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Die anderen kannten Adam noch nicht lange genug, daher machten sie sich vermutlich nicht so viel daraus, aber Leo war sich da ganz sicher: Bei Adam, da war irgendetwas im Busch. Etwas, was ihn augenscheinlich so vereinnahmte, dass er noch nicht einmal Kontra gab, als Esther ihn zum wiederholten Male wegen seines unaufmerksamen Verhaltens anschnauzte.
Die Hälfte des Morgens verbrachte Adam stattdessen damit Löcher in die Luft zu starren und Leo konnte ihm nur so schamlos dabei zusehen, weil er ihm heute ausnahmsweise mal direkt gegenüber saß. Eigentlich hatten sie das geklärt, seit der Sache mit dem Geld. Dass Adam mit ihm sprechen würde, wenn es ein Problem gab. Immer und als Allererstes. Keine Geheimnisse und keine Alleingänge mehr.
Aber Adam hatte schon die gesamte Besprechung über seine Augen gemieden, als wüsste er, dass Leo etwas ahnte. Vielleicht war etwas passiert, mit Heide oder so. Jetzt wo der alte Schürk weg war, hatte sie zwar das Haus verkauft und sich soweit er wusste in Portugal niedergelassen, aber man konnte sich da ja nie sicher sein. Zutrauen würde er den Schürks mittlerweile alles.
Fest entschlossen der Sache auf den Grund zu gehen, ließ Leo nicht locker, auch wenn Adam bereits zum dritten Mal abrupt den Blick abwandte, sobald Leo wortlos versuchte herauszufinden, was los war. Das fühlte sich jedes Mal an wie eine Ohrfeige an, nicht nur weil Adam so das zerbrechliche Vertrauen welches sie langsam wieder aufgebaut hatten direkt wieder gefährdete, sondern auch weil es Leo erneut zeigte, dass er seinen eigenen Stellenwert in Adams Leben scheinbar immer noch überschätzte.
„Richtig, Hölzer?“
Leo schreckte auf — und spürte förmlich, wie die Sorgenfalten zwischen seinen Brauen sich glätteten.
Esther sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an, ihre Lippen schmal und angespannt. „Die Platzwunde am Kopf.“
Das half ihm ganz und gar nicht auf die Sprünge. Weil Leo schon seit einer guten Viertelstunde mehr mit Adam beschäftigt war als mit dem Fall und nicht einmal wusste, über welches der beiden Opfer sie gerade sprachen, geschweige denn, wie es eigentlich um die orbitalen Frakturen stand. Leo war sich ziemlich sicher, dass Esther das auch wusste, wenn er ihr Kopfschütteln korrekt deutete.
„Sorry.“
Auf frischer Tat ertappt, setzte sich Leo mit einem Räuspern etwas gerader hin und richtete seinen Blick auf das Whiteboard. Es war absolut nicht in Ordnung, dass er wegen Adam seine Arbeit vernachlässigte, nicht einmal wenn es ein Problem gab. Sie waren schließlich schon seit zwei Wochen an diesem Fall dran und er würde es sich nicht verzeihen, wenn sie den ans LKA 3 verlieren würden.
Er studierte die Fotoaufnahmen erneut, aber als er endlich begriff, worum es Esther ging und gerade antworten wollte, fiel ihm Pia ins Wort, bevor er überhaupt seinen Mund öffnen konnte. „Oder wollen du und Adam kurz mal raus?“
Wie auf Kommando schoss sein Blick wieder rüber zu Adam, welcher gerade dabei war nach den Akten zu greifen und jetzt kaum merklich zusammenzuckte.
„Klappt ja hervorragend mit der nonverbalen Abstimmung.“
Jetzt war Leo gänzlich verwirrt. Schaute zuerst Esther fragend an, dann Adam. Adam wollte ja offenbar nichts mit ihm abstimmen, schon gar nicht nonverbal, das hatte er deutlich gemacht. Es war also nur Leo, der vollkommen unprofessionell, und zugegebenermaßen vielleicht auch ein bisschen verzweifelt, schon den ganzen Morgen versuchte, Blickkontakt aufzubauen.
Pia stieß Adam leicht mit dem Ellbogen in die Rippen. „Manchmal hilft nur drüber reden, Jungs. Mit Worten.“
„Ha ha.“ Adam hatte sich scheinbar wieder gefangen und schlug nun eine der Dutzend Fallakten auf. „Ist ja auch das Einzige, was ihr den ganzen Tag lang tut.“
Als Adam ihn endlich ansah, war da gar nicht mehr diese Sorgenfalte zwischen seinen Brauen, die da den gesamten Morgen über war, und Leo hatte diesen plötzlichen Wandel noch gar nicht richtig verarbeiten können, da zwinkerte Adam ihm auch noch zu.
„Alles gut“, fügte er hinzu, während Leo versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihn das aus dem Konzept brachte. “Wir brauchen keine Pause.“
„Na dann, hopp, wir haben immer noch einen Doppelmordfall und keine einzige relevante Spur.“
Leos Hände fühlten sich kalt und schwitzig an, aber Adam hatte seine Aufmerksamkeit schon wieder den Akten gewidmet. Er ärgerte sich noch kurz über sich selbst, aber verbannte dann entschlossen das Thema Adam erstmal für den Rest des Morgens aus seinem Kopf. So würde er hier nicht weiterkommen.
„Also, wegen des Durchsuchungsbeschlusses für Angelika Meissning. Ich hab’ heute in der Früh direkt die Meyer-Besdorf kontaktiert und…“
_____
Leo verbrachte die Pause damit Caro und ihrem Mann beim Umzug zu helfen und kam völlig erledigt wieder im Präsidium an, die Jacke über die Schulter geworfen und mit der schwachen Hoffnung, dass eine große Tasse Kaffee ihm helfen würde den restlichen Tag zu überstehen.
Im Türrahmen hielt er inne, überrascht zu sehen, dass Adam scheinbar der erste und einzige war, der bereits aus der Pause zurück war.
„Hey.“ Als Leo den Raum betrat, blickte Adam von seinem Schreibtisch auf und hob kurz seine Hand. Er hatte wohl gerade von seinem Hörnchen abgebissen und grummelte kaum verständlich ein: „Die anderen sind schon auf dem Weg zur Meissninger.“
Leo kniff die Augen zusammen und musterte ihn eindringlich. Anders als heute morgen sah er ihn beim Sprechen zwar an, aber da war immer noch etwas in seinem Gesicht, das Leo nicht ganz deuten konnte.
„...Alles gut?“
Mit Adam musste man vorsichtig sein, bei zu direktem Nachfragen war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er einem am Ende gar nichts mehr erzählte.
Adam kaute zu Ende und schluckte dann. „Klar. Was soll sein?“
Leo hängte vorsichtig seine Jacke über den Stuhl und drehte sich dann zu Adam um, das ungute Gefühl immer noch ganz schwer in seinem Magen. Adam schien wie ausgewechselt.
„Weiß nicht. Ich dachte nur, vielleicht ist etwas passiert. Heute früh, oder gestern Abend.“
Gestern Abend hatten sie noch zusammen Fußball geschaut, da war noch alles in Ordnung gewesen. Es musste also in der Zeit dazwischen passiert sein.
„Nee, alles gut.“
Adam wischte die Finger an seiner Hose ab und griff nach seiner eigenen Jacke. „Ich hab dir die Berichte schon mal rausgekramt. Aber war eigentlich auch grad auf dem Sprung, geh nochmal den Pisser von der Tanke befragen.“
An der Tür drehte sich Adam noch einmal zu ihm um, zwei Finger an seiner Schläfe zum Abschied und ein Funkeln in den Augen, das Leo nun komplett die Sprache verschlug. „Steht dir, der sleeveless Look.“
Bis Leo sich wieder gefasst hatte, war die Tür schon ins Schloss gefallen und Adam längst verschwunden. Völlig perplex, liess Leo sich in seinen Stuhl plumpsen und fuhr sich dann einmal mit der Hand quer übers Gesicht und durch die Haare, bevor er den Kopf mit einem lauten Seufzer auf den Tisch stützte und die Finger im Nacken verschränkte.
Das musste aufhören, das mit Adam, das verdammte Kribbeln in seinem Bauch. Sie waren alte Freunde, und jetzt auch noch Kollegen. Das konnte er nicht einfach aufs Spiel setzen, nur weil sein Herz sich vor über fünfzehn Jahren auf ihn eingeschossen hatte. Er hatte heute noch gar keine Zeit, sich den Berichten zu widmen, die er eigentlich durchschauen sollte.
Beim Öffnen der ersten Akte kam ihm direkt ein kleiner Zettel entgegen. Müde und vielleicht ein kleines bisschen genervt von sich selbst, fluchte Leo leise bevor er sich runterbeugte um ihn aufzuheben.
Lose Papiere gehörten nicht in die Fallakten. Alles sollte gelocht und abgeheftet werden, damit nichts verloren ging und das wiederholte er auch regelmäßig in den Teambesprechungen.
Doch als er den Zettel auseinander falten wollte, um ihn ordentlich abheften zu können, setzte sein Herz für einen Schlag aus und Leo erstarrte mitten in der Bewegung.
Das war seine eigene Handschrift, die da durchs Papier schimmerte. Ganz offensichtlich eine seiner Listen, die er wohl verlegt hatte. Was, bis auf den Fakt, dass er seine eigene Regel missachtet hatte, eigentlich auch erstmal überhaupt kein Problem wäre. Wenn das Papier nicht so aussehen würde, als wäre es bereits unzählige Male glatt gestrichen und neu gefaltet worden. Und ihn da nicht dieses eine Wort ganz vorwurfsvoll anschauen würde, wo die Ecke unsauber geknickt war. Adam.
Scheiße.
Verdammte Scheiße.
Leo holte einmal tief Luft und ignorierte so gut es eben ging das Zittern in seinen Händen. Das konnte gar nicht sein. Er räumte diese Liste jedes Mal sorgfältig wieder in seine Schreibtischschublade, wenn er damit fertig war. Die oberste, die man abschließen kann. Die verfluchte Liste hatte also wirklich gar keinen Grund, jetzt so vor ihm zu liegen.
Alles gut, versuchte er sich selbst zu beruhigen, ehe er noch voreilig einen Anfall bekam. Hatte er die Liste halt beim letzten Mal übersehen und dann ist sie wohl irgendwie zwischen die Akten geraten, auch wenn er sich das kaum vorstellen konnte.
…Wenn die Ordner von vor 1900 nicht schon seit Monaten im Schrank verstaubten und Leo nicht mit absoluter Sicherheit wusste, dass er die Liste vor zwei Tagen erst ergänzt hatte. Aber wenn Adam ihm die Akten gebracht hatte, dann hieß das… womöglich hatte Adam ja…
Auf einmal wurde Leo ganz schwummrig vor Augen.
Mit angehaltenem Atem glättete Leo das Papier. Starrte auf seine Liste, deren Punkte er vermutlich im Traum aufsagen konnte, die er nur angelegt hatte, weil Adam damals so plötzlich zurückkehrte und Leo gar nicht wusste, wohin mit all seinen Gefühlen. Es war eine Spielerei, die er sich nur erlaubte, weil es der einzige Weg war, mit ihm zusammenarbeiten zu können, ohne in seinen Tagträumen zu ertrinken.
Aber da war noch mehr auf dem Papier. Das hatte Leo bei seinem ersten Schock gar nicht bemerkt.
'Sonnenaufgang?’ stand da neben ‘Spaziergang an der Saar (Sonnenuntergang)’, ganz klein in Adams krakeliger Schrift.
‘Bier = romantisch?’ bei Leos Notiz, dass er vielleicht Bier mitbringen könnte, aber nur, wenn's dann nicht zu kitschig wird, und Leo musste den Zettel kurz beiseite legen und sich aufs Atmen konzentrieren, bevor er hier im Büro noch das Bewusstsein verlor.
Adam hatte seine dämliche Liste nicht nur gelesen, er hatte sie sogar kommentiert. Satzzeichen und alles.
Leo schloss die Augen. Ganz fest, bis das Schwarz unter seinen Lidern zu flackern begann, wie ein altes Fernsehbild. Doch so sehr er es sich auch wünschte und hoffte, es tat sich einfach kein Loch im Boden auf, das ihn aus dieser beschissenen Situation rettete.
So viel Glück hatte Leo nicht. Hatte er noch nie, wenn es um Adam ging. Nicht als Adam damals abhaute nach der Sache mit dem scheiß Spaten und nicht als er fünfzehn weitere Jahre vergeblich versuchte, sich Adam aus dem Kopf zu schlagen. Auch nicht als Adam plötzlich wieder in seinem Leben auftauchte, als sei nichts gewesen und eine fast schon explosive Verschlimmerung des Gefühls mit sich brachte, das seit über zwanzig Jahren wie ein Stein auf Leos Brust lastete.
Hatte Leo auch jetzt nicht, weil er unbedingt eine Liste mit Date-Ideen schreiben und ausgerechnet Adam über sie stolpern musste.
Leo wagte einen erneuten Blick auf den harmlos scheinenden Zettel und fluchte ununterbrochen, während er Adams restliche Kommentare durchging. Neben seinen Punkt ‘Kochen bei mir zuhause’ hatte Adam einfach nur eine lange Reihe an Fragezeichen gesetzt.
Leo vergrub die Finger in seinen Haaren und presste die Handballen gegen seine Schläfen, bis es weh tat. Scheiß auf das Loch im Boden, er brauchte jetzt ganz dringend einen Streifschuss, der ihn so lange außer Gefecht setzte, bis seine Versetzung bewilligt wurde.
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Am nächsten Morgen stand Leo vor der Tür des LKA 1 und würde am liebsten direkt wieder umdrehen und nach Hause fahren. Da das aber sein äußerst unprofessionelles Verhalten von gestern noch um einiges toppen würde, biss er die Zähne zusammen und streckte langsam die Hand nach dem Türknauf aus.
Gestern Nacht lag er noch eine Ewigkeit wach, ist vor seinem inneren Auge immer und immer wieder diese verdammte Liste durchgegangen. Aber Adams Notizen waren genauso wie die meisten seiner Aussagen, nichtssagend und geprägt von einer Art sachlichen Sarkasmus, den Leo dort gerade absolut nicht gebrauchen konnte.
Er hatte Adam gestern noch mehrfach geschrieben, nach zwanzig Entwürfen hatte er aufgehört zu zählen, aber jedes Mal, kurz bevor er die Nachricht abschickte, hatte er einen Rückzieher gemacht. Es gab keine andere Erklärung für den Inhalt der Liste als die offensichtlichste und damit auch keine Kombination von Worten, mit der er sich da irgendwie rausreden konnte.
Mit einem ‘Hey, vergiss bitte einfach dass ich etwas für dich empfinde, das ganz und gar nicht mehr freundschaftlich ist und dich am liebsten 24/7 um mich hätte’ war es offensichtlich nicht getan und als einen Witz konnte er es auch schlecht verkaufen — nicht nur, weil er ein wirklich miserabler Lügner war, sondern auch, weil er noch nie besonders lustig gewesen war, und sowieso, hatte er ja sogar von Küssen gesprochen, ganz unten auf dieser bescheuerten Liste.
Als Leo mit Bauchschmerzen der Kategorie ‘leider nicht schlimm genug für den Notarzt, aber definitiv zu viel für seine rasenden Gedanken’ endlich den Raum betrat, war Adam schon an seinem Platz und offensichtlich in eine Aufgabe vertieft. Ein paar Strähnen waren wie immer nach vorne gefallen und verdeckten sein Gesicht, aber Leo konnte klar erkennen, dass er konzentriert auf seiner Unterlippe kaute.
„Guten Morgen“, presste Leo hervor und machte sich dann schnurstracks auf den Weg zum Besprechungstisch.
Esther erhob sich mit einem entnervten Seufzen und warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Na endlich.“
Adam war nun ebenfalls aufgestanden, die Arme vor der Brust verschränkt und ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. Als sich ihre Blicke trafen, bekam Leo das Gefühl, dass Adam nur darauf gewartet hatte, um jetzt ganz bewusst auf Leos Schreibtisch zu schauen, zu der noch immer geöffneten Akte, mit der gestern alles angefangen hatte.
„Leo.“
Leos Herz raste auf einmal in doppelter Geschwindigkeit in seiner Brust und er verfluchte sich selbst zum hundertsten Mal an diesem Morgen. Vielleicht war es doch nicht zu spät, sich für den Tag krankschreiben zu lassen.
Leo schaffte es, Adam fast den kompletten weiteren Tag aus dem Weg zu gehen. Er war in der KTU, um die Blutspuren und Möglichkeiten zur weiteren Spurensicherung persönlich zu besprechen und stattete Henny einen Besuch ab. Die Obduktionen liefen… naja, gut war wohl nicht gerade angebracht, aber es ging jedenfalls voran, und Henny schickte ihn wieder weg mit den Worten, er solle doch jetzt bitte nicht seinen Herzschmerz in ihrem Sektionssaal verarbeiten.
Er schaute sogar bei der Meyer-Besdorf vorbei, obwohl das sonst niemand freiwillig tat und half danach noch bei der alljährlichen Inventur der Asservatenkammer aus.
Aber als er aus der Mittagspause zurückkehrte, kamen ihm auf halbem Weg Esther und Pia entgegen.
„Was macht ihr denn hier?“ Leo checkte nochmal die Zeit auf seiner Armbanduhr, um ganz sicher zu gehen. „Wir haben gleich Teambesprechung.“
„Sagt derjenige, der zu spät kommt“, erwiderte Esther trocken. „Offensichtlich seid ihr beiden BFFs ja unfähig—“
„Das LKA 3 hat nach Unterstützung bei einer Gebäudeüberwachung gefragt“, unterbrach Pia sie. „Ich schulde denen noch was.“
Mit dem Grinsen im Gesicht sah Pia aber ganz und gar nicht so aus, als wären sie gerade auf dem Weg zu einer Observation.
„Geh du schon mal vor, wir kommen gleich nach.“
Leo war sich bewusst gewesen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis jemand mitbekam, dass zwischen Adam und ihm etwas gewaltig schief gelaufen war, er hatte nur wirklich, wirklich gehofft, es wäre nicht direkt heute passiert.
„Okay“, sagte er und nickte einmal scharf, weil er zwar ein miserabler Lügner und noch schlechterer Schauspieler war, aber noch lange kein schlechter Verlierer. Die Freundschaft mit Adam hatte er definitiv verzockt, aber er würde sich nicht länger vor den Konsequenzen drücken.
Konsequenzen, die in Form eines ihn bereits erwartenden Adams nicht lange auf sich warten ließen.
„Leo.“
„...Adam.“
Leo folgte jeder von Adams Bewegungen, als dieser seine verschränkten Arme löste und sich vom Tisch weggedrückte, um langsam auf ihn zuzulaufen. Das hier waren womöglich die letzten Momente, die er mit seinem besten Freund hatte und Leo war, trotz allem, trotz dieser verdammten Liste und dem scheiß Spaten, immer noch ein Egoist, wenn es um Adam ging.
Ein paar Meter entfernt blieb Adam schließlich stehen und Leo spürte trotz seines hämmernden Herzschlags den Stich in seiner Brust den die unübliche Distanz zwischen ihnen hinterließ.
„Adam“, wiederholte Leo, seine Stimme überraschend gefasst. „Wegen gestern. Wegen der… Wegen dem Zettel. Das war nicht— Das war nur ‘ne Spielerei. Ich wollte nicht, dass du das findest, das war ‘ne dumme Idee.“
Adam machte ein nachdenkliches Geräusch, den Kopf zur Seite geneigt. „Ja, schon irgendwie.“
Leo wandte seinen Blick ab. Er war vielleicht ein Egoist, aber bestimmt kein Masochist.
„Das mit dem Poetry Slam jedenfalls. Und ich weiß auch nicht, ob du mich wirklich in deiner Küche haben willst. Im Planetarium war ich aber echt noch nie.“
Leo merkte gerade noch so wie ihm sein Gesicht entglitt, da war er schon an Adam herangetreten, den Kiefer so stark zusammengepresst, dass es wehtat.
„Dein scheiß Ernst, Adam? Machst du dich gerade darüber lustig?“
Adam hob beschwichtigend die Hände, aber plötzlich war da nur noch Wut in Leos Bauch. Weil es einfacher war — ein Ventil für die Scham und die Angst und das schreckliche Gefühl, eine jahrelange Freundschaft mit seiner kindischen Schwärmerei ruiniert zu haben.
„Gibt es überhaupt irgendetwas in deinem Leben, das du ernst nehmen kannst? Selbst wenn’s natürlich nie geplant war, dass du diese scheiß Liste je findest, so etwas überhaupt zu schreiben war mehr als unangemessen, das weiß ich auch, das musst du mir nicht erzählen, aber irgendwie hab ich gedacht, habe gehofft wie ein Idiot, dass da mehr wäre, dass dir unsere Freundschaft es wenigstens wert war mein Herz nicht mit Füßen zu treten, selbst wenn du dich damals auch verpisst hast sobald alles aus dem Ruder lief.“
Leo hörte abrupt auf zu sprechen und seine eigenen Worte hallten in seinem Kopf nach. Er blickte in vertraute blaue Augen, suchend und irgendwie näher als erwartet, und ballte seine Hände zu Fäusten, um auf Nummer sicher zu gehen. Da war ein verräterisches Brennen in seinen Augen, aber Leo weigerte sich jetzt zu weinen — nicht hier, nicht vor Adam. Reichte ja schon, dass er sein Herz ausschüttete und sich benahm wie ein Vollidiot.
„Scheinbar habe ich immer noch ein falsches Bild von dir“, ruderte Leo zurück und klammerte sich verzweifelt an die Wut, die ihm zu entgleiten drohte. „Vielleicht will ich es auch einfach nicht wahrhaben, egal wie oft du es mir sagst. Dass du sowas nicht kannst. Dass du ein Arschloch bist. Statt wie vernünftige Erwachsene drüber zu reden und ‘ne Lösung zu suchen, gibst du mir den Zettel kommentiert zurück und machst dann auch noch Witze drüber. Wahrscheinlich wissen Heinrich und Baumann auch Bescheid, richtig? Ihr steckt da alle mit drin, ich hätt’s mir denken sollen, ich Idiot. Und— und überhaupt war es gar nicht dein Recht in meinen Dingen rumzukramen—“
„Leo“, flüsterte Adam. „Der Zettel lag am Boden. Bei deinem Tisch, als ich morgens reinkam.“
Als wäre das gerade das Wichtigste von allem, was Leo gesagt hatte.
„Ich dachte das wäre… naja egal, jedenfalls dachte ich nicht, dass es etwas Privates ist. Zumindest nicht sowas. Und als ich… Als ich dann anfing zu lesen, war es schon zu spät, Leo. Da konnte ich nicht mehr aufhören, als ich meinen Namen oben gesehen hab.“
Auf einen Schlag war Leos komplette Wut verschwunden, verpufft wie Regen auf heißem Asphalt, und zurück blieb nur eine gähnende Leere, die alles andere schluckte.
Erst jetzt bemerkte Leo, wie weit er Adam im Affekt gegen seinen Schreibtisch gedrängt hatte. Sein eigener Atem ging flach und seine Hände zitterten immer noch, aber Adam war ganz ruhig. Schaute ihn nur erwartungsvoll an, während Leo seine Worte verarbeitete, und auf einmal war es nicht mehr leer in Leo, sondern so voll mit Zuneigung, dass er kaum noch atmen konnte.
Das war schließlich immer noch Adam, der ihm so viel mehr bedeutete als er sollte, und so sehr Leo es auch versuchte und es auch bis an sein Lebensende weiter versuchen würde, er wusste, dass diese Gefühle zu stark waren, um jemals zu verschwinden.
Adam schien noch mehr sagen zu wollen, der Ausdruck in seinem Gesicht ernst und beinahe gequält, doch dann verzog sich sein Mund zu einem schwachen Lächeln und die Muskeln in seinem Kiefer entspannten sich. „Ich nehm’ alle Schuld auf mich.“
„Adam…“ murmelte Leo, weil Adam immer noch hier war und Leo nun wirklich nicht mehr weiter wusste. Er wollte Adam nicht aus Mitleid. Er wollte ihn wie immer. Wie damals, bevor er alles ruinieren musste. „...Ich wünschte, du könntest das einfach vergessen. Zumindest bis meine Versetzung durch ist.“
Als Antwort bekam er ein Schnauben, Adams Gesicht so nah bei seinem, dass er den heißen Atem spürte. „Ich fass es nicht“, sagte Adam. „Die Baumann hatte doch Recht. Du bist wirklich blind.“
„Adam, jetzt hör doch mal endlich auf—“ Die nächsten Worte blieben Leo im Hals stecken, als Adams Hand vorsichtig seine streifte.
„Vielleicht will ich das gar nicht vergessen. Was dann, Leo?“
„Was?“
In Adams Augen spiegelten sich auf einmal so viele Emotionen, dass Leo fast schon schwindelig wurde. “...Wie meinst du das?“
Wenn Adam lächelte, legte sich die Haut um seine Augen immer in tausend kleine Fältchen und obwohl sich Leo bisher nie als besonders eifersüchtig bezeichnet hätte, wurde er sich in diesem Moment klar, dass er dieses ganz besondere Lächeln eigentlich für immer nur für sich haben wollte.
„Ich mein’ das so, dass ich die Idee mit der Vespa eigentlich ziemlich nice fand.“
Adam strich nun über Leos Handrücken, bis Leo seine Faust entspannte und er ihre Finger verschränken konnte.
„Ich mein’ das so, dass ich mein Glück kaum fassen konnte, als ich deine Liste auf dem Boden gefunden habe. Ich mein’ das so, dass keine der Ideen genug gewesen wären, mich zu überzeugen, nicht ohne dich, und dass ich trotzdem alles am liebsten mindestens dreimal machen will.“
Leo war sich ziemlich sicher, dass er zwischendurch vergessen hatte, auszuatmen. Adam war noch näher gekommen und Leo konnte nun den kalten Rauch in seinen Klamotten riechen, den Kaffee, der auf seinem Tisch gerade kalt wurde.
„Aber—“
„Ich könnt’ dir stundenlang zuhören, ehrlich Leo, aber ich glaub jetzt würd’ ich gerade lieber was anderes tun.“
Adams Nase kitzelte vorsichtig seine, aber Leo war so erstarrt, dass er Sorge hatte, Adam könnte es missverstehen. Dass Leo das hier gar nicht wollte, obwohl das völlig absurd war, weil Leo nie etwas mehr gewollt hatte, als jetzt mit Adam hier zu stehen.
„Adam…“
„Das ist eh schon verdammt überfällig.“
Aber Leo merkte, wie Adams Finger zitterten als er Leos Gesicht in seine Hände nahm. Sein Daumen berührte behutsam seinen Mundwinkel, wanderte langsam zu seinen Lippen, und Leo war so kurz davor, noch etwas zu erwidern, als Adam ihn endlich küsste.
Die Berührung war so federleicht, dass Leo sich instinktiv noch ein Stückchen näher presste. Adams Lippen waren wärmer und weicher als er es sich je hätte vorstellen können, und Leo bemerkte erst, dass er seine Augen geschlossen hatte, als Adam seinen Kopf neigte und Leo das bloß spürte.
Er gab ein leises Geräusch von sich, dass er später auf alle Fälle leugnen würde, und dann hatte er auch schon die Hände in Adams Nacken gelegt und ihn noch näher herangezogen. Als er seinen Kopf drehte, streifte Adams Bart seine Wange und irgendetwas in Leos Innerem machte wilde Purzelbäume. Das war wirklich Adam, sein bester Freund seit mehr als zwanzig Jahren, mit dem er damals schon bis ans Ende der Welt gegangen wäre und den er jetzt endlich in seinen Armen halten durfte.
Mit einem kurzen Lachen löste sich Adam von ihm, als ihr Verlangen nach Sauerstoff sie auseinander zwang, aber weit ging er zum Glück nicht. Stattdessen drückte er seine Stirn gegen Leos, sein Gesicht so nah, dass Leo Schwierigkeiten hatte, ihn zu fokussieren.
„Mensch, Leo“, meinte Adam leise. „Hättest du mal nicht früher so ‘ne Liste rumliegen lassen können?“
Mit seinem Daumen strich er dabei sanft über Leos Schläfe und das allein war schon so ablenkend, dass Leo kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, geschweige denn diesen in Worte verpacken.
Irgendwann brachte er ein schwaches Schnauben hervor. „Willst du mir sagen, du brauchst ‘ne Liste, um mich zu küssen? Adam ‘ich nehme mir was ich will’ Schürk?“
Normalerweise war er nicht so draufgängerisch, aber Adams Nähe war scheinbar genug, um seine Prinzipien über den Haufen zu werfen.
Adam atmete amüsiert aus und strich vorsichtig mit der Fingerspitze über die Stelle direkt neben Leos Auge. Als er anfing zu sprechen, berührten sich ihre Lippen bei jedem Wort. „Ist einfach zu sagen, wenn man nie etwas wirklich wollte.“
Etwas ganz Komisches passierte da in Leos Bauch bei Adams Worten — ein Kribbeln, dass sich so schlagartig in seinem gesamten Körper ausbreitete, dass er kurz Sorge hatte, er müsse das hier vorzeitig beenden und sich hinsetzen. Adam wollte ihn. Hatte ihn womöglich schon länger gewollt. Er hatte Adam geküsst.
„Adam, ich…“
„Aber ein Escape Room? Wirklich, Leo?“
„Ach, hör doch auf.“
Adam lehnte sich etwas zurück als er lachte und obwohl Leo spürte, wie seine Wangen begannen zu glühen, als er an all die unangenehmen Dinge dachte, die noch so auf seiner Liste standen, war Adams aufrichtiges Lachen immer noch besser als jede Melodie, die Leo je gehört hatte.
Er beobachtete Adam eine Weile länger, bis dieser sich gegen den Tisch lehnte und Leo am Arm zu sich zog, bis sie nebeneinander standen. Danach starrte Leo auf ihre Schuhe und bekam das Grinsen trotzdem noch nicht aus dem Gesicht.
„Hey, Leo?“
„Hm?“
„Lass das mal mit dem Versetzungsantrag, ja?“
In Adams Augen war ein amüsiertes Funkeln und dann war Leo an der Reihe mit Lachen.
„Ich weiß ja nicht“, meinte er. „Ob das noch professionell ist, im selben Team?“
Adam rutschte ein Stück näher. „Ich kann sehr professionell sein, wenn ich will.“
„Ach ja?“
„Klar.“
Adam streckte die Hand aus und fuhr mit seinem Daumen die Kontur von Leos Unterlippe nach, eine Geste, die Leo fast schon intimer vorkam als der Kuss von gerade eben.
„Du hattest da was“, meinte Adam beiläufig und zuckte mit den Schultern. „Is’ jetzt weg.“
Leo musste sich sehr anstrengen, um nicht direkt wieder nach Adams Hand zu greifen. „Ah ja, äußerst professionell.“
Adam lachte auf und lehnte sich dann wieder zurück, Hüfte an Hüfte. „Also, mit was fangen wir an?“
Leo schaute ihn fragend an. „Bei was?“
„Na mit unseren ersten Dates.“
Leo schnaubte und schüttelte den Kopf. So wie er Adam kannte, würde er ihn diese Liste nie vergessen lassen. „Kochen bei mir zuhause?“
Adam gab einen entsetzten Laut von sich. „Oh man Leo, echt jetzt? Du weißt doch ganz genau, dass ich nicht kochen kann.“
„Heißt nicht, dass du nicht lernfähig bist“, argumentierte Leo. „Acht Uhr bei mir?“
Stille. Dann ein langgezogener Seufzer, gefolgt von einem Arm um seine Schultern.
„Acht Uhr bei dir.“
