Chapter Text
Bob schläft schon lange nicht mehr richtig.
Er sitzt am Schreibtisch bis seine Augen zufallen, ins Bett legt er sich nur noch, wenn man ihn dazu zwingt und selbst dann bleibt die Erholung ihm meistens fern. Sein Handy vibriert und er blickt es mit zusammengekniffenen Augen an, das Licht grell im weitgehend dunklen Zimmer. Er tippt stumm zweimal auf den grünen Hörer und wartet ohne sich zu melden.
"Bob! Bob, ich habe große Neuigkeiten!"
Er reibt sich müde die Augen und starrt auf den Bildschirm.
"Wir haben jetzt einen Sohn!", fährt Peter fort, viel zu aufgeregt für diese Uhrzeit. "Ich weiß, dass du eh nicht von alleine Schlafen gehst, deswegen kommst du am besten vorbei und hilfst mir. Selber auflegen - nein, mich in einigen Sekunden auflegen lassen - ja! Hoffentlich bis gleich!"
Es herrscht wie angekündigt einen Moment lang Stille und Bob seufzt leise, lässt Peter auflegen und zwingt sich dann aus seinem Schreibtischstuhl. Schlafsachen hat er ohnehin noch nicht an und so dauert es nicht lange bis er sich mit dem Auto auf den Weg zum Haus der Shaws macht.
Kurz fragt er sich, ob Peter wohl auch Justus angerufen hat, verwirft die Idee aber wieder. Justus hat, im Gegensatz zu seinen Partnern, einen halbwegs gesunden Schlafrhythmus.
Die Tür öffnet sich bevor er das Auto abgeschlossen hat und Peter winkt ihm in Jogginghose und einem etwas zu weiten T-Shirt zu, das Bob als eines des ersten Detektivs wiedererkennt. Ihm wird allein beim Anblick seiner freien Arme kalt.
Peter greift nach seiner Hand sobald er in Reichweite ist und zieht ihn hinter sich her in sein Zimmer. Stolz zeigt er auf eine flache Plastikschale auf dem Tisch.
"Sieh ihn dir an!"
Wenn Peters Hand nicht so angenehm warm in seiner wäre, hätte Bob wohl die Arme verschränkt.
"Das ist eine Schnecke", stellt er trocken fest.
Peter schüttelt betroffen den Kopf. "Nein, Bob, Bobby, mein lieber Bob - das ist nicht irgendeine Schnecke, das ist unser Sohn. Ich habe ihn draußen entdeckt und er hat danach gerufen von uns adoptiert zu werden!"
"Normalerweise wissen alle Elternteile von so einer Adoption, da bin ich mir ziemlich sicher", entgegnet Bob, den Spitznamen ignorierend. Als er näher an den Tisch tritt erkennt er kleine Fühler die sich aus dem bräunlichen Schneckenhaus inmitten des Ast- und Moosbettes strecken. "Und ich bin mir auch sicher, dass man Schnecken nicht einfach so halten darf."
Er spürt Peters Enttäuschung, bevor er überhaupt erst den Mund aufmacht. "Ach, komm schon! Ich wollte euch nunmal nicht erst Anrufen. Justus schläft eh schon und außerdem kenne ich jemanden, die hatte als Kind Schnecken als Haustiere."
"Peter", seufzt Bob, während er prüfend einen Finger in das Moos drückt. "Schnecken so aus ihrem Lebensraum zu nehmen ist was ganz anderes." Er blickt seinen Freund über die Schulter an. "Wieso warst du überhaupt draußen um-" Er pausiert und sucht mit den Augen nach der Uhr an Peters Zimmerwand. "Halb drei, nachts?"
Peter öffnet den Mund, schließt ihn dann wieder und verschränkt die Arme mit trotzigem Blick. "Es war noch kurz vor drei, als ich draußen war", verteidigt er sich. Bob lässt den Versuch, seiner Frage auszuweichen, durchgehen.
Er schenkt seine Aufmerksamkeit wieder der kleinen Schnecke, die jetzt langsam am Rand der Schale entlangkriecht. "Dein Sohn braucht ein größeres Terrarium."
"Unser Sohn", korrigiert Peter ihn und lehnt sich neben ihm auf die Tischkante. "Heißt das, du hilfst mir ihn zu behalten?"
Seine Liebe zu Tieren treibt seine Partner öfters beinahe in den Wahnsinn, aber sie können es ihm kaum Übel nehmen. Nicht wenn sie ihn in diesen Momenten so lebendig sehen dürfen.
"Ich werde dir bestimmt nicht dabei helfen", sagt Bob entschlossen. "Aber ich will mal jemanden sehen, der dir das hier ausredet."
Wenn der Kuss auf seine Wange etwas zu sagen hat, dann ist Peter wohl zufrieden mit seiner Aussage.
"Ich schaue in der Garage mal nach einer besseren Alternative als Terrarium für heute Nacht." Peter dreht sich hastig zur Tür und ist schon halb aus dem Zimmer, bevor er noch hinzufügt: "Pass kurz auf ihn auf. Wenn ich wieder da bin können wir schonmal Namen brainstormen. Aber Just muss morgen dann sowieso mitentscheiden!"
Während seine leisen Schritte den Flur entlang verschwinden, greift Bob nach der Schale und setzt sich mit dem Rücken an ein Kissen gelehnt auf Peters Bett. Die langsamen Bewegungen der Schnecke auf seinem Schoß wirken beruhigend auf ihn.
Fast glaubt er, er sei eingeschlafen, doch dann betritt Peter wieder den Raum, bewaffnet mit einem Glaskasten und einem Handtuch. Bob bereitet sich auf eine lange Nacht vor.
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Justus liebt es wenn um ihn herum Ordnung herrscht.
Was er hingegen nicht ausstehen kann, ist wenn man ihm beim Saubermachen zusieht. Morgens vor Sonnenaufgang ist längst seine Lieblingszeit geworden. Dann ist das Haus still, der Schrottplatz still, die Zentrale still.
Wenn er dann noch einen Besen und ein Staubtuch zur Hand nimmt, ist es auch in seinem Kopf zur Abwechslung mal still.
Mit einem schnellen Frühstück auf die Hand macht er sich auf den Weg zur Zentrale, vorbei an Bergen von Schrott und altem Gerümpel - die vermutlich einzige Unordnung die zu seiner Sauberkeit dazugehört.
Es ist leicht stickig in der Zentrale, aber kalt. Die einzige Wärme kommt von der Glühbirne an der Decke, unter der Justus sich fast wie in einem Nest fühlt. Er fegt und räumt die Regale leer, nur um den Staub davon zu entfernen und sie dann wieder einzuräumen. Ein wenig Müll sammelt sich in einem Sack an und einige vergessene Gegenstände finden ihren alten oder neuen Platz wieder.
Er bemerkt eine offene Mappe auf dem Schreibtisch und nach genauerem Hinsehen identifiziert er sie als die Akte zu ihrem letzten Fall. Bob muss sie vergessen haben wegzuräumen und kurz grummelt Justus darüber vor sich hin, bevor er die Akte in den Schrank schiebt und sein Vorhaben fortsetzt.
Es ist fast Mittagszeit, als Peter und Bob die Zentrale betreten.
"Herzlichen Glückwunsch, Mr. Jonas!", platzt es aus Peter heraus und Justus verabschiedet sich von jeglicher Ruhe, die er soeben noch genossen hat.
"Es sind zwei Jungs", murmelt Bob sarkastisch, während er ein scheinbar selbstgebautes Terrarium auf dem Tisch abstellt und seinen Schal über die Sofalehne wirft. Die mittlerweile fast permanenten Augenringe in seinem Gesicht verraten Justus, dass er wie immer kaum oder gar nicht geschlafen haben muss.
"Wie darf ich das verstehen, Kollegen?", fragt er, nicht bereit den Spitznamen abzulegen, den er seit Jahren für die beiden benutzt. Peter und Bob scheint es nicht zu stören.
"Peter hält jetzt illegal Schnecken", informiert ihn Bob und verdreht die Augen.
"Wir alle halten jetzt illegal Schnecken", korrigiert Peter und deutet auf das Terrarium inmitten der Zentrale. Bob schüttelt entschieden den Kopf.
Justus beugt sich vor und inspiziert den kleinen Kasten. "Darf ich fragen wo ihr ganze drei Schnecken her habt?"
Bob zuckt zusammen und starrt auf das Terrarium, dann zu Peter. "Drei? Peter, wir haben doch darüber gesprochen!"
Schmunzelnd beobachtet Justus die aufgeregte Unterhaltung, die zwischen den beiden entfacht und genießt es, still daran teilhaben zu können. Er zieht sich zurück, versucht einzuschätzen wie es seinen Partnern tatsächlich geht. Peter benutzt immer seine Arme, um wild zu gestikulieren, aber heute sind die Bewegungen verhalten, müde. Bob blinzelt etwas zu oft, um geschlafen zu haben und er hält einen konstanten Abstand zu seinem Freund ein - nur keine Berührungen.
"Justus, du findest doch auch, dass man eine Schnecke nicht einfach Schnecki nennen kann, oder?"
Überrascht schreckt Justus auf, versucht sich aber nichts anmerken zu lassen. Zumindest den letzten Satz bekommt er noch mit. "Ich bin eher für den Namen Rokko", schlägt er vor. Bob wirkt, als wüsste er, worauf er hinaus will, aber Peter zieht nur verwirrt die Augenbrauen zusammen. "Ihr wisst schon", fährt Justus fort. "Kurz für Rokokokokotte."
"Du bist unmöglich", entgegnet Peter, aber das Grinsen in seinem Gesicht zeigt Justus, dass auch er es einigermaßen witzig findet.
Er entscheidet sich, das Schauspiel zunächst weitergehen zu lassen. Peter und Bob sind stur, aber er hofft jedes Mal auf einen kleinen Schritt in Richtung Besserung.
"Aber das mögt ihr doch an mir."
Ein warmes Gefühl breitet sich in ihm aus, als Peter und Bob zustimmend nicken, ernst und ehrlich. Er weiß nicht, womit er die beiden verdient hat. Bob legt mit geübten Fingern eine Schallplatte auf den Plattenspieler in der Ecke der Zentrale und plötzlich ärgert es ihn überhaupt nicht mehr, dass es nicht mehr Still um ihn ist.
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Peter hat keine Lust, sich von anderen sagen zu lassen was er darf und was nicht.
Sein Speicher ist fast voll, aber er ignoriert die Benachrichtigung auf seinem Handy mit einem geübtem Wischen nach rechts und öffnet erneut seine Kamera. Die Fotos sind so gut wie alle leicht verschwommen, aber Bob war schon immer der beste Fotograf unter ihnen gewesen.
"Komm schon, Fritzi", flüstert er. "Lächele in die Kamera."
Fritzi zieht sich noch weiter in das Haus zurück und mit einem tiefen Seufzen gibt Peter auf. Das Handy legt er neben das Terrarium, steht auf und lässt sich mit viel Gewicht neben Justus auf das Sofa zurückfallen.
Der erste Detektiv legt automatisch einen Arm um ihn und Peter zögert nicht, bevor er seinen Kopf auf Justus Schulter ablegt.
"Rokko und Nikolaus lassen sich wenigstens von mir fotografieren."
"Was hast du mit den Fotos überhaupt vor?", fragt Justus. "So viele braucht doch kein Mensch. Und zeigen solltest du die drei eh niemandem. Du hältst hier schließlich immernoch illegal Schnecken."
"Falsch", erinnert ihn Peter. "Wir haben die drei adoptiert. Das sind unsere Kinder, Just. Sei nicht so herzlos."
Justus lacht und Peter fühlt sich entspannter als er es die gesamte letzte Woche war. Die beiden sitzen eine Weile einfach da, ein offenes Buch auf Justus Bein. Peter ist sich ziemlich sicher, dass er schon seit einiger Zeit nicht mehr umgeblättert hat.
"Ich mache mir Sorgen um unseren Dritten'', sagt Justus plötzlich. Peters Blick schweift zum Schreibtisch, an dem Bob auf seinen Armen eingeschlafen war. Der erste Detektiv hatte ihm bereits eine Decke umgelegt. "Irgendwas sagt er uns nicht."
"Wie meinst du das?"
Justus schließt sein Buch und legt es auf dem Tisch vor sich ab. "Ich weiß auch nicht. Aber glaubst du wirklich Bob erzählt uns alles, was ihn bedrückt?"
"Unser Bob?", Peter grinst kurz bei dem Gedanken. "Niemals."
So gerne er seinen Freund schlafen sieht, kann er doch nicht ignorieren, wie unruhig und unglücklich er selbst mit geschlossenen Augen scheint.
"Ganz genau", bestätigt Justus, leise und mit Sorge deutlich in der Stimme zu hören. "Ich möchte ihn nicht unter Druck setzen, aber es geht ihm offensichtlich nicht gut."
Ein unangenehmes Gefühl macht sich in Peters Magen breit und er denkt zurück an das letzte Mal, als es Bob schlecht ging und sie nicht wussten, wie sie helfen konnten. Und an das Mal davor. Justus atmet hörbar aus und Peter hebt den Kopf, um seinen Gesichtsausdruck zu sehen. Die beiden schauen sich an und Peter weiß, sie denken beide an das Gleiche.
"Es wird nicht wie letztes Mal laufen."
Kaum versteckter Schmerz zuckt durch Justus Gesicht.
"Versprochen?"
Peter lächelt schwach und legt seinen Kopf erneut auf die Schulter seines Freundes. "Na klar."
