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Alma Spitzwegs Morgen hätte so entspannt sein können.
Die Hexe hatte den letzten Hausbesuch der Nacht damit verbracht, den Däumling aufzupäppeln, dessen Ehefrau sie vor einiger Zeit um Hilfe angefleht hatte.
Glücklicherweise hatte sie es mittlerweile geschafft, ihm das giftige Silber grösstenteils auszutreiben, wie sie schon Jacobs Augen hatte davon befreien können, doch ein solch winziger Körper erholte sich nur schwer von dem Schock.
Ihre Stirn schmerzte von der Konzentration, die die Behandlung der allerkleinsten Bewohner dieser Welt bedarf.
Bloss winzige Schlucke Alma, du willst ihn doch nicht mit deinen Tinkturen ertränken?
Doch die kühle Luft liebkoste ihr die furchige Haut, als ob der junge Morgen ihr zum Dank den Kopfschmerz lindern wollte.
Sie hatte sich geschworen, sich um jeden mit Hingabe zu kümmern, der sich an ihre Türschwelle verirrte.
Hunderte Beine geschient, dutzende Kinder geboren, tausende Heilkräuter gesammelt…
Ja, es machte sie immer noch glücklich. Der Anblick der Däumlingsfamilie hatte ihr das Herz erwärmt.
Die Arbeit hatte sich ausgezahlt. Der Däumling würde leben, sein Kind hatte noch einen Vater und seine Frau musste keine Tränen mehr vergiessen.
Als Alma gegangen war hatte sie dem winzigen Geschöpf regelmässige Eukalyptus Bäder empfohlen, um sich die vom Silber noch immer ein wenig steifen Glieder zu wärmen.
So viel Liebe in so einem kleinen Körper.
So hatte sie sich auf den Weg zu ihrem Haus gemacht, den Kopf voller Müdigkeit und die Brust gefüllt mit der Dankbarkeit, mit der die Däumlingsfrau sie verabschiedet hatte.
Sie hatte sich gefreut, auf eine warme Tasse Tee und ihre Katze, ein gutes Buch, vielleicht ein wenig Ruhe nach der durchgearbeiteten Nacht, und dann -
“Alma.” Ihr Kopfschmerz wurde fast unmittelbar pochend.
Oh, dieser verdammte Schatzjäger.
Sie wollte ihn auf einen der beiden Monde schiessen, als sie ihn in ihrem Vorgarten stehen sah, so lässig als wäre es selbstverständlich, dass er wieder einmal monatelang verschwunden gewesen war und nicht ein Wort von sich hatte hören lassen.
Du kennst ihn nicht anders, Alma.
Jacob. Sein ramponierter Zustand wies darauf hin, dass er nicht ohne Grund gekommen war. Und dass sich Alma wieder einmal zu Recht grosse Sorgen um ihn gemacht hatte.
Ein Veilchen färbte ihm die Haut um Augen und Nase in Blau -, Grün und Gelbtönen, und offensichtlich fehlte ihm ein Zahn. Seine Kleidung war zerrissen und schmutzig, und Alma fiel auf, dass er beim Stehen darauf bedacht war, das linke Bein nicht zu belasten.
“Und?”, fuhr sie ihn an. “Wer oder was hat dich dieses Mal erwischt?”
Er lächelte sie schwach an. “Ich freue mich auch dich zu sehen.”
Er wusste wie man ihren kurzlebigen Zorn bändigte. Doch dieses eine Mal wollte sie es ihm nicht so leicht machen, dieses eine Mal würde er ihr nicht leidtun.
“Du hast deinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht, wie es scheint”, sie sah abfällig an ihm auf - und ab, “und das in einer Zeit, in der sich Silber so leicht in Menschenhaut nisten kann. So wie in deine Augen, falls du das vergessen hast!”
So müde.
Und seine unverschämte Ruhe verdarb ihr das wohlige Gefühl getaner Arbeit.
Er nickte. “Glaub mir, das Silber ist mir auf meiner Reise genug begegnet. Und es war nicht einmal das Schlimmste.”
“Erlelfen! Ich weiss ja, dass du ein Dummkopf bist, aber sich mit dieser Art Unsterblichen anzulegen ist selbst für dich so selbstzerstörerisch, dass ich überrascht bin, dass du noch lebst.”
Sie musterte ihn noch einmal.
“Und dass du nicht noch schlimmer aussiehst. Du hast bloss das eine Leben, auch wenn du das gerne vergisst.”
“Was ich in den letzten Monaten erfahren habe spricht wohl eher dafür, dass die Erlelfen sich zuerst mit mir angelegt haben.”
Alma kniff die Augen zusammen.
“Was soll das heissen?”
“Es ist wie immer eine lange Geschichte.”
Alma schnaubte und schob sich an ihm vorbei.
“Vielleicht wäre sie kürzer, wenn ich wenigstens etwas von dir gehört hätte. Jetzt ist mir nicht nach langen Geschichten. Deine Verletzungen sind für deine Verhältnisse harmlos, sie können warten, bis ich meine Geduld mit dir wiedergefunden habe. Bis dahin gehst du lieber zu diesem Stümper in Schwanstein.”
Sie hatte ihre Hand bereits an der Türklinke, als Jacob sie zurückhielt.
“Ich bin nicht meinetwegen hier.”
Sie wandte sich um. In Jacobs Blick war Dringlichkeit zu sehen, Sorge und… Angst.
Die Sorte Angst, die man so lange mit sich herumtrug, bis sie einem in den Augen hängenblieb.
“Es ist Fuchs.”
Jacobs Stimme verriet der Hexe, dass die beiden endlich dem goldenen Garn gefolgt waren.
Sie spürte wie ihr das Herz sank.
Die Füchsin war Jacob schon so viele Jahre nicht von der Seite gewichen, und Alma hatte immer gewusst, dass er sie eines Tages zu tief mit sich in die Wirren dieser Welt ziehen würde.
“Es war eine Kinderfresserin, Alma. Mächtiger als alle, die du kennst.”
Er senkte den Blick. “Sie ist eine Dienerin des Erlelfen. Und Fuchs -“
“Was ist mir ihr?”, Almas Stimme zitterte.
“Sie war… ist schwer verletzt und erholt sich nur langsam.”
Er zögerte. “Und sie ist schwanger.”
Alma stockte der Atem.
Sie hatte Fuchs oft mit Tränken zur Verhütung versorgt, doch der silberne Zauber war mächtiger als ihrer.
Die Konsequenzen, die der Umgang mit Unsterblichen mit sich brachte, hatte Alma schon oft vergebens zu bekämpfen versucht.
Erlelfen.
Sobald Jacob die Worte ausgesprochen hatte, wusste sie es.
Die Bilder hatten Alma nie losgelassen.
Die Gesichter der Kinder, die sie eigenhändig zur Welt gebracht hatte.
Mit dem Wissen, dass es keinen Weg gab dem magischen Handel zu entkommen.
Heute back’ ich, morgen brau’ ich…
“Es ist der übliche Preis, oder?”
Jacob nickte.
Alma strich sich ratlos über die schmerzende Stirn.
”Wie konntest du Fuchs bloss in ihre Nähe lassen?”
“Wir brauchen dich, Alma.”
Wir.
Sie sah ihn an.
Er sah so anders aus als sonst, seine so stoische Fassade war dem Gesicht des kleinen Jungen gewichen, den sie vor vielen Jahren weinend bei der Burgruine gefunden hatte.
Verletzlichkeit, Verzweiflung und Liebe - Alma hatte ihren Hilferufen schon immer folgen müssen.
“Also gut.” Alma seuzfte. “Bring mich zu ihr.”
“Sie ist in Vena. Kami’ens Ärzte kümmern sich um sie, doch ich traue ihnen nicht.”
“Der Goylkönig?”
Erlelfen, Goyl, ungeborene Kinder…
Oh, diese Geschichte versprach wirklich sehr lang zu werden.
