nicht, aber der Blick, den er Jona daraufhin schenkt, macht sein Inneres zu Eis. "Was hat er dir angetan." Jetzt ist es Jona, der eigenartig tonlos klingt. Sein Tonfall ist nichtmal wirklich fragend, als will er sich instinktiv vor der Antwort schützen. Aber das darf er nicht – er darf nicht jetzt, von allen Zeitpunkten, feige sein. Er muss es wissen. "Was macht er wenn du mit leeren Hände zurückkehrt, Matreus?" Er schafft geradeso, den Satz nicht zu schreien.
Die Kavallerie ist vielleicht noch dreißig Sekunden entfernt.
Matreus wendet sich ruckartig von ihm ab, scheint seiner eigenen Haut entkommen zu wollen, rennt auf vielleicht 50cm Fläche auf und ab, immer nur einen halben Schritt. Windet sich geradezu auf der Stelle, wie eine physische Karikatur seiner aussichtslosen Lage.
Jona fasst einen Entschluss.
Er greift in seine Tasche – und zieht seinen Ring heraus. "Hier", sagt er, und greift nach Matreus' Hand. Öffnet sie und legt den Ring hinein, schließt sie darum. "Nimm den. Das ist nicht Nichts. Das schwächt mich, und wird euch wohlmöglich Vorteile bringen." Irgendwie fühlt es sich auch nach all den Jahren (den Jahrhunderten) noch seltsam an, von Zanrelot und Matreus als eine Einheit zu sprechen. Aber auch diese Gedanken nützen gerade nichts, und Jona streift auch sie ab. Es geht nur um Fakten. Es geht nur um Matreus' Überleben. Und wenn er lieber sterben würde, als Zanrelots Wut ausgesetzt zu sein… über die Implikationen kann er später nachdenken. Im Moment ist das nur ein weiteres Problem, das es zu lösen gilt, und das kann er.
"Du..wirst geschwächt sein." Matreus wiederholt seine Aussage fast wortwörtlich, verunsichert. Jona weißt dass er ihn beruhigen muss, überzeugen muss, und zwar schnell.
"Ich finde schon was anderes", sagt er, mit viel mehr Zuversicht als er fühlt. Sie wissen schließlich beide, dass der Ring verdammt einzigartig ist. "Bitte", fleht er wieder, seine Stimme bricht fast über den zwei Silben. Die Pferdehufe sind verstummt, jetzt hört man draußen nur noch Schritte. Sie haben Sekunden.
Matreus sieht ihn an und er sieht Matreus an. "Du liebst mich", sagt Matreus, und es klingt zum ersten Mal, als ob er es glaubt. Es klingt wie "ich liebe dich auch."
Jona lächelt schwach, mit aller Kraft, die ihm noch verbleibt. Das Tor knarzt. Sie schaffen es nicht mehr. Er weiß, er müsste sich jetzt umdrehen, kämpfen, aber er hat Matreus' Hand noch immer nicht losgelassen und Matreus zieht sie auch nicht weg. Es gibt nur sie beide, für diesen Moment.
Amalie stürmt in die Scheune, drängt sich an den Soldaten vorbei. "Jona!", ruft sie, verzweifelt, voller Angst, nur noch seine Leiche vorzufinden.
Doch es ist niemand mehr da. Sie sieht nur noch ein schwaches Nachbild, und glaubt, sie muss es sich einbilden. Jona und Matreus würden sich schließlich nicht… küssen…
