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[DE] before your coffee goes cold

Summary:

In den Hintergassen Seouls gibt es ein hundert Jahre altes Café mit magischen Kräften, einen vergesslichen Koch mit einem Plan und einen Arzt, der für ein wenig mehr Zeit mit dem Mann, den er liebt, bereit ist, die Regeln zu brechen.
*
Eine YoonJin Erzählung von Toshikazu Kawaguchis „Das magische Café“
*
Eine Übersetzung von before your coffee goes cold

Notes:

Anmerkungen von kay3p0p:
1. Ich hatte noch nie im Leben einen originellen Gedanken. Das hier ist inspiriert von Kapitel zwei („Das verheiratete Paar“) aus dem Buch „Das magische Café“ von Toshikazu Kawaguchi. Wenn dir irgendein Aspekt hiervon gefällt, empfehle ich wirklich es zu lesen! Ich hab mir die Handlung nichts selber ausgedacht und entschuldige mich im Voraus, falls ich es vermasselt hab, ups
2. ☕ Kaffeetassen stehen für Flashbacks

Work Text:

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In einer kleinen Hintergasse in Seoul gibt es ein Café, das seit mehr als hundert Jahren sorgfältig gebrühten Kaffee serviert.
Aber dieses Café bietet seinen Kunden eine einzigartige Erfahrung: Die Möglichkeit, in die Vergangenheit zu reisen.

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„Okay, pass auf“, beginnt Park Jimin ernst, „Es gibt drei Arten von Kunden, die dieses Café besuchen und du musst alle gut genug kennen, um ein guter Mitarbeiter zu sein. Klar?“

„Ja!“, sagt Taehyung enthusiastisch und etwas zu laut, wenn man bedenkt, dass Magic Shop ein kleines, unauffälliges, hundert Jahre altes Café ist, aber zum Glück erschrecken sich keine der Kunden.

„Okay, zuerst–“, Jimin scannt den Raum und lehnt den Kopf in die Richtung einer Ecke, wo eine zusammengesunkene Figur – momentan eher ein großer Haufen schwarzes Polster, als ein Mann – sitzt, seine Finger fliegen über die Laptoptasten. „Dieser Typ ist ein Dauergast.“

Taehyungs Augen weiten sich, während er den Dauergast betrachtet. Jimin stellt ihn als Jeon Jungkook vor, Student an einer nahegelegenen Universität mit der Angewohnheit, erst kurz vor Schluss zu pauken. Wenn Jungkook kommt bedeutet das, es ist Klausurenphase – nur dann kommt Jungkook und wenn er es tut, bleibt er ewig. Er hat auch gelernt damit strategisch zu sein und nutzt den kostenlosen Nachschank vom Magic Shop aus. Er bestellt früh am Morgen eine Tasse Kaffee, die ihn den ganzen Tag über versorgt – Er verlässt seinen Stammplatz auch nicht bis Ende der Öffnungszeit.

„Siehst du die Steckdose da drüben?“ Jimin zeigt auf einen weißen Streifen unter Jungkooks Tisch. „Das ist die einzige in diesem Café. Das Objekt der Begierde für alle, die ihren Laptop laden wollen. Jungkook kennt sich aus.“

Taehyung nickt aufmerksam, als würde er sich mental Notizen machen.

„Er redet nicht viel, bestellt nichts anderes und macht nur eine Toilettenpause am ganzen Tag.“, fügt Jimin an. „Aber ansonsten ist bei ihm alles in Ordnung. Du musst ihm keine große Aufmerksamkeit schenken.“

Dann wendet Jimin sich zum Eingang, wo ein gutaussehender Typ direkt neben der Tür sitzt. Es steht ein Iced Latte auf seinem Tisch und ein paar glänzende Magazine sind ausgebreitet. „Zweitens haben wir unsere Stammkunden.“, macht Jimin weiter. „Der Typ da drüben ist Kim Seokjin, aber weil wir uns ziemlich nahstehen, nenne ich ihn Jin-Hyung.“

„Er scheint sehr beschäftigt zu sein.“, beobachtet Taehyung. Seokjin ist abwechselnd Seiten in seinem Magazin (die scheinbar voller Fotos von Essen sind) am Blättern, Notizen am Machen und an seinem Kaffee am Nippen, und strahlt dabei eine Autorität aus wie jemand, der etwas Wichtiges tut.

„Er ist Koch.“, bietet Jimin an, als würde das alles erklären. „Er kommt so zwei oder dreimal die Woche vorbei, normalerweise nachmittags, und bestellt einen Latte. Oh, aber manchmal ist er vergesslich und fragt, ob wir Frucht-Smoothies verkaufen. Ist ganz süß.“

„Ist er nett?“

„Er ist freundlich, wenn er Lust hat sich zu unterhalten.“, antwortet Jimin. „Aber wenn er die nicht hat, kann er ein bisschen abwesend sein, deshalb frage ich ihn normalerweise zuerst, wie er sich heute fühlt.“

„Kannst du uns nachher vorstellen?“ Taehyung zieht einen Schmollmund. „Ich will einen guten ersten Eindruck machen und will das nicht ver–“

In genau diesem Moment läutet die Klingel an der Eingangstür und Jimin springt auf, als hätte ihn jemand mit Eiswasser übergossen.

„Ja sicher, später!“, schneidet er Taehyung das Wort ab, rauscht zur Espressomaschine und drückt ein paar Knöpfe. „Unser dritter und wichtigster Kunde ist hier!“

Die Tür öffnet sich und Taehyung sieht, wie ein großer, sonnengebräunter Mann hineinspaziert, seine Ausstrahlung fast zu groß für das überfüllte Café. Er trägt hellblaue OP-Kleidung, obwohl der Stoff auf seinen Schultern dunkler ist, als hätte es geregnet, also muss das Wetter etwas düster sein.

Gerade als der Mann in Hörweite kommt, sagt Jimin im Flüsterton: „Ich nenne ihn Hit and Run.“

Für einen Moment fragt Taehyung sich, ob er Angst haben sollte: Mr. Hit and Run ist mindestens 1,80m groß, seine Brust mega definiert und seine Arme sehen aus als könnten sie ihn ohne Probleme in den Schwitzkasten nehmen. Taehyung schluckt. Aber als er Jimin entdeckt und lächelt tauchen zwei bezaubernde Grübchen auf und Taehyung entscheidet in diesem Moment, dass er unmöglich besonders gefährlich sein kann.

„Guten Morgen Jimin-ah“, grüßt er, die Augen in Halbmonde gebogen. „Ich nehme –“

„Ah, Hyung“, neckt Jimin ihn in einem Ton, der definitiv nichtmehr sehr professionell ist. „Du weißt doch, du brauchst es mir nicht mehr sagen. Ich könnte deine Bestellung im Schlaf machen.“ Er reicht einen perfekt getimten To-Go Becher rüber, als wäre das kein Aufwand.

Mr. Hit and Run macht eine halbe Verbeugung, reicht sein Geld rüber und murmelt ein schnelles Dankeschön. Er genießt den ersten Schluck, die Hitze muss eine angenehme Abwechslung zu dem Platzregen draußen sein. „Du bist mein Lebensretter.“

Jimin kichert. „Aber Namjoon-Hyung, du bist wortwörtlich Arzt!“

Namjoon schüttelt den Kopf und lacht auch. „Du weißt, was ich meine. Allesklar, ich geh dann jetzt. Danke für den Kaffee!“

„Nimm einen Regenschirm mit!“, ruft Jimin ihm nach als Namjoon geht und die Türklingel wieder läutet. „Es regnet da draußen!“ Als er sich sicher ist, dass Namjoon weg ist, seufzt Jimin und entknotet seine Schürze, als wäre er fertig für heute.

Taehyung wartet ganze drei Sekunden bevor er spricht. „Was war das?“

„Ich nenne ihn Hit and Run, weil ich seit zwei Monaten versuche mit ihm zu flirten und alles, was er tut, ist flüchten.“, beschwert sich Jimin und kommt hinter der Theke hervor. „Ich meine, klar, es sind Leute am Sterben und nur seine sexy Wenigkeit kann sie retten, aber… hallo? Hast du mich mal gesehen? Ich bin mir sicher das Krankenhaus kann 5 Minuten warten.“

„Definitiv.“, stimmt Taehyung zu, weil was soll man seinem direkten Vorgesetzen am ersten Arbeitstag auch sonst sagen? „Warte. Du hast gesagt wir haben drei Arten von Kunden – waren das alle? Sind das die einzigen drei Leute, die für Kaffee reinkommen?“

„Naja, ja.“, Jimin nickt. Anscheinend war er nicht einfach dramatisch gewesen als er die Schürze abgenommen hatte. „Unser Café ist im Keller eines alten Gebäudes in irgendeiner Hintergasse, Taehyung-ah, und unser Schild wurde nicht erneuert, seit es Hoseok Großmutter gehört hat.“

Sollte Taehyung sich Gedanken machen, ob sie genug verdienten, um den Ort am Laufen zu halten? Ne, er beschließt, dass das Problem weit über seinem Stundenlohn liegt. Andererseits ist es erst 10 Uhr morgens, also kann er nicht anders als zu fragen. „Und was machen wir jetzt?“

„Ich stell dich Seokjin-Hyung vor!“ Jimin greift mit neuem Elan nach seiner Hand.

Das Café ist klein genug, dass Seokjin vermutlich ohne es zu wollen bereits alles gehört hat, aber er ist so nett, so zu tun, als wäre dem nicht so. Die zwei Angestellten bahnen sich in fünf großen Schritten ihren Weg zu seinem Tisch, das gleiche Grinsen auf ihren Gesichtern.

„Jin-Hyung!“, sagt Jimin mit einem Hauch Vertrautheit. „Wie fühlst du dich heute?“

Als der Mann seinen Namen hört hebt er seinen Kopf und Taehyung schnappt beinahe laut nach Luft, als er sein Gesicht sieht. Das durchgehend gelbliche Licht des Cafés trifft seine Gesichtszüge gerade richtig, als wäre er aus einem glitzernden Tagtraum entwichen.

Seokjin antwortet mit einem Lächeln. „Wie ein klarer Frühlingstag.“

„Oh nein, aber es regnet draußen.“, erinnert Taehyung nutzlos.

„Nein, nein, das bedeutet es geht ihm gut.“, flüstert Jimin als Anmerkung, aber Seokjin sieht ganz unbedrückt aus. „Das sagt er immer. Das ist Jin-Hyung Sprache für 'glücklich'.“ Als würde er sich an seine Manieren erinnern schaut er den älteren Mann wieder an. „Übrigens Hyung, das hier ist Kim Taehyung, er ist neu im Café. Bitte gib auf ihn Acht.“

„Schön Sie kennenzulernen, Kim Taehyung.“ Seokjin verneigt sich leicht.

Taehyung tut es ihm gleich und nachdem die Vorstellungsrunde vorbei ist, kann er sich nicht zurückhalten und fragt: „Woran arbeiten Sie, Seokjin-ssi?“

„Einem Plan.“, sagt Seokjin und hält einen braunen Umschlag hoch, als wäre er nichts Besonderes. Erst ist sein Gesicht ausdruckslos, aber als er die zwei Paare neugieriger Augen bemerkt grinst er. „Seht ihr, Ich werde in die Vergangenheit reisen.“

 

*

 

Als Taehyung sein Einstellungsgespräch mit dem Café Besitzer hatte, erzählte er Jung Hoseok er bräuchte einen Tagesjob, während er mit seiner Künstlerkarriere startete. Das war eine Lüge. Naja, Halblüge. Seine Künstlerkarriere lief gut.

Die ganze Wahrheit ist, dass er allein wegen der Legende bei Magic Shop arbeiten wollte. Nämlich, dass es ein magisches Café war, mit magischem Kaffee, der Menschen in die Vergangenheit schicken konnte.  

Seine Großmutter hatte sie ihm erzählt als er klein war, auch wenn seine Eltern es immer als Ammenmärchen abgetan hatten. In der Geschichte heißt es, es gäbe ein ungewöhnliches (oder vielleicht außergewöhnliches?) Café in Seoul mit einem magischen Gebräu, das jemanden in die Vergangenheit schicken könne. Das Café existierte seit dem 19. Jahrhundert und obwohl niemand weiß, wo die Magie herkommt, oder wie das überhaupt angefangen hat, gab es Geschichten von echten Menschen, die diese Erfahrung gemacht hatten und davon berichten konnten: Durch Entfernung getrennte Liebende, zwei Schwester, die nach jahrelangem Streit wieder zusammenfinden, eine Mutter, die ihr Kind treffen wollte.

Neugierig wie immer hatte Taehyung seine Großmutter damals nach Details gelöchert, aber alles, was er bekam, waren typisch langweilige Antworten: Es ist ein magisches Café namens Magic Shop in einer Hintergasse in Seoul.

Ihr könnt euch also seine Überraschung vorstellen, als er viele Jahre später genau dieses nichts aussagende Schild sah, als er an einem Nachmittag umherspaziert war – und seine Aufregung, als er die Worte 'Aushilfe gesucht' sah. Es war beinahe zu gut, um wahr zu sein!

Taehyung erinnert sich bis heute an die Regeln. Zeitreisen sind eine heikle Sache, hatte er schon früh gelernt. Er und seine Großmutter hatten sie früher aufgesagt wie ein Kinderlied, immer wieder und wieder – Die 7 goldenen Regeln des Magic Shop:

 

Regel 1: Die einzigen Menschen, die du in der Vergangenheit treffen kannst, sind die, die bereits den Magic Shop besucht haben.

Regel 2: Egal wie sehr du es versuchst, nichts, was du in der Vergangenheit tust oder sagst, kann die Gegenwart verändern.

Regel 3: Es gibt nur einen Platz, an dem du in die Vergangenheit reisen kannst.

Regel 4: Die Kaffeezeremonie kann nur von einem Mitglied der Jung-Familie ausgeführt werden.

Regel 5: In der Vergangenheit angekommen musst du sitzen bleiben.
Stehst du auf oder verlässt den Platz, wirst du automatisch in die Gegenwart zurückkehren.

Regel 6: Du kannst die Vergangenheit nicht mehrfach besuchen.
Du hast nur eine Chance.

Regel 7: Die Zeit ist begrenzt.
Du musst zurückkehren, bevor dein Kaffee kalt geworden ist, oder du gehst für immer in der Zeit verloren.

 

*

 

An seinem dritten Tag im Café sieht Taehyung einen neuen Kunden. „Jimin-ah! Was ist mit ihm?“, flüster-brüllt er, als er den Typ eintreten sieht.

Jimins runder Kopf taucht im Küchenfenster auf. „Was? Wer?“

„Du hast gesagt wir haben nur drei Arten von Kunden.“, erinnert Taehyung und zeigt schnell auf Jungkook den Dauergast (immer noch am Büffeln), dann Seokjin den Stammkunden (immer noch am lesen) und piekst seine Wange um auf Namjoon, Mr. Hit and Run, anzuspielen. Dann gestikuliert er in Richtung des Neuankömmlings und fragt „Welche Sorte ist er?“

Aber es ist schon zu spät. Der Typ steht direkt vor ihm und muss zweimal hingucken, als er Taehyung anstatt Jimin hinter der Theke sieht. Das Outfit des Neuen erinnert Taehyung an das, was Namjoon getragen hatte. Vielleicht ist er auch Arzt?

„Oh Yoongi-Hyung ist ein Stammkunde.“, sagt Jimin ohne Rücksicht darauf, dass Yoongi sie hören kann. Sein gelassener Ton suggeriert, dass man sich um ihn auch keine Sorgen machen musste.

„Wie ist es heute?“, fragt Yoongi, obwohl die Frage eher an Jimin statt Taehyung gerichtet ist.

Jimin scheint zu verstehen was Yoongi wirklich fragt, denn er antwortet: „Seokjin-Hyung geht es gut. Beschäftigt wie immer. Sagt er will in die Vergangenheit reisen.“

Genau in diesem Moment macht Seokjin auf sich aufmerksam. „Entschuldigung, kann mir bitte jemand nachschenken?“

„Klar!“, ruft Taehyung und gibt Jimin ein Zeichen, dass er sich drum kümmert, sodass er sich weiter mit Yoongi unterhalten kann.

Seokjin hat heute gebrühten Kaffee bestellt, was kostenloses Nachfüllen bedeutet. Taehyung läuft mit der Kaffeekanne zu ihm und wirft einen Blick auf die üblichen Küchenmagazine und Seokjins dazugehörenden Notizen, während er seine Tasse nachfüllt.

„Tonkatsu, frittiertes Hähnchen und süß-saures Schwein?“, sagt Taehyung, um die Stille zu füllen. „Interessantes Menü, Seokjin-ssi.“ Er antwortet nicht, aber er bittet Taehyung auch nicht, ihn in Ruhe zu lassen, also redet der Jüngere weiter. „Übrigens… du hast uns nie den Rest deines Plans erzählt. Weißt du, für wenn du in die Vergangenheit reist?“

Für jemand anderen wäre die Frage vielleicht zu persönlich gewesen, aber Seokjin schien unbeeindruckt. „Oh, das?“, sagt er. „Ich muss bloß jemand Wichtigem einen Brief geben. Jemandem den ich liebe.“

Gutaussehend und romantisch? Taehyung muss sich vom Schwärmen abhalten und zwingt sich stattdessen zu einer angemessenen, lässigen Reaktion. „Das ist wirklich toll Seokjin-ssi! Für wen ist er?“

„Meinen Ehemann.“, lächelt Seokjin.

Taehyung schnappt laut genug nach Luft, dass das ganze Café es hören kann. „Du bist verheiratet?!“ Als er Seokjins schlanke Hände betrachtet findet er tatsächlich einen glänzenden Silberring an seinem vierten Finger. Wie war ihm das vorher nicht aufgefallen? „Wer ist denn der Glückliche? Kommt er auch ins Café?“

„Naja, mein Mann…“, sagt Seokjin und sein Lächeln fällt ein bisschen. Er wedelt mit der Hand durch die Luft, zögert es heraus. „Mein Mann… er ist ein echter Mensch. Das kann ich dir sagen. Ein echter Mensch mit einem Namen.“

Eine seltsame Art zu antworten, aber Taehyung nickt geduldig. „Okay. Und was ist sein Name?“

„Sein Name…“, wiederholt Seokjin, aber aus irgendeinem Grund kneifen sich seine Augenbrauen zusammen, als hätte Taehyung eine besonders schwierige Frage gestellt. „Sein Name… ist koreanisch…“

„Aha. Ich schätze du stehst nicht so auf Ausländer. Ich auch nicht.“ Taehyung hat keine Ahnung, warum er Kommentare dazu abgibt, aber er hat Seokjin noch nie so verlegen gesehen und hat das Gefühl das Richtige zu tun.

„Ja. Koreanisch.“ Seokjin sieht aus, als würde er plötzlich nach Worten ringen. „Der Name von meinem Mann. Tut mir leid, das ist seltsam – Ich kann mich gerade nicht dran erinnern. Ich muss ihn vergessen haben.“

Das Einzige, was Taehyung rausbekommt ist: „Oh…?“

Plötzlich beginnt Yoongi am anderen Ende des Raums zu lachen. „Yah, Seokjin-Hyung! Wie konntest du den vergessen!“ Sein Ton klingt für Taehyung seltsam informell. War er Kim Seokjin am Ärgern? Vielleicht standen sie sich nahe. Jimin hatte schließlich gesagt sie wären beide Stammkunden. Taehyung bekommt das Gefühl, er war hier einen Insider am Verpassen, aber–

Seokjin antwortet nicht.

Die Stille zieht sich ein wenig zu lange hin. Yoongis Lache lösts sich in nichts auf. Er nähert sich langsam Seokjins Tisch, als wollte er, dass der Ältere ihn besser, richtig sehen kann. Vielleicht täuschte er sich. „Jin-Hyung?“

Seokjin neigt den Kopf und betrachtet den Mann, der ihn so vertraut angequatscht hat. Schließlich, als hätte er lange genug nachgedacht, sagt er: „Entschuldigung, dass ich Sie das frage, aber kennen wir uns?“

Als sich diese Szene vor ihnen entfaltet, rutscht Jimin das Herz in die Hose. Taehyung kann die Stimmung im Raum gut genug erfassen, um zu wissen, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.

Direkt vor Seokjin – ein Mann dessen Namen er nicht kennt, dessen Gesicht er nicht erkennt, dessen Ehering am Finger er nicht als Gegenstück zu seinem eigenen identifiziert – steht Min Yoongi. Seokjins Ehemann.

 

☕️

 

Den Sommer bevor Yoongi sein Studium in Biowissenschaften begann (seinen Eltern zuliebe), nutze er, um die letzten Reste seiner Freizeit auszukosten (seinem Verstand zuliebe).

Yoongi hatte in seiner Jugend viel Hip-Hop gehört, aber als er in der Highschool eine Raubkopie von DJ Suite runtergeladen hatte – da war das Wunder geschehen. Er hatte nach und nach mit eigenen Beats experimentiert und es hatte ihn selbst überrascht, wie viel Spaß es ihm machte. Wann immer er aus den Fängen der Nachhilfe befreit war, versuchte er seinen eigenen Kram zu schreiben, bloß ein paar einzelne Verse hier und dort. Er schlich sich sogar hinaus, um Underground Rap Battles in den fragwürdigeren Teilen Daegus zu sehen. Dann wurde er neugierig, ob er sich mit den großen Jungs messen konnte, also machte er mit. Es begann als eine neue, spaßige Sache zum Ausprobieren. Und dann fing er an zu gewinnen.

Seine Beliebtheit in der Untergrundszene stieg schnell als Agust D, ein schlaksiger Bengel in seinen frühen 20ern, der harmlos in der Menge aussah, aber anfing Feuer zu spucken, sobald er ein Mikrofon in die Hand bekam. Es war beinahe lustig, wie diese erwachsenen Männer den Schwanz einzogen, wenn sie realisierten, dass Agust D Hackfleisch aus ihnen machte. Darin ging Yoongi richtig auf.

Er war jung, leichtsinnig und ehrlich gesagt im Rausch seines vorrübergehenden Ruhmes – und dieses Mal suhlte er sich darin wie ein König auf seinem Thron. Eingebildet, klar, aber er hatte sich das verdient. Das waren schließlich Agust Ds letzte Momente bevor er erwachsen werden musste und seine Seele verkaufen, um einer langweiligen Arztkarriere nachzugehen.

Als also ein großer, gutaussehender Fremder sich seinen Weg zum Thekenplatz direkt neben dem Agust D erkämpfte, und dann auch noch direkt nach einem hitzigen Rap Battle (das er übrigens gewonnen hatte), wusste Yoongi bereits was passieren würde.

Der Typ sah nicht aus, als wäre er regelmäßig hier – er war hübscher und herausgeputzter als alle anderen, die in dieser Szene ein und ausgehen, das konnte Yoongi in den ersten zwei Sekunden sehen – aber der Fremde sah überhaupt nicht fehl am Platz aus. Er schaffte es, einen betrunkenen Gast aus dem Weg zu schieben und nahm sich den Hocker neben Yoongi. (Nicht, dass Yoongi jemals einen Fan daten wollte, aber Hartnäckigkeit stand diesem hier gut.)

Der hübsche Junge nickte ihm einmal zu, als er Yoongis Blick auf sich bemerkte. „Hey.“

„Hey.“, antwortete Yoongi. Direkt hier platziert konnte Yoongi einen bessern Blick auf ihn werfen: Seine strahlende, klare Haut, seine kirschroten Lippen, seine elegante, gerade Nase – als er bei den langen Wimpern des Mannes ankam, riss Yoongi sich zusammen und fragte sich, warum zu Hölle er die Gesichtszüge irgendeines Typen am Vermerken war.

Die Unterhaltung stockte, weil der hübsche Fremde sonst nichts mehr sagte. Yoongi nahm an, er musste nervös sein, so wie er neben dem beliebtesten Underground Rapper Daegus saß. Den ersten Schritt machend, beschloss Yoongi nachsichtig zu sein und fragte: „Na, kommst du öfter?“

„Hierfür? Ja.“, sagte der Typ und biss sich schamlos auf die Lippe, obwohl er Yoongi nicht direkt ansah. Er schaute eher in Richtung Küche.

Vermutlich schüchtern, dachte Yoongi. „Du musst ein großer Fan sein.“

Der Typ nickte mit plötzlichem Enthusiasmus auf seinem Gesicht. „Definitiv. Nicht genug Leute sind das, aber ich glaube es ist nur eine Frage der Zeit. Ich finde nichts anders in ganz Seoul ist vergleichbar.“

„Wirklich?“ Yoongi war beeindruckt von dem Lob und lachte leise. Das musste das extravaganteste Kompliment sein, dass er jemals für seinen Rap bekommen hatte. Er versuchte nicht überheblich zu wirken, aber sein unverkennbares Lächeln verriet ihn. „Und was gibt dir diesen Eindruck?“

„Das ist eine gute Frage.“ Der Typ überlegte ernsthaft, strich sich sogar übers Kinn, während er nachdachte und Yoongi wurde immer neugieriger auf die Antwort. „Ich glaube für mich zählt hauptsächlich… der Geschmack, weißt du?“

Geschmack war eine interessante Wortwahl, aber mit Sicherheit, jeder Rapper brachte seinen eigenen Geschmack in die Verse. Zumindest wenn sie ihre eigenen Raps überhaupt schrieben. Er nickte und trank sein Bier, spornte der Fremden an, weiterzureden.

Der Typ fuhr fort. „Es ist die perfekte Kombination von kalt und herzhaft und ein bisschen süß, aber auch pikant.“

Hm… okay. Es wurde wesentlich seltsamer. Aber okay, Yoongi konnte für einen so süßen Typen bestimmt über ein paar seltsame Metaphern hinwegsehen. Er wartete auf eine weitere Erklärung.

„Andererseits bin ich sehr pingelig, was meine Noods angeht.“

Yoongi spuckte beinahe sein Bier aus. „Deine was?“

„Meine Noods?“, sagt der Typ nochmal, als wäre Yoongi selber schuld, dass er ihn beim ersten Mal nicht verstanden hatte. „Ich rede über Nudeln?“

„Was zur Hölle“, hustet Yoongi und schüttelt den Kopf. „Wer nennt das bitte so?“

„Du hast doch nach dem Naengmyeon gefragt, oder?“, stellte der Typ klar, als würde er langsam auch von ihrem Gespräch verunsichert. „Ich weiß das hier ist eigentlich ein Nachtclub oder so, aber die servieren hier das beste Bibim Naengmyeon das ich je probiert habe.“

„Warte. Du weißt also nicht, wer ich bin?“ Yoongi wischt sich etwas von dem verschütteten Bier vom Mund und versucht den Rest seiner Würde zu retten. „Du warst nicht fürs Rap Battle hier?“

„Das was?“ Der Fremde kratzt sich am Kopf. „Oh du meinst das Zeug, weshalb eben jeder rumgebrüllt hat? Ne, ich bin nur wegen dem Essen hier. Ah, da ist es ja!“

Sein Blick war auf den Kellner, der gerade mit einer unscheinbaren Schüssel aus der Küche kam, fixiert. Die Augen des Mannes funkelten geradezu mit Erwartung und aus irgendeinem Grund lächelte Yoongi ebenfalls – halb gerührt und halb in Ehrfurcht. Wie konnte man so begeistert von einer Schüssel Nudeln sein?

Der Kellner stellte die Schüssel vor dem Typen ab und dieser verschwendete keine Zeit und stürzte sich auf die Brühe und dann die Nudeln. Er machte eine große Show daraus auszudrücken, wie lecker er es fand – schlürfen, mmm-en, beinahe am Stöhnen – bevor er aufsaß und sich Yoongi zuwendete.

„Hier, willst du mal probieren?“, bot er freundlich an.

„Ich nehme normalerweise kein Essen von Fremden an.“, sagte Yoongi, aber es seine Stimme hatte einen verspielten Ton, der verriet, wie leicht er zu überreden war.

Er dachte einen Moment drüber nach, bevor er die Hand ausstreckte. „Ich bin Kim Seokjin.“

Yoongi zögerte einen Moment, aber er hatte eine Menge fragwürdigere Dinge für kostenloses Essen getan. Schließlich entschied er, dass es keine bessere Art gab, seine Jugend abzuschließen, als sich mit einem gutaussehenden Fremden anzufreunden. Yoongi nahm die Hand und schüttelte sie. Sehr sanft. „Min Yoongi.“

„So. Keine Fremden.“, sagte Seokjin abschließend und gab ihm ein kleines Lächeln. Er tunkte den Löffel in die Schüssel, um etwas von der Brühe aufzunehmen und hielt ihn wie eine offene Einladung hin. „Jetzt probier das hier. Ich verspreche dir, dieses Naengmyeon wird dein Leben verändern.“

Yoongi konnte es damals nicht wissen – nicht an der Art wie er sich vorbeugte, um das lebensverändernde Naengmyeon zu probieren – aber Seokjin hatte damit absolut Recht gehabt.

 

*

 

„Er kann sich überhaupt nicht an mich erinnern, Namjoon-ah.“, seufzt Yoongi. Die beiden sitzen auf einer Bank in einem der versteckten Atriumgärten, einem Ort an dem sonst niemand wirklich innehält. Nachdem er realisiert hatte, dass Seokjin tatsächlich nicht am Scherzen war, hatte Yoongi sich entschuldigt und das Café verlassen, um keine Szene zu machen.

Medizinisch gesehen hatte er gewusst, dass es so kommen würde. Seokjin hatte nach und nach mehr vergessen, also war das wirklich nicht aus heiterem Himmel gekommen. Manchmal hatte Seokjin vergessen, dass sie jemals verheiratet waren. Aber selbst dann hatte er immer Yoongi Gesicht erkennen können.

An den Tagen, an denen er sich nicht Min Yoongi, seinen Ehemann, erinnerte, gab Seokjin ihm andere Titel: Min Yoongi, der Typ mit dem er im Café nett plaudern kann. Oder Min Yoongi, der Typ, der manchmal schöne Spaziergänge mit ihm machte. Min Yoongi, der mit den Einkäufen hilft. Min Yoongi, mit dem Hund im Park.

Und gestern – gestern war gut gewesen. Nach seiner Schicht im Krankenhaus hatte Yoongi Seokjin abgefangen als er gerade das Café verlassen hatte und sie waren gemeinsam nach Hause gegangen, wie in alten Zeiten. Es war gut. Sie verdienten gut.

Aber heute nichts. Gar nichts.

Als Arzt wusste Yoongi natürlich, dass das der natürliche Fortschritt der Symptome war. Aber als Ehemann wurde ihm das viel zu früh zu viel.

„Tut mir leid, Hyung.“, sagt Namjoon. Er kann nicht viel mehr anbieten. Das Beste, was er tun kann, ist seinem Kollegen einen mitfühlenden Blick zu geben, aber natürlich schaut Yoongi ihn nicht mal an.

„Mir auch.“

„Weißt du, wie es jetzt weitergeht?“, fragt Namjoon.

Yoongi atmet tief durch. Er hasst, dass er diese Entscheidungen allein treffen muss. Dass er und Seokjin nicht so weit geplant hatten. Dass sie so optimistisch gewesen waren, wenn die Zeit doch so grausam war.

„Ich werde mit dem Vorstand reden. Sie überreden, dass ich sein Arzt werde.“ Die Worte klingen robotisch, sogar auswendiggelernt, wie sie aus Yoongis Mund kamen, als hätte er sich darauf vorbereitet, sie zu sagen. „Es wird einfacher so sein.“ Er kann nicht voraussehen, was die Direktoren sagen werden, schließlich soll man Familienmitglieder und Partner:innen nicht selbst behandeln, aber einen Versuch ist es wert, wenn sein Ehemann sich nicht mal  an seinen Namen erinnern kann.

Yoongi ringt mit seinen Händen, als würde er etwas Wichtiges betrachten. Er sieht nicht den nachträglichen Blick, den Namjoon ihm zuwirft. Ein Zeichen, dass er sehr, sehr vorsichtig vorgeht wenn er den Mund öffnet. „Ehm, Hyung… denkst du nicht, dass dich das noch mehr verletzen könnte? Ich, ehm, mein ja nur.“

„Nein.“

„Ich weiß, wie schwierig das sein muss Yoongi-Hyung und ich sage das, weil ich mich um dich sorge.“, redet Namjoon weiter und aus irgendeinem Grund macht ihn der stoische Blick seines Hyungs nur nervöser. „Manchmal tut es umso mehr weh, wenn man jemanden sehr liebt, weißt du? Und es gibt so etwas wie zu viel Nähe. Besonders wenn man Arzt ist.“

Yoongi sagt nichts.

Namjoon füllt die angespannte Stimmung, indem er noch mehr redet. „Und du solltest dich nicht in der Pflicht sehen dir selbst wehzutun, nur weil du jemanden liebst. Ich meine, manchmal ist es besser, loszulassen. Besonders für dein eigenes Wohlergehen.“ Namjoon ist sich nicht sicher, wo der ernsthafte Ratschlag aufhört, und der Hirnfurz anfängt, aber er kann einfach nicht aufhören. „Du solltest in dieser Situation auch an dich selbst denken, Hyung. Du müsstest das Gewicht eurer Ehe ganz allein tragen, dich Seokjin-Hyung immer wieder und wieder vorstellen, dich einer anderen Version von ihm jeden Tag anpassen… es ist tatsächlich total legal sich aufgrund von Alzheimers scheid-“

„Namjoon.“, sagt Yoongi. Er spricht tief und zieht jede Silbe in die Länge, so dass Namjoon das kristallklar versteht. „Ich lasse nicht zu, dass Hyung mich vergisst.“

Namjoon tritt sofort den Rückzug an. „Oh Hyung, so meinte ich das nicht-“

„Wenn ich nicht sein Mann oder Arzt sein kann, dann wenigstens sein Freund. Oder ein Fremder. Oder als wen auch immer er mich braucht.“ Yoongis Gesicht ist steinhart, der Kiefer angespannt. „Aber ich kann nicht einfach danebenstehen und zusehen, wie ich aus seinem Leben verschwinde. Nicht wenn er der Mittelpunkt von meinem ist.“

Yoongi war immer dickköpfig gewesen, wenn es nötig war und jeder konnte sehen, wie sehr er Seokjin vergötterte. Natürlich würde er selbst konfrontiert mit so etwas auf seine Entscheidung bestehen. Es war sinnlos das in Frage zu stellen. Namjoons Schultern sinken; er schämt sich, dass er das Gegenteil angedeutet hat.

Unsicher, was er sonst sagen soll, legt Namjoon eine Hand auf Yoongis Schulter und hofft, dass es als Akt der Solidarität verstanden wird. Wenigstens zuckt Yoongi nicht zusammen. „Wenn der Vorstand dich die Behandlung nicht übernehmen lässt, dann mache ich das Hyung.“, sagt Namjoon sanft. „Du bist nicht allein. Ich will dir und Jin-Hyung helfen, wie ich nur kann.“

Yoongi nickt. Seine eigene Art, Danke zu sagen. Sie sitzen dort für eine Weile, niemand sagt was und beide finden sich langsam mit der dem Ernst der Situation ab.

„Heute ist so beschissen.“, sagt Yoongi mit einem tiefen Seufzen – die meiste Emotion, die er während dieser ganzen Konversation gezeigt hat. „Und ich hab nicht mal meinen verdammten Kaffee bekommen.“

 

 

Seokjin umklammerte seine warme Tasse vorsichtig und lächelte vergnügt.

Yoongi mochte seinen Americano abends extra heiß und nur am Morgen kalt. Seokjin wusste das auswendig, besonders weil Koffein das einzige war, das Yoongi während der langen Stunden seines Medizinstudiums am Leben hielt. (Trotz aller Bemühungen kam Seokjin bloß an zweiter Stelle.)

Es war beinahe Mitternacht und abgesehen von einer kleinen Tischlampe auf Yoongis überfüllten Schreibtisch, war es stockdunkel im Wohnzimmer. Er war übergebeugt und hielt den Kopf in den Händen, zwang sich physisch dazu, aufrecht zu bleiben und noch ein Kapitel zu lesen.

Es war das erste Jahr, dass sie verheiratet waren, und bisher hatte Yoongi mehr als die Hälfte der Zeit mit der Nase in seinen Büchern verbracht. Das KMLE* stand gerade vor der Tür. Sechs zermürbende Jahre Studium und am Ende kam es nur auf eine Lizenzklausur an. Kein Druck oder so. Ist ja nicht so, als würde seine medizinische Karriere davon abhängen. Ist ja nicht so, als wäre die Anerkennung seiner Familie von nur einer einzigen Punktzahl abhängig. Yoongi verlor den Verstand.

Seokjin tapste zu ihm hin und platzierte die Tasse in der einzigen Ecke, die nicht mit Papier bedeckt war. „Konzentrier dich Yoongi, Fighting!“

Er ignorierte den Kaffee und fiel mit dem Gesicht zuerst auf den Tisch, stöhnte frustriert. „Uff. Wozu überhaupt?“

Seokjin lehnte sich gegen den Türrahmen und tat so, als würde er drüber nachdenken. „…weil du Arzt werden möchtest?“

„Nein, das ist es nicht.“ Selbst mit dem Gesicht auf den hölzernen Tisch gequetscht schaffte es Yoongi, so sturköpfig wie immer zu klingen.

„Hmm… wie wäre es mit…“ Seokjin strich sich das Kinn, und dachte vermutlich über andere Optionen nach. „Weil ich dir etwas leckeres koche, wenn du bestehst.“

Es musste die richtige Antwort gewesen sein, denn Yoongi nörgelte nicht. Er drehte den Kopf zur Seite, so dass sein Gesicht zu Seokjin gerichtet war. „Was denn?“

„Sag es mir. Was immer du möchtest.“

„Tonkatsu.“

„Klar.“ Seokjin lächelte. Das war seine Spezialität im Restaurant.

„Ich war nicht fertig“, grinste Yoongi und setzte sich aufrecht, hielt jedes Mal einen Finger hoch, wenn er ein Gericht nannte. „Tonkatsu. Frittiertes Hähnchen. Süß-saures Schwein. Kimchi Fried Rice. Dumplings. Schweinebauch.“

Seokjin brach in Gelächter aus – ein entzückendes, quietschendes Geräusch. „Okay, okay. Das krieg ich hin.“

Yoongi sah auch zufrieden aus. Die Falte auf seiner Stirn verschwand langsam, während er sanft lächelte, und sich vermutlich all das Essen an der Ziellinie vorstellte. Seokjin nickte beifällig, als wenn seine Arbeit hier getan wäre, und drückte sich vom Türrahmen ab, so dass Yoongi weiter lernen konnte. Bevor er allerdings einen Schritt tun konnte, hörte er seinen Mann gedämpft sprechen.

„Hyung“, murmelte Yoongi leise. „Was, wenn ich es nicht kann?“

„Was nicht kann?“, fragte Seokjin leichthin. „Alles essen?“

„Nein.“, sagte Yoongi. Seine Stimme war kaum ein Flüstern, als wäre er sich nicht sicher, ob er überhaupt gehört werden wollte. „Was wenn… was, wenn ich das hier nicht kann? Was wenn ich die Klausur nicht schreibe?“ Er seufzte, durchspielte im Kopf den schlimmsten Fall der Fälle. „Was würdest du tun, wenn ich aufgebe und stattdessen Musik mache?“

Das war etwas, worüber sie immer gescherzt hatten – etwas, das Yoongi melodramatisch in grässlichen Situationen äußern würde („Aber ich will keine Katze häuten Hyung! Ich sollte einfach aufgeben und Musik machen, nicht wahr?“) – aber diese Nacht war es anders. Da war etwas Echtes versteckt hinter den Worten. Seokjin konnte es hören.

„Wenn das der Fall ist, dann“, Seokjin zögerte nicht einmal, „Koche ich dir Tonkatsu. Frittiertes Hähnchen. Süß-saures Schwein. Kimchi Fried Rice. Schweinebauch.“

„Hyung!“, wimmerte Yoongi, aber wenigstens war er am Lachen. „Ich versuche hier ernst zu sein.“

„Was? Ich meine das ernst. Ich werds machen!“, schnaubte Seokjin zurück. „Man braucht Mut, um abzubrechen, Yoongi-yah. Und um mutig zu sein brauchst du einen vollen Magen.“

„Meine Eltern würden mich hassen.“, grübelte Yoongi und lehnte sich im Stuhl zurück. „Würdest du mich hassen? Sei ehrlich.“

„Nein.“, antwortete Seokjin bestimmt. Yoongi gab ihm einen Blick, der du bluffst doch nur sagte, also fuhr Seokjin fort, „Den Leuten 'Mein Ehemann ist Rapper' zu erzählen ist genauso cool wie 'Mein Ehemann ist Arzt', also hab ich so oder so gewonnen.“

Die Anspannung verschwand beim Geräusch von Yoongis rauem Lachen. Gott, sein Mann hatte wirklich eine andere Art von Humor. Furchtbares Timing. Kein Sinn für Anstand jeglicher Art. Und trotzdem musste Yoongi so hart lachen, dass er aus der Puste war und wenn er ehrlich war, hatte er das erste Mal seit Wochen das Gefühl wieder atmen zu können.

Seokjin wartete, bis er sich beruhigt hatte, bevor er weitersprach, der Ton etwas ernster. „Hey… Ich wird dir nicht sagen, dass du absichtlich durchfallen sollst. Ich weiß, wie wichtig dir das ist und ich weiß, wie intelligent du bist. Ich bin mir sicher, du kannst das, wenn du wirklich willst.“

Er pausierte und Yoongi stählte sich für die kommenden Worte. „Aber… wir haben oft darüber geredet. Wenn du ernsthaft die Musik wählen willst, dann ist diese Klausur vielleicht aus einem anderen Grund wichtig für dich. Vielleicht zeigt sie dir, welchen Weg du wirklich gehen willst, nicht nur den, der von dir erwartet wird.“

Schließlich sagte er die Worte, auf die Yoongi unwissentlich gewartet hatte. „Ich habe von Anfang an deine Musik geglaubt, Yoongi. Ich werde dich bei allem unterstützen, also mach dir keine Gedanken um mich. Ich geh nirgendwo hin.“

Yoongi sah auf und sein Magen kribbelte, als er sah, dass Seokjins Blick bereits auf ihm lag. Es war seltsam, wie Blickkontakt sich immer noch neu und zu intim anfühlen konnte, obwohl sie seit acht Jahren zusammen waren und seit einem verheiratet. Vielleicht würde sich Yoongi niemals dran gewöhnen. Vielleicht war das einfach der Effekt, den Seokjin auf ihn hatte.

Ohne seine innere Unruhe zu bemerken, lächelte Seokjin ihn an. Sie wussten beide, dass er eine Entscheidung getroffen hatte.

Eine gewisse Klarheit machte sich diese Nacht in Yoongi breit. Die letzten sechs Jahre Medizinstudium waren ein Aufwärtssprint zu einer Bergspitze gewesen, von der er nicht sicher war, dass er sie jemals erreichen können würde. Am Ende war er doch zu erschöpft, zu überarbeitet und zu durchgebrannt, um den letzten Schritt zu gehen. Außerdem, selbst wenn diese Lizenz zu bekommen ein Grund zum Feiern war, direkt dahinter würde doch ein weiterer Berg warten. Doktorarbeit. Spezialisierung. Subspezialisierung. Es würde kein Ende nehmen.

Teil des Drucks war Yoongi Angst vor dem Fall – dass er nicht stark genug war de Erwartungen seiner Familie zu erreichen, dass er nicht stark genug war der Mann zu sein, den Seokjin dachte geheiratet zu haben. Und obwohl Seokjins Worte zuvor einfach waren, erinnerten sie Yoongi doch an eine wichtige Wahrheit: kein Fall konnte jemals so schlimm sein, wenn Seokjin dort war, um die Landung abzufangen.

Yoongi knipste die Lampe aus und kletterte ins Bett. Er fühlte sich leicht und ruhig und sicher. Er würde immer Seokjin haben.

 

 

 

 

 

 

Eine Woche später, in einem belebten Restaurant in Myeongdong, vergaß Seokjin wie man Tonkatsu machte.

 

*

 

„Es nennt sich familiäre Alzheimer-Krankheit.“, unterbricht Namjoons Stimme Jimins und Taehyungs Streit. In dem Moment, indem Taehyung auch nur suggeriert hatte, das Seokjin einen Tag über 40 war, wusste Namjoon er musste eingreifen – das hätte sein Hyung gewollt. „Er wurde '92 geboren.“

Nach einer langen Nacht im Krankenhaus hatte Namjoon das Café genau dann betreten, als Taehyung das „Open“-Schild auf „Closed“ hätte drehen sollen. Aber ein Strahlen seiner Grübchen, und Jimin hatte plötzlich die Öffnungszeiten verlängert und bot ein spezielles Abendmenü an, von dem Taehyung vorher noch nie gehört hatte. (Es war einfach Ramen mit welchem Fleisch auch immer gerade in der Tiefkühltruhe war und eine Handvoll Frühlingszwiebeln, aber zu Jimins Verteidigung war Namjoon ernsthaft beeindruckt und schlang es runter als wäre es eine fünf Sterne Mahlzeit.)

Die drei aßen schließlich zusammen zu Abend und tauschten Geschichten von der Arbeit aus, was natürlich zu der seltsamen Situation, die sie letztens erlebt hatten, führte.

Jetzt sieht Jimin Namjoon in einer Mischung aus Schock und Verwirrung an. „Warte, hast du gerade Alzheimer gesagt? Ich dachte, diese Art von Krankheit bekommen nur alte Leute… nichts für ungut.“

Am Rand zählt Taehyung seine Finger ab und flüstert, „Jimin-ah, Seokjin-ssi ist nur 3 Jahre älter al wir!“

„Viele Leute denken das.“, sagt Namjoon freundlich. Das ist eins der Dinge, die Jimin an ihm mag. Der Mann hat vermutlich einen IQ von Hundert Milliarden, aber er spricht niemals vom hohen Ross, selbst wenn er komplizierten medizinischen Kram erklärt. „Da gibt's tatsächlich ein Stigma drum. Wenn Menschen unter 65 mit familiärem Alzheimers diagnostiziert werde, so wie Jin-Hyung, wird ihnen meistens nicht geglaubt. Es dauert viel länger, bis sie die Behandlung bekommen, um mit den Symptomen umzugehen.“

„Aber wie ist das überhaupt passiert?“, wundert sich Taehyung. „Hatte er einen Unfall oder so?“

„Nein, gar nichts in der Art.“, stellt Namjoon klar. „Da war kein großer Moment, weißt du? Hyung hat einfach eines Tages angefangen Dinge zu vergessen. Erst waren es Rezepte, aber wer vergisst solche Dinge nicht? Wir haben uns deswegen nicht viel gedacht, damals. Ich meine, Jin-Hyung ist ein Koch, er kennt jede Menge an Rezepten, er kann unmöglich alle davon auswendig können Aber dann fing er an den Weg nach Hause zu vergessen, und dann erkannte er ihren Hund Holly nicht mehr, und dann… wir haben es nicht einmal bemerkt, bis es wirklich schlimm war.“

„Aber warum erinnert er sich dann an mich?“, fragt Jimin, mit den Gedanken sofort bei ihrem Geplänkel. „Wie kann er sich an mich erinnern aber nicht an Yoongi-Hyung?“

„Erinnerungen kommen und gehen manchmal“, erklärt Namjoon. „Und ich denke es hilft, dass Seokjin allgemein ein wirklich netter Typ ist, also selbst, wenn er dich nicht erkennt, würde er dich gut behandeln. Wenn man das so betrachtet, ist es viel einfacher nett zu einem pfiffigen Barista zu sein, als einem Fremden, der behauptet dein Ehemann zu sein.“

Jimin seufzt. Die ganze Zeit hatte er gedacht, Seokjin wäre bloß ein Kaffeeliebhaber mit einem fortwährend sonnigen Gemüt. Es war nicht fair, dass das ihm und Yoongi passierte. Paare sollten gemeinsam alt werden und die beiden waren gerade erst in ihren 30ern.

„Also woran liegt es?“, fragt Taehyung schmollend, nicht wirklich zufrieden mit den Antworten. „Warum hat Jin-Hyung plötzlich vergessen?“

Namjoon lacht, aber das Geräusch kommt gequält rüber. „Yoongi-Hyung hat Jahre seiner medizinischen Karriere nur dieser Frage gewidmet.“

„Und?“

„Alles ist unschlüssig. Und wenn niemand sagen kann, warum, schieben wir die Sachen irgendwie auf die Genetik.“ Namjoon zuckt mit den Schultern und fummelt mit einer Serviette, bis sie in Stückchen gerissen ist. „Außerdem ist diese Art von Fall sehr selten – Ich glaube nur hundert Leute auf der Welt ihn. Im Moment glaube ich, dass Yoongi die Hälfte aller Forschungen selbst gemacht hat.“

Für eine Weile ist es still. Niemand weiß wirklich, was man dazu sagen soll.

Jimin füllt die Stille, indem er den Tisch abwischt. Es wird spät und Taehyung muss am nächsten Tag den Laden öffnen. Mit dem einzigen Trost im Kopf murmelt er, „Ich schätze es ist Glück, dass Yoongi-Hyungs Lebenstraum war, Gehirndoktor zu werden…“

Namjoon wirft ihm einen Blick zu und öffnet den Mund, um etwas zu antworten, aber scheint sich in der letzten Sekunde umzuentscheiden. Stattdessen gewährt er, „Scheint so.“

Taehyung hat das Gefühl, dass die Unterhaltung derzeit beendet ist, aber will nicht, dass der Abend so hoffnungslos endet. Daher gibt er sich selbst die Aufgabe, die Stimmung zu heben, während Jimin putzt. Mit einem neugierigen Lächeln dreht er sich zu Namjoon und fragt, „Hyung, glauben Ärzte an Zeitreisen?“

 

*

 

6 Uhr morgens ist zu früh für Whiskey, selbst für Yoongi.

Aber seine Schicht im Krankenhaus hat gerade geendet und es ist die einzige Zeit, zu der Hoseoks seltsames Café leer ist und was er jetzt gerade mehr braucht als alles andere ist ein sicherer Ort, um all diese Gefühle auseinanderzuklamüsern, die sich in seiner Brust angesammelt haben und Purzelbäume in seinem Bauch machen. Und wenn dieser sichere Ort beinhaltet, dass ein Glas Whiskey in seine Richtung geschoben wird, hätte er da nein sagen sollen?

„Oberstes Regal Hyung, nur für dich.“, sagt Hoseok über den Whiskey, gezielt lässig, aber Yoongi vermutet, dass Jimin und Taehyung ihn schon eingeweiht haben.

Yoongi leert das Glas in einem Schluck. Verzieht nicht einmal das Gesicht. „Danke.“

„Willst du noch einen oder war das genug, um dich zum Reden zu bekommen?“

„Du kennst mich so gut.“ Yoongi lächelt, aber es ist hauptsächlich seine Lippen, die sich gegen seine aufgedunsenen Wangen spannen.

Hoseok schmunzelt und greift nach dem Glas, um ihm einen weiteren einzugießen. Er versucht es erneut. „Ich hab gehört, er wollte dir einen Brief geben.“

„Du stellst die aufdringlichsten Leute ein, weißt du das?“ Yoongi zieht ein finsteres Gesicht, bevor er sein zweites Glas trinkt. „Die beiden haben kein Konzept davon, sich aus anderer Leute Angelegenheiten rauszuhalten.“

„Aber sie sind süß, oder nicht?“

„Ich glaub der Neue ist ein bisschen verliebt in Seokjin, wenn ich ehrlich bin.“

„Tja, das macht zwei von euch.“

Das lässt Yoongi pausieren. „Yah, Hoba… Ich bin für Trost hergekommen.“

„Dann hör auf über meine Angestellten zu nörgeln.“, kontert Hoseok stichelnd. „Also. Der Brief?“

„Was ist damit?“, grummelt Yoongi und lässt den Blick auf seine Hände fallen. Seine Finger tippen einen unsichtbaren Song auf die Theke.

„Bist du nicht einmal ein wenig neugierig?“, stachelt Hoseok an. „Ich weiß ich bin es.“

„Warum denn? Seokjin-Hyung und ich, wir haben nie…“ Seine Stimme verstummt allmählich, impliziert, dass alles dieser Art bereits wahnsinnig untypisch für sie beide war. Seokjin war besonders allergisch gegen jede Art von Ernsthaftigkeit und wurde rot bei der kleinsten Bekundung von Zuneigung. Der Brief musste eine Art Witz sein.

Hoseok beobachtet ihn für einen Moment während sich die Rädchen in seinem Kopf drehen. „Glaubst du nicht, dass es ein Liebesbrief sein könnte?“

Das bringt Yoongi zum Schnauben. „So wie ich ihn kenne, ist es wahrscheinlicher ein Einkaufszettel.“ Er tut so, als würde er in die Luft schreiben und ändert seine Stimme nur ein wenig, eine schlechte Nachmache seines Ehemannes, „Yoongichi, bitte mach einen Stopp beim Laden und kauf… Frühlingszwiebeln… Paprika… Gummibärchen…“ Er schüttelt den Kopf. „Das ist es, was er sagen wird.“

„Du hast echt keine romantische Ader in dir.“, Hoseok verdreht die Augen.

„Naja, er auch nicht.“

„Hoffnungslos. Beide von euch.“, fasst Hoseok enttäuscht zusammen. „Ich schätze wir werden nie erfahren, was er geschrieben hat, wenn er sich nicht erinnern kann, wem er ihn geben will. Aber so zwischen uns? Wenn du ihn wirklich haben willst, glaube ich nicht, dass Taehyung ein Problem damit hätte ihn mitgehen zu lassen, wenn er gerade nicht guckt. Normalerweise unterstützen wir Diebstahl in diesem Establishment nicht, aber es ist ja für einen guten Grund. Es ist ja nicht so, als könntest du Seokjins Erinnerung zurückbringen und ihn überzeugen, ihn dir zu geben.“ Pause. Ihm kommt eine Idee. „Es sei denn.“

Yoongi macht ein verwirrtes Geräusch, nicht ganz von Begriff.

Der Jüngere sieht ihn erwartend an. Er wiederholt sich, dieses Mal langsamer. Wartet darauf, dass seine großartige Idee ankommt. „Es sei denn.“

Yoongi runzelt die Stirn. „Das kann nicht das Ende vom Satz sein.“

Hoseok wirft ungeduldig die Arme in die Luft. „Ernsthaft Hyung! Hast du vergessen, dass mir dieses Café gehört?“

Yoongi ist gerade dabei, sich ein großzügiges Glas Whiskey nachzuschütten. „Nein, ich weiß das. Deshalb trinke ich hier immer aufs Haus.“

„Hast du dann vergessen, dass ich ein Jung bin? Ich hab dieses Café von meiner Großmutter geerbt – die es von ihrer Großmutter geerbt hat – und zu deinem Glück hat sie mir die besondere Kaffeezeremonie unserer Familie beigebracht!“

„Hoseok, ich komme gerade aus einer 36-Stunden Schicht, bitte komm zum Punkt.“, stöhnt Yoongi.

„Zeitreise, Dummerchen!“ Hoseok brüllt fast vor Verzweiflung. „Seokjin-Hyung hat diesen Brief geschrieben als er sich noch an seinen Ehemann erinnert hat. Bevor sein Gedächtnis schlecht wurde! Ich glaube, dass er wusste, dass so etwas passiert.“

„Bitte hör auf, Liebesbrief zu sagen.“, wirft Yoongi ein.

„Und jetzt habe ich das Gefühl, es ist meine Pflicht als ein Jung, dir zu sagen, dass ich dir helfen kann zu dieser Zeit zurückzukehren, genau zu diesem Zeitpunkt und ihn zu bitten ihn dir zu geben!“ Hoseok klatscht aufgeregt. „Das ist es. Das ist der Grund, warum mir diese Kräfte gegeben wurden. Meine Güte, ich bin so aufgeregt.“

„Kann ich wirklich in der Zeit zurückreisen?“ Yoongi kaut auf seiner Unterlippe, denkt über die Möglichkeiten nach. „Ich weiß nicht einmal, wann er den geschrieben hat. Könnte eine Woche her sein, könnte ein Jahr gewesen sein.“

„Vertrau einfach der Magie, Hyung.“, sagt Hoseok. „Ich bring dich dahin.“

Na gut. Sagen wir, Yoongi vertraut der Magie und reist in die Vergangenheit. Was sind die Chancen, dass Seokjin überhaupt den Brief überall mit sich rumtrug? Dass er ihn mit ins Café bringen würde? Dann wiederrum, so wie er Seokjin kannte, hätte er es niemals riskiert ihn zuhause liegenzulassen, wo Yoongi ihn ohne Warnung hätte finden, oder Holly ihn zerreißen könnte. Nicht wenn er so wichtig war. Seokjin ließ ihn vermutlich in seinem Jutebeutel, indem er seine Lieblingsmagazine aufbewahrte.

Ein Klumpen formt sich in Yoongis Hals, als er realisiert, dass er das ernsthaft in Erwägung zieht. Er wird wirklich in die Vergangenheit reisen. Wie würde Seokjin reagieren, wenn er das wüsste?

„Komm schon, Hyung.“, sagt Hoseok ermutigend. „Im schlimmsten Fall ist es ein Einkaufszettel. Wenn das so ist, kannst du 'hab ich doch gesagt' sagen und wir können das alle hinter uns lassen. Aber was, wenn nicht? Was, wenn es mehr ist? Willst du nicht wissen, was Seokjin-Hyung dir zu sagen hatte, bevor er angefangen hat zu vergessen?“

 

 

Die Sache ist die.

Was Beziehungen angeht, war ihre niemals übermäßig zärtlich gewesen, daher kann Yoongi sich nicht einmal vorstellen, was in diesem „Liebesbrief“ stehen könnte.

Er und Seokjin hatten sich auf stille Art und Weise geliebt: nebeneinandersitzen, um den Sonnenaufgang im Hafen zu erwischen, oder in einer warmen Umarmung während gemütlichen Nachmittagsschläfchen verwickelt, oder auf langen Autofahrten zufrieden summen. Es war eine einfache Art von Liebe. Eine, in die sie hineingefallen waren und direkt verstanden hatten, ohne zu viele Worte zu benötigen.

„Es ist Telepathie.“, hatte Seokjin einmal zuvor gesagt.

„Telepathie? So willst du das nennen?“ Yoongi grinste spöttisch zurück. Es war eine unerwartet herzerwärmende Art zu beschreiben, was sie nur ein paar Minuten zuvorgetan hatten, aber er war zu erschöpft, um es zu bestreiten. Stattdessen ließ er sich zurück in die Laken fallen und zog Seokjin mit ihm.

„Ja, genau.“ Seokjin rutschte näher. „Das bedeutet Hyung kann all deine Bedürfnisse vorrausahnen, Yoongichi. Du musst sie niemals in Worte fassen.“ Er war nah genug, um Yoongis Knopfnase zu küssen, also tat er das.

Yoongi grummelte und machte ein großes Theater daraus, aber am Ende lehnte er sich ja doch in Seokjins Berührungen. Er war innerlich dankbar, dass das Abendlicht nicht zeigen konnte, wie pink seine Wangen sich anfühlten. „Du bist unmöglich, Hyung.“

Sie waren in die Decken gewickelt, Seokjins Arm ein angenehmes Gewicht um Yoongis Taille und die Position machte es einfach für den Älteren, sanfte Küsse über Yoongis starke Schultern, seinen Nacken, die milchige Haut seines Rückens zu verteilen. Damals waren sie jung und dumm gewesen, sogar ein wenig naiv. Beide waren widerwillig zuzugeben, dass aus dem lediglichen Versprechen flüchtigen Vergnügens etwas ganz anderes entfacht war. Sie wussten noch nicht, wie sie es benennen sollten, als was es war.

Während er einen weiteren Kuss auf Yoongi Schulter drückte, ließ Seokjin sich auf ein Wagnis ein und flüsterte zaghaft, „Du weißt, was ich gerade denke, nicht wahr?“

„Vermutlich überlegst du, ob Telepathie überhaupt biologisch möglich ist.“, erwiderte Yoongi trocken.

Den Sarkasmus ignorierend rieb Seokjin seinen Kopf gegen Yoongis Schulter, wenn auch nur um seinen Punkt zu verdeutlichen. „Ich schreie es in meinem Kopf, Yoongi-yah. Kannst du es hören?“

„Mhm.“ Yoongi nickte und die Bewegung ließ auch Seokjins Kop auf und absinken. Sein leerer Ausdruck könnte als Desinteresse interpretiert werden, aber nach einer Sekunde spielte er mit. „Kannst du mich hören?“

Seokjin gluckste, als wäre das eine alberne Frage gewesen. „Natürlich kann ich das. So funktioniert Telepathie, Dummerchen.“

„Okay“, sagte Yoongi und reckte den Hals, um Seokjin besser ansehen zu können. „Wenn wir an das gleiche denken, beweis es.“

Ihre Blicke trafen sich. Eine leise Übereinstimmung. „Auf drei.“

Eins.

Zwei.

Drei.

Diese Nacht war das erste Mal, dass sie Ich liebe dich zueinander sagten.

 

*

 

Eines schönen nachmittags gab es ein bisschen Aufregung in Magic Shop, und zwar weil sich eine einmalige Gelegenheit bot: Der Unistudent ging zur Toilette.

Nur ein Stuhl im Magic Shop hatte die Fähigkeit Zeitreisen möglich zu machen und natürlich musste das der sein, der bekannterweise von Jeon Jungkook besetzt war, ansässiger Dauergast. Als er seine Sachen liegen ließ und für seine vorgesehene Toilettenpause verschwand, traten alle in Aktion.

„Wir haben zehn Minuten, höchstens fünfzehn!“, informierte Jimin die Gruppe.

Yoongi fragt nicht, warum sie das auf die Minute genau wissen, stattdessen lässt er sich in den Stuhl bugsieren. Taehyung steht vor der Toilette, Arme verschränkt, als wäre er bereit, rohe Gewalt anzuwenden, falls Jungkook zu früh herauskommt. Hoseok eilt in die Küche, um den Kaffee vorzubereiten und Jimin erinnert Yoongi an die sieben goldenen Regeln.

„Nichts, was du sagst, kann die Gegenwart ändern, okay?“, sagt Jimin, um seine Erwartungen zu dämpfen. „Und du darfst das Café nicht verlassen also steh bloß niemals von deinem Platz auf! Egal wie gut Seokjin-Hyung aussieht! Es wird dich direkt wieder zurückbringen und die ganze Sache wäre für den Eimer.“

Yoongi nickt abwesend, Jimins Worte kommen kaum an. Er kann nicht glauben, dass das gerade wirklich passiert. Er wird wirklich einen Seokjin der Vergangenheit treffen. Ihn umgibt eine Mischung von Nervosität und Aufregung und Angst, aber hat nicht die Zeit, sich auf irgendwas davon zu konzentrieren, denn Hoseok tritt plötzlich mit einer traditionellen Gusseisenkanne aus der Küche.

Das Jung-Familienerbstück sieht aus als gehöre es in ein Museum. Die dunkle Kanne ist filigran mit lila Blumen übersäht, die sich entlang ihrer Rundungen winden. Hoseok trägt sie mit Anmut, als würde er wirklich eine besondere Zeremonie ausführen.

Er setzt eine passende lila Tasse vor Yoongi auf den Tisch. „Die Zeremonie beginnt, sobald ich den Kaffee eingieße.“, sagt er. „Sollen wir anfangen?“

„Hoba, wie funktioniert das?“ So langsam fühl Yoongi sich durcheinander. „Was mache ich?“

„Entspann dich, Hyung. Vertrau einfach der Magie.“, sagt Hoseok ruhig, Zeitreisen sind ihm nicht unbekanntes. Er positioniert die Kanne, um in die Tasse gießen zu können, aber Yoongi protestiert.

„Warte! Wie bestimme ich zu wann ich reise?“ Das richtige Timing war hier wichtig. Er musste genau bevor Seokjins Erinnerungen nachließen, aber nachdem er den Brief geschrieben hatte, landen. Er wusste nicht welches bestimmte Jahr oder Tag das war.

„Oh, richtig!“ Hoseok weicht zurück und schmunzelt. „Es dreht sich alles um den Willen, Hyung. Stell dir den genauen Moment im Kopf vor. Was er tut. Was er fühlt. Was an dem Tag passiert ist. Wiederhol es immer und immer wieder, bis das Bild klar wird.“

Yoongi denkt, Bitte bring mich zurück an den Tag an dem Seokjin-Hyung mir den Brief geschrieben hat. Er will mir etwas sagen. Er will es nicht vergessen. Er hat den Brief geschrieben und mit ins Café gebracht. Bitte.

Er schließt die Augen in Erwartung, während Hoseok den Kaffee eingießt. Die dunkle Flüssigkeit fließt geräuschlos in die Tasse. Er füllt sie genau bis zur Kante. Dampf steigt von der Tasse auf und Yoongi fühlt eine seltsame Empfindung durch ihn hindurch schweben, als wäre er plötzlich durchsichtig geworden. Er fühlt sich benommen und seine Sinne schwinden langsam, bis ihn beinahe die Dunkelheit begrüßt.

Bevor er komplett abschaltet, hört er Hoseoks Stimme aus der Ferne rufen, „Lass den Kaffee nicht kalt werden!“

 

 

„Hyung, lass uns das nie wieder tun.“ Yoongi watschelte in der Hitze von Seouls Mittagssonne, beide Hände an seinem Rucksack wie ein erschöpfter Abendteurer.

„Ich hör dich laut und deutlich, Yoongi-yah.“, gab Seokjin spöttisch zurück. „Lass uns das für immer tun!“

„Das hab ich nicht gesagt!“, beschwerte sich Yoongi, aber sein Zahnfleischlächeln widersprach seinem Ton.

„Nein, aber du meintest es.“, beharrte Seokjin triumphierend.

Der Sommer ging zu Ende und Uni würde bald für sie beide beginnen. Heute waren sie in „aller Herrgottsfrühe“ (Yoongis Worte) aufgestanden, um Angeln zu gehen – Seokjins Entscheidung. Yoongi erwähnte es nicht, aber er betrachtete dies als „Alles-oder-Nichts“-Date. Eine Bewährungsprobe, um zu sehen, ob Seokjin ihn auch nüchtern noch zum Lachen bringen konnte, oder ob er tagsüber noch an der Unterhaltung interessiert war. Schließlich gab es einen Riesenunterschied, wenn man jemanden nachts traf und dann mit ihnen den Morgen verbrachte.

Yoongi war vorher noch nie Angeln gewesen und es war nichts, das ihn besonders in Aufregung versetzte, also bereitete er sich auf Enttäuschung vor. Und trotzdem war die Morgensonne angenehm gewesen, die Bootsfahr ruhig und die Atmosphäre friedlich. Sie sprachen nicht viel, aber es gab keinen Drang dazu. Abgesehen von gelegentlichen Wortspielen über Fische, war alles glatt gelaufen.

Zumindest bis es zwei Stunden später war und sie praktisch nichts gefangen hatten. Der vielversprechendste Fang des Tages hatte sich als schwimmende Algen herausgestellt. Seokjin war in Gelächter ausgebrochen und obwohl sein Magen am Grummeln war, hatte Yoongi sich bei dem Gedanken erwischt, dass der Ausflug es wenn auch nur dafür wert gewesen war.

Jetzt waren sie zurück in der Stadt – ausgehungert und auf Schlafentzug – und sie waren genau in Seouls Mittagsgedränge gelaufen. Sie hatten nicht mal Kaffee gehabt.

„Es ist überall voll, Hyung.“, jammerte Yoongi, als er an einer vielversprechenden Ladenzeile eine lange Reihe an Restaurantgästen sah.

„Was wär's damit?“ Seokjin zeigte auf ein abgenutztes Schild an einem gewöhnlichen Gebäude. Hierfür gab es keine Schlange. „Auf dem Schild steht Kaffee. Magic Shop Café. Der Laden kann nicht voll sein, oder?“

Mit einem Schulterzucken gingen sie eine schmale Treppe zum Keller hinab, wo ein gemütlich aussehendes Café auf sie wartete. Das Innere sah altmodisch, aber gut in Schuss aus und eine warme gelbe Beleuchtung trug zum Retro-Ambiente bei. An der Wand hingen drei altmodische hölzerne Uhren, von denen jede in einer anderen Geschwindigkeit lief, sodass niemand sagen konnte, welche die richtige Uhrzeit zeigte.

Es war bizarr und leer und viel kühler als draußen, also nahmen sie Platz. Der Besitzer kam kurz darauf an und stellte sich als Jung Hoseok vor. Magic Shop war seit Generationen in ihrer Familie, erzählte er und teilte eine Art uralten Aberglauben mit ihnen, der ihnen über den Horizont ging.

Seokjin und Yoongi bestellten Kaffee und Mittagessen, beide zu hungrig, um zu reden.

Das ist schön, dachte Yoongi träge als er während dem Essen aufsah und Seokjin dabei erwischte, wie er den Mund aufriss, um ein etwas zu großes Stück Steak in den Mund zu quetschen. Yoongi sah dabei zu, wie er großzügig Soße über das Kartoffelpüree goss. Erst dann bemerkte Seokjin, dass der Jüngere ihn beobachtete, sah schließlich auf und lächelte mit vollgestopften Wangen.

Yoongi sah weg und lenkte sich mit den drei Uhren an der Wand ab. Ohne wirklichen Grund begann er über Zeit nachzudenken. Und bevor er den Gedanken anhalten konnte, hörte er ein Echo von Seokjins vorherigen Worten durch seinen Kopf schallen.

Lass uns das für immer tun!

 

 

Yoongi weiß nicht, wie es anfängt, aber er kommt irgendwann zu sich. Er fühlt seine Zehen zuerst, dann seine Finger, dann bemerkt er das Einströmen, Ausströmen seines Atems.

Er hat es geschafft. Er lebt.

Im Vergleich zu der Aufregung, die er zurückgelassen hat, ist die Vergangenheit sehr leise. Er hört nichts. Keine Stimmen sind am Reden. Keine Hintergrundgeräusche vom Mahlen der Kaffeemaschine oder dem Klackern einer Tastatur.

Yoongi öffnet zögerlich die Augen. Er ist sich nicht sicher, was er zu sehen erwartet hatte, aber er ist ein wenig ernüchtert, als ihn lediglich ein leeres Café grüßt. Hoseok ist noch nicht einmal da. Er lässt den Rest seiner Umgebung auf ihn wirken: Das Innendesign hat sich nicht verändert und selbst die Beleuchtung ist die gleiche geblieben. Hat er was verhauen? Ist er wirklich in der Vergangenheit?

Ohne andere Beschäftigung greift er nach der lila Tasse, die Hoseok zubereitet hat. Sie ist immer noch warm. Er trinkt einen kleinen Schluck. Noch hat er Zeit.

Jetzt, wo er hier ist, stellt er im Nachhinein fest, dass er keine Ahnung hat, was er Seokjin sagen oder wie er die ganze Sache angehen soll. Wie sagt er seinem Ehemann, dass er aus der Zukunft kommt? Weiß Seokjin überhaupt von dem Zeitreisen? Gerade als er in Erwägung zieht seine Rede zu üben, läutet der bekannte Ton der Café-Klingel und jemand tritt ein. Yoongi hält den Atem an und hofft auf Hoseok – er könnte gerade echt etwas moralische Unterstützung gebrauchen.

„Yah, Min Yoongi!“

Etwas schmerzt im Yoongi bei dem Klang dieser Stimme. Er hätte niemals gedacht, dass er das vermissen würde. Es ist Seokjin – laut, dröhnend, fordernd. Jetzt gerade klingt Seokjin furchtbar danach, als hätte ihn jemand hintergangen. Und seine Wangen sind rot, vermutlich weil er den ganzen Weg hierher gelaufen ist. Es ist dumm. So dumm. Yoongi weiß nicht warum er darum kämpfen muss seine Tränen zu unterdrücken.

„Ich warte seit einer Stunde zuhause und das ist wo du warst?! Du hast nicht daran gedacht eine Nachricht zu hinterlassen? Ich bin am Verhungern!“, gibt Seokjin von sich und wedelt nachdrücklich mit den Armen in der Luft.

Yoongi weiß nicht, was er sagen soll. Er befürchtet, dass er anfangen könnte zu schluchzen, wenn er den Mund öffnet.

Seokjin ist nicht amüsiert. Kein bisschen. „Und du willst dich nicht einmal verteidigen? Was mach ich bloß mit dir…“, beschwert er sich, aber Yoongi kennt seinen Blödsinn gut genug, um zu wissen, dass das alles Theater ist. Seokjin läuft direkt zur Theke und versucht durchs Küchenfenster zu schauen, aber sieht niemanden. In einer angemesseneren Lautstärke sagt er: „Hoseok sollte sich wirklich überlegen mehr Leute einzustellen…“

Endlich räuspert sich Yoongi. Es ist gut zu wissen, dass er noch reden kann. Er zögert kurz bevor er murmelt, „Hyung, welches Jahr haben wir?“

„Was?“, Seokjin ist sichtlich von der Frage durcheinandergebracht. Er hatte ein bisschen Gezanke erwartet, klar, aber definitiv nicht das. „Warum fragst du das?“

„Antworte einfach.“

Seokjins Stimme wandert eine Oktave nach oben. „Warum drängst du so?“

„Warum stellst du dich so an?“, jammert Yoongi zurück.

Seokjin kneift die Augen zusammen. „Du benimmst dich seltsam.“

Okay. Vielleicht war das sein erster Fehler. Yoongi wollte ihn nicht verstören, aber die Frage hätte vielleicht besser formuliert hätte können. Wie auch immer. Yoongi würde sich also mit Hinweisen begnügen müssen. Er betrachtet Seokjin von oben bis unten und nimmt die Länge seiner Haare (kurz, braun), seine Klamotten (ganz schwarz, eine Uniform von der Zeit, als er in dem japanischen Restaurant gearbeitet hatte) und die Dinge, die er dabei hat (sein dunkel blauer Jutebeutel voller Magazine) zur Kenntnis.

So hatte Seokjin ausgesehen als er nach Hause kam und Yoongi spät nachts über seinen Medizinbüchern hing. Genau zu der Zeit, als Yoongi beschlossen hatte, alles zu riskieren und die Musik zu wählen.

Seokjin steht immer noch an der Theke und schaut über die Speisekarte, als hätte er nicht schon tausendmal hier bestellt.

Yoongi seufzt. „Hoseok ist schon seit einer Weile nicht da.“

„Oh,“ Seokjin runzelt die Stirn. „Ich warte.“

Yoongi braucht ihn näher. Er muss wissen, ob er den Brief in seinem Beutel hat. „Hyung, willst du dich nicht zu mir setzen?“

…und das war sein zweiter Fehler. Sie waren nie sonderlich der Typ dafür gewesen nebeneinanderzusitzen, selbst auf so kleinem Raum. Tatsächlich zogen sie etwas Abstand vor. Seokjins dicke Augenbrauchen zogen sich zusammen. Etwas stimmte nicht.

„Was ist los?“, fragt Seokjin, offensichtlich zögernd.

„Ich wollte fragen…“, fängt Yoongi vorsichtig an, „Ich wollte fragen, ob du mir etwas geben möchtest.“

Seokjin springt automatisch in Abwehrhaltung. „Ganz schön eigebildet von dir, zu glauben, dass ich schon ein Geschenk für dich habe, wenn dein Geburtstag erst in einer Woche ist! Mir ist egal, was du zuhause gefunden hast, Ich habe dir keine Gitarre gekauft!“

Yoongi weiß, dass Seokjin die Theatralik bloß steigern wird, wenn er auch nur lächelt, also senkt er den Kopf, um den Anhauch eines Grinsens zu verstecken. Er hat die Zeit richtig geschätzt: Sein 28. Geburtstag nähert sich. Es ist das erste Jahr ihrer Ehe. Dieses Jahr hatte Seokjin ihm eine Gitarre geholt, um zu verdeutlichen, wie sehr er Yoongi in seiner Entscheidung das Medizinstudium abzubrechen unterstützte.

Weil Seokjin immer noch bei seinem „nicht existenten“ Geburtstagsgeschenk ist, unterbricht ihn Yoongi. „Nein, das meinte ich nicht.“ Er sagt, „Ich meinte etwas Kleineres. Besteht aus Papier. Etwa so groß?“ Er zeichnet mit den Fingern die Form eines Briefumschlags.

Die Bitte lässt Seokjin die Hysterie ablegen. Er neigt den Kopf, versucht die Situation einzuschätzen. „Wie wusstest…?“ Und als währe ihm in genau dem Moment ein Licht aufgegangen sagt er, „Ah. Ich verstehe was hier passiert. Scheint als wären wir die Narren gewesen Yoongichi, und Hoseok hat uns tatsächlich die Wahrheit übers Zeitreisen erzählt. Interessant.“

Yoongi ist für einen Moment erschrocken, er hatte nicht damit gerechnet, dass Seokjin die Dinge so schnell zusammenfügen würde. „Was hat mich verraten?“, fragt er dämlich.

„Um ehrlich zu sein hatte ich schon so eine Vermutung als ich reingekommen bin.“, sagt Seokjin und klingt ruhiger als Yoongi erwartet hatte. „Aber ich musste sichergehen, dass du nicht einfach was mit deinen Haaren angestellt hast. Ich mag es. Steht dir.“

Yoongi fährt instinktiv mit der Hand durch seine schwarzen Haare. Es ist mittlerweile ganz ausgewachsen, er hatte sich seit einer Weile keine Gedanken darum gemacht sie schneiden zu lassen. Seokjin kommt zu seinem Tisch gelaufen und lässt sich im Stuhl gegenüber nieder.

„Nur um das klarzustellen.“, sagt Seokjin, um auf den Punkt zu kommen und fummelt nach etwas in seinem Beutel. „Du bist den ganzen Weg hergekommen… hierfür?“ Er hält den versiegelten braunen Umschlag hoch. Es ist der gleiche, den er ein paar Tage zuvor Taehyung gezeigt hatte, nur dass er jetzt nagelneu aussieht.

Yoongi nickt.

„Warum habe ich ihn dir nicht einfach gegeben? Bedeutet das, es passiert etwas schlimmes?“, fragt Seokjin mutig. Er war schon immer scharfsinnig gewesen.

„Nein“, sagt Yoongi zu schnell. Er weiß nicht wirklich, was er sagen darf. Aber da er den Verlauf der Dinge nicht ändern kann, vermutet er, dass es nicht wirklich eine Rolle spielt. „Es passiert nichts Schlimmes.“

Seokjin nickt und akzeptiert die Antwort. „Sind wir immer noch verheiratet?“

„Ja.“

„Und du liebst mich noch?“

„Natürlich.“

„Kriegen wir Holly jemals stubenrein?“

„Kriegen wir.“

„Gut.“, Seokjin klingt aufrichtig zufrieden. „Er hat heute Morgen wieder auf den Teppich gepinkelt. Ich hab angefangen es als hoffnungslosen Fall zu sehen.“

Yoongi lächelt deswegen leicht. „Nichts ist jemals ein hoffnungsloser Fall, Hyung.“

„Hm.“, sagt Seokjin. „Nicht mal ich?“

Die Frage ist zu wahrheitsnah und die Worte stechen wie Salz in der Wunde. Yoongi weiß nicht, wie ehrlich er sein soll. Er weiß, dass sie im Nachhinein ein bisschen zu hoffnungsvoll und unvorbereitet gewesen waren. Und trotzdem hat der Seokjin dieser Zeitlinie noch die die Konsequenzen zu erleben, und wenn er die ganze Wahrheit jetzt hört, könnte es ihm die übriggebliebene Hoffnung nehmen. Die Wahrheit zu erzählen ist es plötzlich nicht wert. Wenn Yoongi Seokjin glauben lassen kann, dass er guten Dingen entgegenschauen kann, warum sollte er das nicht tun?

Also sagt Yoongi wider Willen, „Nicht mal du.“

Seokjin lacht, was schockierend, aber auch ein bisschen besorgniserregend ist, als wüsste er so früh schon, wie die Dinge sich entwickeln werden. „Du musst meinetwegen nicht lügen, Yoongi-yah.“

„Ich lüge nicht.“

„Nein, wirklich,“ sagt Seokjin ganz ohne prahlen, „Ich hab dir noch nichts erzählt – also, du aus dieser Zeit – weil ich glaube ich noch nicht bereit dafür bin. Zumindest jetzt noch nicht. Aber weil du aus der Zukunft bist, können wir offen drüber sprechen.“

„Ich spreche doch offen“, antwortet Yoongi. „Es wird besser.“

„Wird es nicht.“, erwidert Seokjin kurzangebunden. „Wir sind beide keine Ärzte, aber selbst ich weiß, wie es aussieht.“

„Sie finden ein Heilmittel, Hyung.“, beharrt Yoongi. „Wirklich. Ich versprech es.“

„Yoongi, ist schon gut. Es gibt keinen Grund für all die Umstände.“, sagt Seokjin ehrlich. „Ich hab mir Zeit genommen das alles zu verarbeiten… aber es geht mir gut. Wirklich. Ich hab letzte Nacht irgendwie sechzehn Artikel darüber gelesen. Ich bereite mich schon auf den Sturm vor.“

„Es gibt keinen Sturm.“ Yoongi weiß nicht, warum er das so sagt, aber er ist zu weit drin verwickelt. Alles, was er will, ist Seokjin überzeugen, dass alles okay sein wird. Und alles wird okay sein, weil Yoongi das sicherstellen wird. Als die Worte seinen Mund verlassen fühlt es sich fast wie die Wahrheit an. „Es gibt keinen Sturm. Nur ein wenig Regen und dann–dann klarer Himmel. Ein klarer Frühlingstag.“

„Ein klarer Frühlingstag.“, wiederholt Seokjin im Flüsterton. „Das ist ein schöner Gedanke.“ Er senkt den Blick und vermeidet Yoongis Augen, die mittlerweile vermutlich wässrig vor Tränen sind. Er scheint sich in dem Moment an die Regeln zu erinnern, denn er händigt den Umschlag bereitwillig über und sagt, „Hier. Bevor dein Kaffee kalt wird.“

Yoongi nimmt ihn mit zitternden Fingern.

Seokjin bemerkt das, doch er sagt nichts. Stattdessen fokussiert er seine Aufmerksamkeit auf die Wand und fragt unschuldig, „Hey, Yoongi-yah, vergesse ich dich?“

Dieses Mal klingt Yoongi selbstsicher. „Nein.“

Seokjin verdreht die Augen. „Bist du wirklich den ganzen Weg in die Vergangenheit gekommen nur um deinen Hyung anzulügen?“

„Nein, Hyung du vergisst mich nicht.“, sagt Yoongi nochmal, dieses Mal mit einem frechen Lächeln. „Weil ich dich nicht lasse.“

„Ah.“ Seokjin schüttelt den Kopf, aber er ist auch am Lächeln. Das klingt wie etwas, das Yoongi tun würde. „Gut.“

Yoongi nippt an seiner Tasse und sein Puls schießt hoch, als er merkt, wie kühl der Kaffee schon ist. Es ist beinahe Zeit zu gehen und er weiß nicht, ob er Abschied nehmen kann–noch nicht. Es gibt zu viele Dinge, die er sagen will und er bekommt nichts davon heraus. „Tut mir leid, Ich hätte mir mehr Gedanken machen sollen, was ich sagen will. Ich hab das Gefühl, ich verschwende unsere Zeit.“

„Nein tust du nicht“, beruhigt ihn Seokjin mit wie immer sanfter Stimme, als gäbe es keine Sorgen in der Welt. „Einfach hier zu sitzen ist genauso schön.“

Er greift nach der zitternden Hand seines Mannes und hält ihn wie ein Anker standhaft. Sie verharren für eine Weile so. Seokjin reibt langsame Kreise gegen Yoongis Handfläche, auch ganz ohne Worte friedlich. Der Deckenventilator quietscht über ihnen. Draußen zwitschern leise Vögel. Die Stille des Cafés hüllt sie beide in eine laute Aussage von allem und nichts. Yoongi ist der erste, der sie bricht.

„Wie kannst du so ruhig sein?“, fragt er ungewöhnlich offen in seiner Nervosität, und drückt eindringlich Seokjins Hand. „Hyung, was willst du noch wissen? Frag mich irgendwas.“

„Es gibt sonst nichts.“, sagt Seokjin, als wäre es so einfach. „Das ist genug, Yoongi.“

„Hyung“, drängt Yoongi.

„Ich meins ernst.“, sagt Seokjin. „Und dass du hier bist, dass du für mich zurückgekommen bist, selbst nach allem, was wir wegen mir durchgemacht haben…“ Er stoppt. Nimmt einen tiefen Atemzug. „Das reicht mir.“

„Wovon redest du? Sag das nicht so.“ Yoongi gefällt nicht, dass Seokjin annimmt er wäre eine Belastung für ihre Beziehung. Er will es erklären, bis ins kleinste Detail, dass ja, es wird schwierig sein, aber er wird Seokjin durch jede vergehende Jahreszeit, jede verblasste Erinnerung, jeden Vergessenen Moment lieben–die Alternative war nie eine Option. Er weiß bloß nicht, wo er anfangen soll.

Aber als Yoongi aufsieht, kann er sehen, wie die Farben vom Rand her verblassen, wie am Ende von einem Filmstreifen. Er greift nach seiner Tasse, nur um festzustellen, dass sie kalt geworden ist. Es ist so weit. Selbst wenn er nicht will–er hat keine andere Wahl. Er hebt die Tasse an seine Lippen und zwingt sich zum Trinken. Es ist nicht sehr schmeichelhaft eine Tasse Kaffee auszutrinken, während man zwanghaft die Tränen zurückhält.

Seokjins Mundwinkel verziehen sich zu einem gezwungenen Lächeln. „Anscheinend heißt es erst einmal Auf Wiedersehen?“

„Hyung, Ich–“ Ich liebe dich. Es tut mir leid. Ich will für eine lange Zeit zusammenbleiben. Ich wünschte Ich könnte uns mehr Zeit geben.

„Es ist okay.“, sagt Seokjin sofort, als wüsste er genau, was der andere denkt. Er sieht seinen Ehemann sorgfältig an, als würde er sich all Yoongis Einzelheiten einprägen. Seine langen Wimpern. Das kleine Muttermal auf seiner Nase. Die Überreste von Kaffee in seinem Mundwinkel.

Für den Buchteil einer Sekunde fühlt es sich an, als hätten sie alle Zeit in der Welt.

Yoongis Sinne fangen wieder an zu verschwinden, aber er versucht sein Bestes, die Augen nicht zu schließen–ausnahmsweise weigert er sich, als erstes den Blickkontakt abzubrechen. Bevor alles ins Nichts verschwinden hört Yoongi Seokjins Stimme in seinen Ohren widerhallen, „Yoongi-yah, wir sehen uns zuhause.“

 

*

 

Yoongi,

Ich habe herausgefunden, warum ich in letzter Zeit so vergesslich bin
Du kannst also aufhören, so viel zu nörgeln
Das kriegen nur 5% der Weltbevölkerung, wusstest du das?
Natürlich bekomme ich es, Ich war schon immer besonders
ㅋㅋㅋ

Yoongi-yah, selbst wenn ich es vergesse, schreibst du mir einen Song?
Ich weiß, es ist beängstigend diesen Weg zu wählen, aber ich glaube am meisten an dich.
Bitte hör nicht auf, Musik zu machen. Besonders nicht wegen mir.

Ich liebe dich.

Dein Seokjin

 

*

 

„Entschuldigung.“

Jemand redet mit ihm, aber die Stimme kommt verzerrt bei ihm an, als wäre er Unterwasser. Ein Anschein von Gefühl kehrt zurück in Yoongis Körper–erst seine Zehen. Dann seine Finger. Einatmen. Ausatmen. Als Yoongi es hinbekommt, zu blinzeln, spürt er Tränen wie Regentropfen aus seinen Augen entweichen.

„Entschuldigung.“

Die Geräusche des Cafés stürmen wieder auf ihn ein. Die drei Uhren ticken ungleichmäßig. Eine Espressomaschine zischt. Hoseok, Jimin und Taehyung sind verschwunden. In seinen Händen umklammert er den braunen Umschlag so doll, dass seine Adern hervortreten.

Eine große, muskulöse Figur steht in schwarz gekleidet vor seinem Tisch. Er braucht eine Sekunde, um zu erkennen, dass es sich um den Studenten handelt, dessen Platz er geklaut hat.

„Hi.“, winkt Jungkook, als er merkt, dass Yoongi wieder in der Realität angekommen ist. „Es tut mir leid, Ich weiß, du bist am Weinen und was auch immer passiert ist tut mir wirklich leid, aber–es ist so – du sitzt auf meinem Platz und meine Hausarbeit ist in einer Stunde fällig und ich hab erst 200 Wörter geschrieben–“

Yoongi steht auf und wartet nicht darauf, den Rest zu hören. Er vergisst, ein schnelles „Sorry“ zu murmeln. Er taumelt aus dem Café, während Hoseok aus der Küche nach ihm ruft. Er hört alles und gleichzeitig nichts, ist überwältigt von dem Erlebnis, reicht verzweifelt nach etwas, das ihm nicht gehört.

Er verlässt das Gebäude und treibt durch die Hintergasse. Er weiß nicht, wo er langgeht, aber seine Füße tragen ihn nach Hause.

 

 

Wenn es eine Sache gab, mit der Seokjin seiner Familie und seinen Freunden in Erinnerung bleiben wollte, dann, dass er diese geniale Idee gehabt hatte. Das kann man nicht Hoseok anrechnen, klar?

Zugegeben, genau genommen hatte Hoseok es ins Rollen gebracht. Aber das galt ja offensichtlich nicht, wenn diese geniale Idee schon lange bevor Hoseok sie ausgesprochen hatte in Seokjins Kopf existiert hatte. Und außerdem, Hoseok war betrunken gewesen, als er es gesagt hatte. Seokjin hatte den Gedanken Wochen vorher nüchtern gehabt. Das war definitiv etwas wert.

Die Nacht, in der Hoseok Seokjins geniale Idee stahl hatte recht unschuldig angefangen: Seokjin und Yoongi hatten eines Freitag nachts den leeren Magic Shop betreten. Sie waren in der Gegend gewesen, um noch einen schnellen Absacker zu trinken. Hoseok war einige Minuten später mit einer absurden Ausrede („Ich hab kurz einen Abstecher in die Zukunft gemacht und hab die Zeit vergessen“, hatte er schmunzelnd gesagt – dieser Hoseok war manchmal eine seltsame Gestalt) hereingekommen und hatte ihnen als Entschuldigung Soju angeboten.

„Nehmt das als Versöhnungsangebot“, sagte Hoseok und goss drei Shots ein. „Für meine zwei Lieblingskunden!“

Nach ihrem ersten Angeldate waren Seokjin und Yoongi so oft im Magic Shop gewesen, dass schnell eine Freundschaft mit Hoseok heranwuchs. Sicher, er war auf seine eigene verrückte Art unvorhersehbar und hatte eine Menge Märchengeschichten zu erzählen („Hab ich euch von dem Mal erzählt, als ich jemanden davor bewahrt habe, für immer in der Zeit verloren zu gehen?“), aber er und Yoongi mochten die gleiche Musik und er lachte über alle von Seokjins Witzen. Es war eine gute Beziehung, die man mit seinem Nachbarschafts-Barista haben konnte.

Beim zweiten Shot der Nacht war Hoseok angeschwipst genug, um sentimental zu werden und leider ehrlich genug, um zu sagen, was ihm durch den Kopf schwirrte. Er hatte die letzten fünfzehn Minuten damit verbracht, Seokjin und Yoongi zu beobachten, das Gesicht wie eine zarte Blume zwischen seinen Händen aufgestützt.

„Kannst du glauben, dass unsere Filmabende hierzu geworden sind?“, sagt Yoongi zu Seokjin. „Tut mir leid, dass mein Unterricht so lange ging, dass wir unsere Reservierung verpasst haben.“

„So schlimm ist es nicht, Yoongi-yah.“, sagte Seokjin beschwichtigend. „Der Film war sowieso nicht gut. Und es ist schon eine Weile her, dass wir so trinken gegangen sind.“

„Das sagts du jetzt offensichtlich nur so.“ Yoongi sah nicht überzeugt aus und Seokjin konnte daraufhin nur lachen. „Ich sollte das Medizinstudium an den Nagel hängen und Musik machen, hm?“

In diesem Moment konnte Hoseok sich nicht mehr zurückhalten. Er musste es ihnen sagen. Er musste einfach. „Kann ich euch ein Geheimnis erzählen?“ Nichts konnte ihn jetzt noch zurückhalten. Sein Gesicht war rot, seine Augen glasig und er hatte ein wissendes herzförmiges Lächeln im Gesicht, das bedeutete, dass was auch immer er wusste vielversprechend war.

Yoongi hob eine Augenbraue und entschied dann, warum zur Hölle auch nicht. „Und zwar?“

„Ich soll euch eigentlich nichts über die Zukunft erzählen, aber wen juckt das schon, ne? Es wird eh nichts ändern.“ Hoseok war schon so aufgeregt. „Ich muss einfach sagen, ihr zwei gebt so ein süßes Ehepaar ab.“

Seokjin verhaspelte sich auf seinem Platz und fiel beinahe vom Hocker. Wie konnte Hoseok es wagen, ihm so die Show zu stehlen – konnte er Gedanken lesen oder was?! In letzter Zeit hatte Seokjin sich Gedanken übers Heiraten gemacht, aber er war noch am Abwägen ob jetzt der richtige Zeitpunkt war, vor allem mit Yoongis Karriere im Hinterkopf. Vor lauter Husten war er am rot anlaufen und Yoongi legte besorgt eine Hand auf seine Schulter.

„Geht’s dir gut?“, flüsterte Yoongi.

„Ja, nein, super.“, spuckte Seokjin aus und versuchte sich zu wappnen. „Es ist nur– Ich wollte nur–“

Yoongi drehte sich zu Hoseok als würde er ein Argument bringen. „Jin-Hyung hat Recht, Hoseok. Du solltest Leuten nicht so einen Blödsinn über ihre Zukunft erzählen.“

„Ich erzähl keinen Blödsinn!“, schmollte Hoseok zur gleichen Zeit wie Seokjin quengelte, „Ich hab nicht mal was gesagt!“

Yoongi sah den Barista an, dann seinen Freund, unsicher, wem er zuerst antworten sollte. Seokjin grummelte leise etwas unverständliches und schüttete sich noch einen Soju-Shot ein.

„Nur weil ich nicht jetzt gerade meinte, heißt das doch nicht, dass ich Quatsch erzähle.“, hickste Hoseok abwehrend. „Ich rede von der Zukunft! In unserem Alter sind wir doch eh viel zu jung, um zu heiraten.“

Yoongi nickte unverbindlich. Das war wenigstens eine neutrale Aussage, von der er so tun konnte, als würde er zustimmen. Er versuchte außerdem Seokjins Reaktion abzuschätzen, aber sein Hyung war dabei Shots runterzukippen, als wäre Wasser in dieser grünen Flasche anstatt Soju. Yoongi versuchte nicht darüber nachzudenken, was das heißen sollte.

Sie machten sich früh auf den Nachhauseweg, zum Teil weil Hoseok auf seinem eigenen Tresen am Einschlafen war, und zum Teil, weil Seokjin weit über beschwipst hinaus war, nicht dass Yoongi sich beschwerte – 23:30 Uhr war sowieso die Zeit, wo sie normalerweise zu Bett gingen. Er und Seokjin gingen zusammen nach Hause, Seokjins breite Schultern stießen ab und zu in Yoongis. Er konnte kaum in einer Geraden laufen.

Aus dem Nichts platze Seokjin heraus, „27 ist nicht zu jung, um zu heiraten.“

Yoongi sah ihn seltsam an. „Was?“

„Was Hoseok vorhin gesagt hat.“, fuhr Seokjin fort. „Ich finde nicht, dass 27 zu jung ist, um zu heiraten.“

„Klar.“, nickte Yoongi. „Aber Hyung, du bist dieses Jahr 28.“

„Nein, ich weiß das.“, sagte Seokjin. „Aber du bist 27.“

Yoongis Hirn hinkte ein wenig hinterher, nicht ganz sicher, ob er richtig verstand, was sein betrunkener Freund da redete. „Jin-Hyung, was…“

„Wirst du mich heiraten, Yoongi?“, sagte Seokjin mit einem dramatischen Seufzen, als würde es ihn alle Kraft kosten, die Worte herauszubekommen.

Zu Seokjins großer Enttäuschung lachte Yoongi. Er hielt seinem Hyung eine Hand hin, um ihn zu stabilisieren, als seine wackeligen Schritte ihn weiter und weiter weg führten. „Seokjin-Hyung, du bist besoffen.“

„Und?“, konterte Seokjin, aber er scheute sich nicht, gehalten zu werden

„Und“, sagte Yoongi geduldig, „Du solltest mich fragen, wenn du ausgenüchtert bist.“

Seokjin funkelte ihn an. „Mir mag schwummrig im Kopf sein, aber mein Herz hat sich schon entschieden. Ganz ohne Witz. Ich denk seit Wochen darüber nach.“

„Wer hätte gedacht, dass du so ein kitschiger Betrunkener bist, Hyung?“, stichelte Yoongi und ließ seinen Griff von Seokjins Handgelenk zu seinen Fingern wandern, um ihre Hände zu verschränken. Er versuchte zu ignorieren, wie sein Herz angesichts Seokjins ungewöhnlicher Ehrlichkeit am Flattern war.

„Gib mir eine Antwort Min Yoongi!“, sagte Seokjin ungeduldig. Seine Stimme hallte in der leeren Straße wider.

„Ja gut, werd ich.“, sagte Yoongi. „Aber nur, wenn du mich morgen früh nochmal fragst.“

Seokjin dachte darüber für einen Moment nach. Ihr Wohnblock kam langsam in Sicht und als sie den Eingangsbereich betraten entschied Seokjin, dass das ein akzeptabler Kompromiss war.

„Na gut.“, sagte er zu Yoongi. „Ich frag dich morgen früh nochmal.“

„Ich kanns kaum erwarten, Hyung.“

„Hab mal lieber eine Antwort parat. Ich wird dich morgen früh fragen. Werd ich wirklich.“ Seokjin wollte es wie eine Drohung klingen lassen, aber das meiste, was er bewirkte, war ein Zahnfleischlächeln aus Yoongi zu locken. Und obwohl nicht klar war, wie viel davon Seokjin ernst meinte, wusste Yoongi, dass das Gelächter und die Liebe es mit Sicherheit waren, also glaubte er jedes Wort – selbst als Seokjin sagte, „Ich verspreche es dir, Yoongi-yah. Ich werde es nicht vergessen.“