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Alle zieh'n vergnügt nach Haus

Summary:

Thiel spricht mit Schraderchen.
Thiel spricht mit Vaddern.

Notes:

Für bluespring864 <3
Weil uns Schrader und Vaddern zu kurz gekommen sind. Und weil das Hausboot irgendwo herkommen musste.

Titel natürlich aus der Vogelhochzeit.

Work Text:


„Herr Thiel?“

Thiel seufzte schwer, bevor er das Kinn von der Hand nahm, auf die er es gestützt hatte, und von seinem Bildschirm aufsah.

„Was auch immer es ist, Schrader, das kann doch bestimmt bis später warten, oder nicht? Die Klemm macht mir Druck wegen dem Bericht im Fall Haffmeister und ich muss da jetzt mal wirklich voran machen.“ Rasch schloss er das Browserfenster mit den Wohnungsannoncen. War eh sinnlos. In seiner Preisklasse gab es absolut nichts, was gut gelegen und keine vollkommene Bruchbude war. Dafür blinkte ihm in seinem ziemlich leeren Dokument jetzt der Cursor hämisch entgegen und erinnerte ihn daran, dass er nachher wahrscheinlich mal wieder Überstunden würde machen müssen, wenn er den Bericht wirklich noch heute an Frau Klemm schicken wollte.

„Aber genau deshalb bin ich ja da“, sagte Schrader und grinste ihn an. „Ich hab Ihnen den Bericht gerade gemailt. Sie müssten nur nochmal drüber lesen, ob das alles so passt.“ Thiels Laune besserte sich schlagartig. „Außerdem wollte ich mir einen Kaffee machen. Nehmen Sie auch einen?“

„Schraderchen, was würd ich nur ohne Sie tun?“

„Noch öfter einen von Frau Klemm auf den Deckel kriegen“, murmelte Schrader und Thiel tat großzügig so, als hätte er das nicht gehört.

„Mit Milch, bitte“, sagte er nur und als Schrader sich schon umgedreht hatte, streckte er seinem leeren Dokument die Zunge raus, bevor er es schloss und stattdessen seine Mails öffnete. Der Bericht war abgeschickt und zur Kenntnis genommen worden (Es geschehen ja noch Zeichen und Wunder, Thielchen! – W. K.), noch bevor Schrader mit dem Kaffee zurück war. Und nicht nur das. Er brachte auch direkt noch eine Dose von seinen selbstgebackenen Plätzchen mit. Der sollte Boerne nochmal als Streber bezeichnen, dachte Thiel und griff grinsend zu.

„Sie haben sonst auch nichts mehr rausgefunden, was uns beim Mord an Probst weiterhelfen könnte, oder?“, fragte er mit vollem Mund.

Schrader schüttelte den Kopf. Sie gingen noch einmal durch, was sie bisher wussten, aber auch Schrader hatte keine bessere Idee, als sich noch einmal in der Nachbarschaft umzusehen.

„Na, dann will ich mich mal auf den Weg machen“, sagte Thiel, als er seinen Kaffee ausgetrunken und sich noch ein Plätzchen genommen hatte. Er hielt es hoch. „Danke, die sind echt gut.“ Er war schon fast aus der Tür, als Schrader ihn nochmal zurückhielt.

„Halt, warten Sie! Ich soll Ihnen noch was von Ihrem Vater ausrichten. Der konnte Sie nicht erreichen und hat stattdessen mir auf die Mailbox gesprochen. Klang ganz schön ärgerlich. Das scheint ja langsam zur Gewohnheit zu werden.“

„Dafür hab ich mich doch schon entschuldigt“, verteidigte Thiel sich. Zu dem Zeitpunkt hatte er ja nun wirklich noch nicht ahnen können, dass Schrader völlig zu Recht nicht für ihn zu erreichen gewesen war.

„Ja, ja, schon gut“, winkte Schrader lachend ab. „Ihr Vater sagt jedenfalls, er hat jetzt die Latten besorgt und Sie können den Zaun reparieren.“

„Sagen Sie ihm, ich komm heute nach der Arbeit vorbei, falls er sich bei Ihnen meldet.“

Schrader seufzte resigniert.

„Mach ich“, sagte er dann aber und klang eindeutig amüsiert dabei.


Dafür dass sie den Fall noch am gleichen Nachmittag zum Abschluss bringen konnten, konnte Thiel überraschend pünktlich Feierabend machen. Für all die Formalitäten war schließlich die nächsten Tage auch noch Zeit. Nur nach Arbeit stand ihm jetzt nicht mehr so wirklich der Sinn. Aber seinem Vater wohl auch nicht, denn der ließ den Holzstapel, den Farbeimer und das Werkzeug links liegen und holte ihnen stattdessen zwei Flaschen Bier aus dem Kühlschrank.

„Wenn du schon wieder trinken kannst“, zwinkerte er ihm zu, während sie sich gemeinsam auf der Bank vor der Laube niederließen.

„Pff“, brummte Thiel. „Ich hab mich schließlich nicht so abgeschossen wie Boerne.“

Herbert lachte.

„Hat der Herr Professor sich davon eigentlich wieder erholt? Der war ja wirklich hackedicht.“

„Hmm. Der hat schnell wieder zu seiner üblichen, unausstehlichen Form zurückgefunden.“ Thiel spülte die Bitterkeit in seiner Stimme mit einem großen Schluck Bier herunter. Sein Vater stieß ihn von der Seite an.

„Och, Frank.“

„Nichts och, Frank!“, brauste Thiel auf. „Da macht man und tut man und kümmert sich und was ist der Dank? Dieser Vollpfosten wollte mich aus der Wohnung schmeißen!“

Sein Vater gab ihm einen Moment, um sich wieder abzuregen. Im Grunde hatte Thiel Boerne diese dämliche Aktion ja auch schon fast wieder verziehen. Aber eben nur fast. Lachen konnte er noch nicht drüber.

„Das war doch bestimmt nur ein blödes Missverständnis“, mutmaßte Herbert und Thiel schnaubte.

„Missverständnis. Dass ich nicht lache.“ Dann musterte er seinen Vater von der Seite. „Und seit wann nimmst du eigentlich ausgerechnet Boerne in Schutz? Solltest du nicht auf meiner Seite sein?“

„Das bin ich doch, Junge.“ Herbert lehnte sich zurück und zündete sich eine Zigarette an. Thiel rümpfte die Nase, verkniff sich aber jeglichen Kommentar. Immerhin war es nur Tabak und kein Gras. „Aber ihr könntet doch gar nicht ohne einander.“

„Was soll’n das heißen?“

Herbert sah ihn abwartend an, hob die Augenbrauen, aber Thiel war nicht gewillt, seine Frage zurückzuziehen und seinem Vater damit Bestätigung für irgendwelche seltsamen Vermutungen zu geben.

„Ach, Frankie“, seufzte Herbert schließlich. „Sowas kann nur eine Mutter lieben? Wirklich? Mir musst du doch nichts vormachen.“

Vielleicht waren die Vermutungen seines Vaters doch nicht so seltsam. Aber Thiel sagte nichts. Wusste nicht, was. Also trank er lieber den Rest seines Biers aus.

„Du hast doch nicht mehr alle Latten am Zaun“, grummelte er schließlich.

„Ich weiß. Deswegen sollst du mir ja beim Reparieren helfen.“

Thiel sah seinen Vater ungläubig an. Dann mussten sie beide lachen. Taten sie irgendwie auch viel zu selten zusammen.

„Aber mal im Ernst“, sagte Herbert, als sie sich beide wieder eingekriegt hatten. „Warte nicht zu lang. Das Leben ist so kurz und wenn man schon das Glück hat, sowas zu finden…“ Er ließ den Satz auslaufen und eine Weile saßen sie schweigend da und hingen ihren eigenen Gedanken nach.

„Vielleicht hatte die Frau Klemm ja neulich doch Recht.“ Thiel bemerkte erst, dass er das laut vor sich hin gemurmelt haben musste, als sein Vater ihm antwortete.

„Die hat meistens Recht. Aber womit diesmal?“

„Ach, die meinte, dass ein ungeordnetes Beziehungsleben noch lange kein Grund für einen Mord ist, und dass in eurer Generation sonst alle tot oder verhaftet wären. Und ich hab den Eindruck, das ist in meiner Generation nicht anders.“

„Der Spruch könnte von mir sein“, sagte Herbert und nickte zustimmend vor sich hin.

„Ist er auch, hat sie gesagt“, erwiderte Thiel lachend und dann kam ihm plötzlich ein Gedanke. „Ihr seht euch in letzter Zeit wieder öfter, oder?“

Sein Vater zuckte mit den Schultern.

„Ab und zu. Wenn wir’s einrichten können. Wieso?“

„Läuft da wieder was zwischen euch?“ Thiel bereute die Frage schon, bevor er sie ganz zu Ende gestellt hatte. Das war nichts, wo er wirklich drüber nachdenken wollte. Und wahrscheinlich war es ein gutes Zeichen, dass sein Vater in schallendes Gelächter ausbrach, denn das hieß wohl so viel wie nein.

„Das ist doch nun wirklich lang vorbei“, kicherte Herbert und Thiel beglückwünschte sich schon dazu, dass er dieses Kopfkino erfolgreich umschifft hatte, als sein Vater weiter sprach. „Ich bin auch wirklich langsam raus aus dem Alter und die Wilhelmine hat ja ihre Partnerinnen.“

Wenn sein Bier nicht schon leer gewesen wäre, hätte Thiel sich jetzt garantiert daran verschluckt.

„Wie bitte?“

„Oh, wusstest du das nicht? Dann hätte ich vielleicht nichts sagen sollen.“ Herbert sah ein wenig betreten drein.

„Doch, doch“, log Thiel also rasch. Er wollte seinem Vater kein schlechtes Gewissen machen. Und er wäre sowieso der letzte, der Frau Klemm ausgerechnet darauf ansprechen würde. Jetzt ergab aber immerhin der restliche Teil ihres Gesprächs neulich deutlich mehr Sinn. Er schüttelte schmunzelnd den Kopf. Es wär auch wirklich zu einfach, wenn irgendwer von ihnen mal eine stinknormale, langweilige 0815-Beziehung führen würde. Es musste immer irgendwelche Verwicklungen geben, oder was Außergewöhnliches sein, oder eben seit Jahren so vertrackt wie bei ihm und Boerne. Thiel seufzte leise.

„Willst du noch ein Bier, Junge?“

„Nee, Vaddern, lass mal. Wenn wir den Zaun heut eh nicht mehr machen, fahr ich langsam nach Hause. So lange ich noch eine Wohnung hab.“ Diesmal konnte er sich ein kleines Grinsen dazu schon nicht mehr verkneifen. Sein Vater erwiderte es. Dann setzte er sich plötzlich abrupt auf.

„Oh, Frank, warte mal, mein Kumpel, der Jupp, mit dem ich früher manchmal angeln war, der hat doch ein Hausboot drüben im Kanal. Und der will das jetzt verkaufen, weil er das alles nicht mehr kann mit seinem Rheuma. Wenn dir das beim Professor zu blöd ist, nimm du doch das Boot. Der Jupp macht dir bestimmt einen Freundschaftspreis und dann hättest du was Eigenes.“

Für einen Moment malte Thiel sich aus, wie das wohl wäre. Auf dem Wasser zu leben, würde ihm gefallen. Wenn er frei hätte, würde er einfach die Leinen losmachen und in irgendeine Richtung davon schippern können. Nachts hätte er da bestimmt seine Ruhe, weil niemand die ganze Nachbarschaft mit Wagner beschallte. Überhaupt wäre es da wahrscheinlich sehr ruhig. Und einsam. Er würde Boerne vermissen.

„So’n Boot ist doch viel zu viel Arbeit“, sagte er.

Sein Vater sah ihn lange an.

„Und zu weit weg von Boerne?“ Thiel zuckte nur ergeben mit den Schultern. Warum sollte er es abstreiten? Herbert nickte. „Mach, dass du nach Hause kommst.“

„Ich ruf dich an wegen dem Zaun, ja?“

„Der hat keine Eile. Gibt Wichtigeres im Leben.“

Thiel umarmte seinen Vater zum Abschied. Auch das taten sie nicht oft, aber heute musste es sein.

„Tschüss, Paps.“

Und dann machte Thiel sich auf den Weg nach Hause. Zu Boerne.