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off the record

Summary:

Scheiß drauf, beschließt Adam, und zieht die Schultern zurück. Einmal noch Arschloch sein, und danach wird er es wieder gut machen, versprochen.

Prompt beginnt Leo wieder zu sprechen, in seliger Unwissenheit, dass ihm dabei die gesamte Abteilung zuhört. „Vollkommen bescheuert“, murmelt er. “Bin doch keine fünfzehn mehr, wieso kann ich nicht einfach— Wie so ein dämlicher verknallter Teenager. …Was machst du es eigentlich auch immer alles so verdammt kompliziert?“

Notes:

ein pedantischer, super akribisch planender leo, der irgendwann schusselig wird wodurch seine gefühle für adam in der schlimmstmöglichen situation aus ihm rauspurzeln? sign me tf up!

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Adams Leben läuft, wie sollte es auch anders sein, komplett beschissen. Dass Leo nun endlich wieder Teil seines verkorksten Lebens ist, darüber ist er wirklich unendlich dankbar, doch jetzt gerade bringt selbst diese Tatsache ihm herzlich wenig.

Innendienst. Oder besser gesagt Adams persönliche Hölle. War es schon immer gewesen und wird es auch für immer sein. Bürokratie gehört ja leider zum Job, aber tagelang am Schreibtisch versauern und Däumchen drehen? Da hätte er ja gleich so einen langweiligen Office Job machen können. Industriekaufmann, oder so etwas. 

Also, Innendienst. Ziemlich beschissen. Aber Innendienst zu schieben, während Leo sich in Gefahr begab? Absoluter Bullshit.

„Konzentrier’ dich auf Fenrich Senior.“

Vermutlich eine der hirnlosesten Aussagen, die Adam heute getroffen hat. Weil das Leo natürlich selber weiß. Und weil Leo auch weiß, dass Adam weiß, dass Leo das weiß. Weil Leo schließlich nicht dumm ist und weil er sowas ja nicht zum ersten Mal macht.

Neben ihm macht sich ein uniformierter Kollege auf den Weg in die Küche, um sich den x-ten Kaffee zu machen, und Adam würde ihn wirklich sehr gerne erwürgen gerade. Oder aus dem Raum verbannen. Oder den Kaffee aus der Hand nehmen und selbst trinken. Aber eigentlich am liebsten erwürgen.

Wie kann dieser Idiot nur so entspannt sein? Weiß er nicht, dass es hier gerade um etwas so viel Wichtigeres geht als den scheiß Koffeinkick am Morgen? Dass es um Leo geht?

Whatever, denkt sich Adam mit einem leisen Schnauben. Die Streifenhörnchen haben ja offensichtlich keine Ahnung, wie schnell die Stimmung bei so einer Undercover-Mission kippen und wie ernst das hier alles werden kann.

„Das weiß ich doch“, tönt es blechern aus den Lautsprechern der Zentrale und Adam kann Leos Augenrollen förmlich vor sich sehen.

„Sorry, sorry. Bist du im Bad?“

Im Hintergrund kann Adam einen Wasserhahn hören. Schon wieder eine dumme Frage. „Sorry, hast du auch—“

„Ja, Adam, die Beziehung zum Grenzbeamten habe ich auf dem Schirm. Ich bin dran.“

Der Pisser mit dem Kaffee schnaubt belustigt und Adam ist so kurz davor ihm eine reinzuhauen, dass er die Fingernägel in seine Handflächen pressen muss, um nicht vor allen anderen auf ihn loszugehen. Das Letzte, was er will, ist dem Raum verwiesen zu werden, nicht wenn diese beschissene Leitstelle aktuell der einzige Weg ist, mit Leo in Kontakt zu bleiben.

„Ich muss dann wieder“, sagt Leo leise, ein Flüstern, bevor das Wasser abgestellt wird. „Bin schon ewig auf der Toilette.“

Adams Mund ist staubtrocken. „Alles klar.“

Das Signal bricht mit einem leisen Knacken ab und Adam bleibt alleine zurück mit dem Gefühl, dass das hier alles eine ziemlich beschissene Idee ist. Klar, Pia und Esther waren raus, die kannte der Tatverdächtige ja schon, aber Adam? Der wäre sofort mit Leo gegangen, wenn sein nutzloser Arm ihn nicht in den verdammten Innendienst zwingen würde.

Nicht dass er das Leo nicht alleine zutraut, Adam weiß vermutlich besser als jeder andere, was der so alles drauf hat, aber alleine in einem Haus voller Schwerbewaffneter? Klar, das SEK ist direkt im Umfeld stationiert, aber wie schnell können die wirklich da sein, wenn's brenzlig wird?

Ja, es wäre definitiv besser, wenn Adam auch da wäre, an Leos Seite. Dann könnte er sich im Notfall vor ihn werfen. Oder seinen Arm hinhalten, der war vermutlich sowieso hinüber.

Aber eigentlich war das dann ja eh alles egal, weil wenn Leo jetzt heute etwas zustoßen sollte, würde Adam sowieso nie wieder als Hauptkommissar arbeiten wollen. Nicht in Saarbrücken und nicht in Berlin und auch sonst nirgendwo anders. Dann waren seine tauben Finger sein kleinstes Problem und die Umschulung zum Industriekaufmann dann vielleicht doch die letzte Hoffnung. Aber ein Leo-loses Leben, das wollte er sich gar nicht vorstellen.

„Schürk, jetzt mach dich mal locker.“ 

Der Pisser von vorhin klopft ihm im Vorbeigehen auf die Schulter und die plötzliche Wut, die daraufhin in Adam auflodert, ist sogar genug, um ihn kurzzeitig vom Auf-und-Ab-Tigern abzulenken.

„Das ist ja nicht Hölzers erste Mission alleine.“

„Die hantieren mit Sprengstoff, du Schwachkopf“, keift Adam zurück. Esther wirft ihm einen warnenden Blick zu, stellt sich dann aber trotzdem auf seine Seite.

„Schürk hat Recht. Das hier kann ganz schnell nach hinten losgehen, vor allem, wenn man die Volatilität des Tatverdächtigen bedenkt.“

Ihre nächsten Worte richtet sie wieder an Adam: „Das heißt aber nicht, dass Hölzer—“

Auf einmal knistert es in der Leitung und Adam drückt sich sofort wieder an Esther vorbei zur Zentrale.

„Leo?“

„— Arschloch!“

Adams Kiefer schnappt zu.

„Oder hast du ‘n Gedächtnis wie 'ne Scheißhausfliege!“

„War schwer zu verstehen bei dem Gebrüll“, kommt nun doch Leos Stimme. Ganz ruhig, als wäre er nicht gerade in exakt der Situation, vor der Adam ihn mehrfach gewarnt hatte. „Ich hör’ dich auch so ganz gut.“

Die Antwort des Tatverdächtigen kann Adam nicht ganz entschlüsseln, wegen des dröhnenden Lärms im Hintergrund oder dem Rauschen in seinen Ohren, das kann er nicht so genau sagen.

„Sorry, ey, so war das wirklich nich’ gemeint.“ Leo scheint die Taktik zu wechseln und versucht es nun mit Beschwichtigung. „Ich wollt’ nur auf Nummer sicher gehen.“

Adam sucht Pias Blick, aber die Sorge in ihrem Gesicht trifft ihn wie einen Schlag in die Magengrube. Halt den Mund jetzt, Leo, denkt er sich, fast schon verzweifelt, obwohl es ja normalerweise immer er selbst ist, der die Fresse nicht halten kann bei sowas.

„...verfickte… Lutscher, die man sich hier… fucking zugestimmt?“ Jemand lacht, dann folgt das Zischen einer Flasche. „...alles schon besprochen.“

„Danke.“ Leo nimmt einen Schluck vom Getränk. “Ja, weiß ich doch, ich wollt’ eigentlich nur wissen wir ihr die Scheiße eigentlich an den Grenzkontrollen vorbeibringen wollt?“

„Alter ey, du stellst Fragen wie jemand, der ‘nen Bericht schreiben muss.” Eine andere Stimme diesmal, der jüngste der Fenrichbrüder. „Wennde so weiter machst, rastest der hier noch aus, Mann.“

Leo lacht, aber man hört ganz klar die leichte Nervosität in seiner Stimme. Zumindest hört Adam das sofort. Scheiße, er hätte sich nicht von Leo abwimmeln lassen sollen. Scheiß auf seinen Arm.

„Jungs, kommt schon, ihr kennt mich seit Monaten, ich will nur helfen. Vier Augen sehen mehr als zwei und so.“

„Papa?“

Adam bleibt der nächste Atemzug im Hals stecken. Ein Kind? Leo hatte keine Kinder erwähnt, in seinem Bericht.

„Papa, der Jens hat im Klo geredet.“

Adam zählt die Sekunden und kommt bis achteinhalb, bevor etwas zerscheppert.

„Du scheiß Drecksau. Du willst uns abfucken! Willst die ganze Kohle nur für dich.“

Leo setzt zur Antwort an, aber Adam weiß aus Erfahrung, dass er eine Sekunde zu lang gezögert hat, um glimpflich davonzukommen.

Und trotzdem kommt der erste Schlag so plötzlich, dass alle im Raum verstummen und nur noch Leos unterdrücktes Keuchen die Stille durchdringt. 

„Beruhig dich, komm, die Kleine weiß doch gar nicht, wovon sie redet.“

Adam presst seine Zähne zusammen und wappnet sich für den nächsten Schlag, als würde er ihn selbst treffen. 

„Meine Tochter lügt nicht, du scheiß Wichser!“

Der Geräuschkulisse nach zu urteilen, ist er heftig genug, um Leo zu Fall zu bringen.

Wehr dich doch, man, flucht Adam innerlich als Leo stöhnt und mit einem lauten Scheppern zu Boden geht, aber er weiß auch, dass Leo nicht so dumm ist wie er. Dass Leo sein eigenes Leben wertschätzt, und nicht immer damit feilscht wie mit Ramschware auf einem Basar.

Adams Herz schlägt ihm bis zum Hals, aber noch während er krampfhaft überlegt, wie und ob er Leo etwas mitteilen soll, ohne dass die anderen es mitbekommen, bricht die Verbindung auf einmal ab. 

Adam starrt auf die verstummten Geräte. Gerade eben war da noch Leos Stimme, der vertraute Klang seines Atems und das leise Zittern in seinem Lachen, und jetzt war da nichts mehr, nur das Piepen in Adams Ohren und das bleierne Gefühl in seinem Magen.

„Scheiß auf den Plan.“ Adam flucht und macht sich schnurstracks auf den Weg zur Tür. „Gebt dem SEK Bescheid, wir greifen ein. Sofort.“

Aber Esther ist schneller und versperrt ihm den Weg mit verschränkten Armen und hartem Blick.

„Verpiss dich, Baumann.“

„Hast du mal wieder nicht zugehört heute Morgen?“ blafft sie ihn an. „Wir greifen nicht ein, bevor er uns das Signal gibt. Wenn er jetzt auffliegt, dann wars das mit dem Zugriff heute.“

Adam beißt die Zähne so fest zusammen, dass es fast schon schmerzt. Fuck. Fuck, er weiß, dass Esther Recht hat. Und dass Leo ihm das nie verzeihen wird, wenn er seine Pläne mal wieder ruiniert.

Als Pia ihre Hand auf Adams Arm legt, ist das so ungewöhnlich vertraut, dass die bloße Geste ausreichend ist, um Adam kurzfristig aus seinen Gedanken zu reißen. „Leo kriegt das allein hin. Er hat gesagt, er schafft das, also schafft er das auch.“

Und auf einmal fühlt sich Adam unglaublich schuldig. Weil Pia zuversichtlicher klingt, als er sich fühlt. Weil er schon morgens mit Zweifeln und Sorgen aufgewacht ist und Leo am liebsten gar nicht gehen lassen wollte. 

Toller Partner ist er, denkt er abfällig. Wenn er Leo nicht mal eine Infiltration zutraut, ohne dass er daneben steht. Er holt einmal tief Luft und schließt die Augen. Er will doch nur, dass Leo nichts passiert, man. Das packt er nicht. Das würde ihm den Rest geben, da ist er sich ganz sicher. Wenn Leo etwas passieren sollte, dann wäre es auch mit Adam ganz schnell vorbei.

Sein Wirbelwind an Gedanken wird durchbrochen von einem lauten Knallen, dicht gefolgt von Leos schmerzhaftem Zischen. „Scheiße, was war das denn.“

Mit großen Schritten durchquert Adam den Raum und greift nach dem Mikro. „Leo, fuck, man. Alles gut?“

„Alle ausgeflogen. Der ältere Fenrich ist los, und alle anderen hinterher wie Schafe.“

„Alles klar—“

„Das kriege ich noch raus. Die kommen wieder, da bin ich sicher, und wenn ich jetzt hier warte, dann ist das der Beweis, dass ich keinen Dreck am Stecken habe. Und wenn ich den Kollege vom Grenzschutz dann endlich mit Namen aufs Band bekomme, können wir heute Abend wie geplant eingreifen.“

„Hey, Leo, jetzt warte doch mal. Geht’s dir gut? Wie schlimm ist es? Brauchst du Hilfe?“

„...Hallo?“

Adam hält inne. „Leo?“

Am anderen Ende der Leitung seufzt Leo leise. „Na toll… Das Mikro hat er auch kaputt gekriegt.“

Adam dreht sich zu Pia und Esther um. „Er kann uns nicht hören.“

„Er wird das hinkriegen“, gibt Esther zurück, stur wie immer. „Wir greifen nicht ein. Wenn er abbrechen muss, gibt er das Signal.“

„Welches fucking Signal, Baumann, er denkt doch, wir hören ihn nicht mehr! Wie soll er da—“

„...Scheiße, tut das weh.“ Leo spricht weiter mit sich selbst, flucht leise vor sich hin, während er sich durch die Wohnung zu bewegen scheint. „Könnten ein paar geprellte Rippen sein.“

Wie auf Kommando verzieht Adam das Gesicht. Geprellte Rippen waren auch so eine Art von Schmerz, den niemand braucht. Richtig elendig tut das weh, vor allem wenn man die Verletzung kurz vergisst und sich dann aus Versehen doch mal streckt. 

Er setzt zur Antwort an, doch wird sofort enttäuscht, als ihm wieder einfällt, dass Leo ihn sowieso nicht hören kann. Und dass er ihn da jetzt auch nicht mehr rausholen kann, weil wenn Leo auf einmal verschwunden ist, wenn die wiederkommen, dann ist klar, dass er etwas zu verbergen hat. Und so viel wie Leo über die weiß, werden sie ihn auch nicht mehr einfach so gehen lassen. Nee, die müssen die heute schon drankriegen, und wenn's nach Adam geht, auch alle sechs hinter Gitter bringen, nicht nur den, der die drei Kinder auf dem Gewissen hat.

Durch das knisternde Mikrofon hört man leises Poltern, Türenschlagen und dann laufendes Wasser. Vermutlich war Leo wieder im Bad verschwunden. 

„...wenigstens kurz, bevor alle wiederkommen.“

„Siehst du, Schürk, deinem Partner geht’s best—“

„Halt deine Fresse.“

Adam fixiert den koffeinabhängigen Beamten von vorhin mit einem finsteren Blick. Pia verkneift sich gerade so ein Lachen, als der ihn nur völlig empört anschaut, und dann muss auch Adam kurz schmunzeln. Ist gefühlt eine Ewigkeit her, seit er nach Saarbrücken zurückgekehrt ist, und in der Zwischenzeit, auch wenn Adam das niemals zugeben würde vor den Kolleginnen, sind sie ihm doch beide irgendwo ein bisschen ans Herz gewachsen.

Leos entnervtes Aufstöhnen bringt ihn aber ganz schnell wieder zurück in das Hier und Jetzt und sowohl er als auch Pia und Esther richten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Ermittlungen.

„Och, nee. Dem mangelt es auch echt an ‘ner ordentlichen Portion Selbstkontrolle…“

Das Wasser wird abgestellt und durch einen langgezogenen Seufzer ersetzt und irgendwo in Adams Brust zieht es dann auf einmal schrecklich unangenehm. Er wünschte, er wäre dort bei Leo. Dann könnte er sich seine Wunden anschauen und falls nötig verarzten. Oder, noch besser, dem Fenrich selbst eine reinhauen, dafür, dass er Leos gebundene Hände so ausgenutzt hatte. Aber nein, Onkel fucking Boris musste ihm ja die Finger brechen. Herzlichen Dank auch an seine Drecksau von Vater, die hoffentlich nun in der Hölle schmort und Leo nie wieder in irgendeine Scheiße reinziehen kann.

„...Bin zu verkopft, sagst du immer“, meint Leo plötzlich und alle anderen verstummen nun ebenfalls. „ …Wenn du wüsstest. Naja, auf jeden Fall wüsstest du jetzt, was zu tun ist. Irgendwie kommst du immer raus, auch wenn du echt viel zu leichtsinnig bist manchmal. Aber gerade hätt’ ich dich echt gern, naja, also vielleicht nicht hier, jetzt, aber…“

Adams Kehle fühlt sich plötzlich so ausgetrocknet an, dass selbst der Gedanke an kalten Kaffee auf einmal verlockend klingt.

„Ach, ich weiß doch auch nicht.“ Leo schnaubt abfällig. „…Gott. Red’ schon wieder mit mir selbst, als hätte ich nicht genug Probleme, seit du wieder…“

Der Beamte an der Leitstelle dreht sich zu ihnen um. „Sollen wir kurzzeitig unterbrechen?“

„Nee.“

Adams Antwort kommt ohne groß nachzudenken und überrascht sogar ihn selbst. Klar, er kann ein selbstsüchtiges Arschloch sein, gerade wenn es um Leo geht, aber ihn hier vor allen bloßzustellen? Das geht dann vielleicht doch ein bisschen zu weit.

Esther sieht aus, als wolle sie protestieren, und Adam ist hin- und hergerissen zwischen Dankbarkeit und Scham, als sie es dann doch nicht tut.

Weil er das jetzt hören will. Weil er wissen will, worüber Leo spricht, wenn er denkt, niemand hört ihm zu. Weil er nicht will, dass Leos Stimme schon wieder verschwindet und er dann alleine bleibt, mit all der Angst und der Ungewissheit.

Scheiß drauf, beschließt er, und zieht die Schultern zurück. Einmal noch Arschloch sein, und danach wird er es wieder gut machen, versprochen.

Prompt beginnt Leo wieder zu sprechen, in seliger Unwissenheit, dass ihm dabei die gesamte Abteilung zuhört. „Vollkommen bescheuert“, murmelt er. “Bin doch keine fünfzehn mehr, wieso kann ich nicht einfach— Wie so ein dämlicher verknallter Teenager. …Was machst du es eigentlich auch immer alles so verdammt kompliziert?“

Adams Herz pocht in seiner Brust und er wagt es kaum zu atmen.

Leo seufzt erneut, und in seiner Stimme schwingt etwas fast schon Resigniertes mit. „Das letzte Mal, als ich dort war, war mit dir, aber seit du gegangen bist, war ich nie wieder da. Fühlte sich irgendwie falsch an dort, ohne dich. Dabei habe ich dieses Baumhaus echt geliebt…“

Freier Fall. Aus einundsechzig Metern Richtung Erde, in einer dieser Achterbahnen auf dem Jahrmarkt, die er immer schon gehasst hat. So fühlt sich Adam gerade, aber selbst dieses schreckliche Erlebnis ist noch nicht genug, um das grauenvolle Taumeln in seinem Bauch zu beschreiben, das ihn gerade durch die Mangel nimmt.

Spricht Leo da gerade von ihrem Baumhaus? Das, das eigentlich gar kein Baumhaus war, sondern ein alter, verlassener Hochsitz, aber wo sie so viele Nachmittage gemeinsam verbracht hatten, dass Adam jede Kerbe im Holz nachzeichnen könnte, selbst heute noch? 

War Leo dort noch mit jemand anderem gewesen als ihm?

„Ich glaub’ wir sollten vorerst echt mal abschalten…“ unterbricht Pia sein Suhlen in Selbstmitleid und drückt sich an ihm vorbei. Selbst schuld, denkt sich Adam, seine Eingeweide verheddert und verknotet, er wollte ja unbedingt weiter hören. Jetzt muss er mit der Erkenntnis leben, dass Leo diesen Ort noch mit jemand anderem geteilt hat als ihm und dass er wohl nie wieder normal atmen würde. 

„Ich schlag vor, dass wir in zwei Minuten nochmal reinschalten, der Chef will sicher nicht, dass das hier alle—“

„Mann, Adam, hättest du nicht einfach in Berlin bleiben können? Dann hätte das vielleicht echt irgendwann geklappt, mit dem blöden Vergessen.“

Pia erstarrt in der Bewegung, ihre Hand ausgestreckt in der Luft, und für Adam bricht das komplette Konzept Zeit zusammen.

„Ach, wem will ich hier eigentlich was vormachen… Nach all den Jahren bist du immer noch der Einzige, das wäre nie etwas geworden.“

Adam fragt sich, ob Atmen wie Fahrradfahren ist. Fühlt sich nämlich gerade so an, als hätte er das verlernt, das Atmen. Er versucht sich vor den anderen nichts anmerken zu lassen, aber es fällt ihm zunehmend schwerer, weil sein Puls sich vermeintlich um den ersten Platz im 100-Meter-Lauf prügelt und selbst das Blinzeln plötzlich Schwierigkeiten macht.

Es war doch immer nur Adam gewesen, der Leo still und heimlich im Baumhaus anschmachtete während der irgendetwas über Sternenbilder und Galaxien erzählte. Der jede Nacht davon träumte Leo die Haare aus dem Gesicht streichen zu dürfen, die Fingerspitzen an seiner Schläfe, bis sie sich immer näher kamen und dann… Der nicht anders konnte als jede seiner freien Gedanken an Leo zu verschenken.

 „Das ist jetzt nicht Hölzers Ernst.“

Schließlich ist es Esther, die die Stille durchbricht, und Adam atmet auf, erleichtert, dass ihn jemand aus dieser Schockstarre holt. Das muss er ihr echt lassen, der Baumann, Eier hat sie auf alle Fälle.

„Ich wusste es“, flüstert Pia. „Ich wusste, er meint dich! So wie er dich immer…“

Sie beendet ihren Satz nicht und schaut ihn stattdessen nur mit einem breiten Grinsen an, das Adam, entgegen seiner besten Bemühungen, auch auf seinen eigenen Lippen spürt.

Er zuckt mit den Schultern, als würde ihm nicht gleich das Herz aus der Brust springen und tut so, als wäre ihm das auch schon die ganze Zeit über klar gewesen. Dass Leo ihn mag. Mindestens genauso lange wie er ihn. „Jetzt ist es raus.“

Im Hintergrund rappelt Leo sich allem Anschein nach auf und verlässt das Bad. Kurz darauf kehren die Verdächtigen zurück und Leos unfreiwilliges Geständnis verliert vorerst an Relevanz, aber das Grinsen bekommt Adam den gesamten restlichen Tag nicht mehr aus dem Gesicht.




____

Nach der erfolgreichen Verhaftung von sechs Tatverdächtigen und der vorläufigen Inobhutnahme eines Kindes haben sie endlich etwas Zeit zum Durchatmen und treffen Leo vor dem Bunker.

„Du siehst echt schlimm aus, Mann.“

Leo zieht leise die Nase hoch, wie er es immer macht, wenn er verlegen ist und klopft sich den Dreck vom Hemd. „Ja, der konnte echt gut austeilen.“

Ganz großes Kino, Adam, wirklich toll gemacht. Das war bestimmt nicht, was man als erstes sagen sollte, wenn sich herausstellt, dass der Mann, in den man schon als kleiner Junge verliebt war, genauso empfindet.

Noch bevor Adam etwas erwidern kann, schaut Leo sich um und begutachtet den Trubel um sie herum für eine Weile. Dann runzelt er die Stirn und beäugt ihn misstrauisch. „Sag mal, wieso hat Pia mir gerade zugezwinkert? Ist irgendetwas passiert?“

Da ist es wieder. Dieses Stolpern in Adams Brust das eigentlich schon immer ein Flattern war und das er sich nun endlich eingestehen darf, ohne in seinen Schuldgefühlen zu ertrinken. Leo ist so schön. Selbst jetzt, mit getrocknetem Blut an der Nase und einer beginnenden Schwellung unterm linken Auge. Leo ist immer schön. War er damals schon, auch wenn—

„Adam?“

„Sorry.“

Adam verlagert sein Gewicht. Wendet den Blick ab und spürt ihn dann doch wieder zu Leo gleiten, als könne sein Körper nicht eine Sekunde lang in Leos Nähe existieren, ohne ihn anzusehen. „Sorry, komm mal— komm mal kurz mit.“

Adam greift nach Leos Handgelenk und zieht ihn vorsichtig ein Stück weiter abseits, weg vom Chaos und den neugierigen Augen der Kolleginnen.

„Adam, jetzt— bleib doch mal stehen. Also du bist ja manchmal etwas komisch aber das ist jetzt dann doch etwas—“

Bevor sie überhaupt richtig zum Stehen gekommen sind, hat Adam sich umgedreht und Leo in eine Umarmung gezogen. Er vergräbt sein Gesicht in Leos Halsbeuge und hofft, dass er ihm nicht wehtut, weil er sich jetzt gerade absolut nicht unter Kontrolle hat. Weil er Leo gerade spüren muss. Weil er wissen muss, dass es ihm gut geht und dass er da ist.

Als klar wird, dass Adam erstmal nichts mehr sagen wird, entspannt auch Leo sich etwas und lehnt sich in die Umarmung, atmet einmal tief durch, während seine Hände beruhigende Bahnen über Adams Rücken ziehen.

Auf wackligen Beinen drängt Adam sich noch etwas näher an Leo, bis seine Barthaare seine Wange kitzeln, und er spürt, wie sich ein vertrautes, wohlig warmes Gefühl in seinem Körper ausbreitet.

Weil das hier ihm zwar nicht mehr bedeutet als es immer schon tat, aber trotzdem so viel mehr Bedeutung in der Berührung liegt, seit er weiß, dass Leo ihn auch braucht.

Nach einer Weile klopft Leo ihm auf die Schulter und Adam lässt ihn widerwillig gehen. So sehr er es sich auch wünscht, er kann Leo schließlich schlecht für immer umarmen und außerdem haben sie noch wichtige Dinge zu besprechen.

Leo mustert ihn eindringlich, mal wieder voller Sorge um ihn. „Was ist los, Adam? Sprich mit mir.“

Adam setzt zum Sprechen an, verliert sich dann aber wieder in Leos grünblauen Augen und vergisst, was er sagen wollte. „Nichts ist los. Also, eigentlich nichts. Nur, dass...“

Leo nickt ihm ermutigend zu.

„Nur, dass, naja… dein Mikro… also das war halt an. Vorhin.“

Leo braucht scheinbar eine Sekunde, um zu verarbeiten, was Adam ihm da gerade gesagt hat, aber sobald die Worte in seinem Gehirn registrieren, wird er ganz blass um die Nase.

„Adam…“ sagt er tonlos. „Sag mir, dass das wieder einer deiner dämlichen Scherze ist.“

Adam beißt sich auf die Zunge. Schüttelt den Kopf. Die Gedanken überschlagen sich in ihm drin, aber er bekommt irgendwie keinen so richtig zu greifen.

Leo starrt ihn für weitere zehn Sekunden wortlos an, bevor er laut aufstöhnt und dann das Gesicht in den Händen vergräbt. Er murmelt etwas, das Adam nicht verstehen, aber ganz eindeutig als Fluchen ausmachen kann, also macht er einen zaghaften Schritt auf Leo zu. Das hier ist gut. Eine gute Sache. „Hey, es ist… das ist voll okay. Also was du gesagt hast.“

Leos Kopf schnellt hoch und er schaut ihn völlig entgeistert an. „Ich—“, beginnt er und holt dann einmal tief Luft. „Ich beantrage meine Versetzung direkt morgen früh. Lasse mich krankschreiben bis dahin.“

Adam schüttelt den Kopf, macht einen weiteren Schritt auf Leo zu und hebt beschwichtigend die Hände, als dieser zurückweicht.

„Vielleicht nehmen die mich ja in Hamburg. Da soll es guten Fisch geben.“

„Leo, bitte—“

„Ich kann hier ja niemandem mehr unter die Augen treten.” Ein Zittern schleicht sich in Leos Stimme und Adam juckt es in den Fingern. “...Erst recht nicht dir.“

„Leo…“

„Das ist ja auch wirklich die Spitze. Gefühlsduselei im Team, und dann auch noch vor dem gesamten Kollegium. …Vermutlich reicht eine Versetzung gar nicht, wahrscheinlich sollte ich besser auswandern.“

„Leo!“

Adam kann sich nicht länger zurückhalten und packt Leo am Arm, schüttelt ihn leicht und zieht ihn dann näher zu sich heran. Realisiert erst, wie nah sie sich dadurch sind, als Leo zu ihm aufschauen muss und sein warmer Atem seine Lippen berührt.

„Leo, was du gesagt hast…“ Adam schluckt, spürt so etwas wie Elektrizität durch seinen Körper schießen, als Leos Blick dabei zu seiner Kehle wandert. „Dass ich der Einzige bin. Das bist du auch, für mich.“

Als Leos Atem stockt, kann Adam das hören, kann das Zittern in seinem eigenen Brustkorb spüren wie ein Echo, als er wieder zu atmen beginnt und traut sich dann endlich die Finger an Leos Schläfen zu legen und vorsichtig die Haare aus seinem Gesicht zu streichen.

„Und alles andere auch“, fügt er leise hinzu. „Was du gesagt hast. Ich auch.“

Und auf einmal wird es ganz schwer auf Adams Brust und dann liegt Leo erneut in Adams Armen, die Finger in seine Jacke gekrallt. 

„Ich doch auch“, wiederholt Adam, obwohl Leo ihn mit Sicherheit schon beim ersten Mal verstanden hat. „Ich bin zurückgekommen, nach Saarbrücken, wegen dir. Weil ich dich nie vergessen konnte. Weil ichs nie wollte.“

Leo macht ein ersticktes Geräusch und Adam greift blind nach seinem Gesicht, streicht über seine Wangen und zieht ihn etwas von sich weg, weit genug, um ihn richtig sehen zu können, aber nicht so weit, dass er ihn loslassen muss.

„Leo, ich—“

„Nicht hier.“ Leos Blick ist so weich, dass Adam kurz die Augen schließen muss, um klarzukommen auf das, was hier gerade passiert. „Nichts lieber als das, Adam, glaub mir, ich habe Jahre hiervon geträumt, aber— Ich will, dass es gut wird. Lass es uns gut machen.“

Adam nickt, aber sein Herz pocht ihm bis in die Fingerspitzen. „Okay.“ Alles, was du willst.

„Kommst du mit zu mir?“

Adam beugt sich vor, fühlt Leos Nase an seiner eigenen und das Flattern irgendwo weit unten in seinem Bauch, aber dann schafft er es doch noch, sich zurückzuhalten. Lehnt stattdessen bloß seine Stirn gegen Leos und streicht vorsichtig an der Schnittwunde neben seinem Kinn. „Okay.“

Alles, was du willst.

Notes:

danke fürs lesen <3
auf tiktok mache ich edits weil mich die beiden weiterhin in den wahnsinn treiben