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Logbuch einer Möchtegern-Piratin (Version 2025)

Chapter 2: Freizeitpark-Pirat

Chapter Text

Ein sonniger Tag neigte sich dem Ende zu und mit angenehm mäßigem Wind im Rücken segelte ein stattlicher Dreimaster mit Drachenkopf-Gallionsfigur über die zur Abwechslung äußerst ruhige See. Die Segel, sowie die schwarzen Flaggen welche das Schiff zierten, verkündeten für alle umliegenden Seefahrer, dass sich Piraten an Bord befanden. Und nicht nur irgendwelche Seeräuber – es handelte sich um die Rothaarpiratenbande, angeführt von ihrem furchteinflößenden und mächtigen Kapitän, dem Roten Shanks. Nach einem längeren Aufenthalt im East Blue, war der berüchtigte Pirat auf die Grand Line zurückgekehrt und seine Feinde taten gut daran, einen weiten Bogen um sein Schiff zu segeln. Die Nachricht über seine Rückkehr erschütterte die Bewohner der Grand Line Inseln. Vor einigen Wochen prangte das Steckbriefbild des Piraten in allen Zeitungen, unter dem Bericht über lodernde Flammen des zerstörten Königreichs Elegia. Den Kurs eines so furchtbaren und grausamen Piraten wollte niemand kreuzen.

Der Rothaar ließ gerade, in einem Anflug von Entspannung, die salzige Seeluft durch seine Lungen strömen. Sacht streckte er einen Arm in die Luft und dehnte seine Glieder. Jedenfalls solche, die noch übrig waren. Ein stechender Schmerz, von seinem heilenden Armstumpf ausgehend, ließ ihn das Gesicht verziehen. Die drei markanten Narben über seinem linken Auge kräuselten sich leicht bei dieser Grimasse. Gerade wollte er sich von der Reling abwenden, als sein Späher aus dem Krähennest verlauten ließ: „Schiffbruch an Steuerbord!“

Der Kapitän trat an den Bug, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Nicht unweit entfernt erkannte er die ersten Stücke Treibgut im Meer schwimmen, darunter einige Holzplanken, Kisten, die stofflichen Überreste eines Segels, eine Kabinentür… Die meisten Teile waren zersplittert oder wiesen Bissspuren auf. Hier hatte definitiv ein Seekönig gewütet.

„Boss! Da hinten ist jemand!“, informierte der Mann mit den scharfen, haiartigen Zähnen und der wallenden braunen Mähne eifrig oben im Krähennest und überprüfte durch das Fernrohr, ob ein klares Lebenszeichen festzustellen war. Tatsächlich erkannte er ein schwaches Winken von der Gestalt, welche sich tapfer an einem Holztisch klammernd über Wasser hielt.

„Bereitmachen zum Bergen“, befahl der rothaarige Kapitän sachlich und die Crew setzte sich augenblicklich in Bewegung. Binnen weniger Minuten hatten sie die schiffbrüchige Person erfolgreich auf das Deck der Galeone geschafft und den unterkühlten, durchnässten Leib in Decken gehüllt. Langsam ging der Kapitän in die Hocke und musterte, wen er dort zusammengekauert vor sich fand. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass es sich um eine junge Frau handelte. Vielleicht sogar noch jung genug um ein Mädchen zu sein? Große blaue Augen sahen ihn verloren an. „Du bist in Sicherheit“, sagte er sanft und berührte sie an der mit dickem Stoff bedeckten Schulter. Erleichterung breitete sich in ihrem Gesicht aus, ehe ihr die Lider zu schwer wurden und sie erschöpft in seinen Arm fiel.

Behutsam drückte der Kapitän die Schiffbrüchige an sich. Ihre Haut war ganz blass und die schmalen Lippen blau angelaufen. Das kastanienbraune Haar klebte triefend und klamm an ihrem Gesicht. Sie musste über viele Stunden in dem kalten Wasser getrieben sein. Es war nicht verwunderlich, dass sie nun die letzte Kraft verließ, mit welcher sie sich so hartnäckig an das Treibgut geklammert hatte.

Jemand trat an den Kapitän heran und senkte sich ebenfalls hinunter in die Hocke um ihm auf Augenhöhe zu begegnen. „Ich kümmere mich um sie“, versprach der junge Mann mit dem fehlenden Zahn. Er schob die Arme unter ihre zierliche, in Decken gehüllte Form und erhob sich mühelos mit ihr. Der Rothaarige nickte seinem Schiffsarzt zu. Er hatte vollstes Vertrauen, dass die Patientin in gute Hände kam und sie wieder aufgepäppelt wurde. Ohne Umschweife trug der Arzt sie unter Deck ins Krankenzimmer.

Ausgezehrt verschlief die Schiffbrüchige die gesamte Nacht und einen halben Tag. Der Arzt hatte sie von ihrer durchnässten Kleidung befreit, bevor sie doch noch einen Kälteschock erlitt, und ihr ein sauberes Hemd übergezogen. In warme Decken gehüllt lag sie im Krankenbett und ruhte sich zu Genüge aus. Ein kleiner, tragbarer Ofen knisterte in der Nähe des Krankenbettes und erwärmte das Zimmer auf eine muckelige Temperatur. Stets warf der Arzt ein Auge auf seine Patientin und überprüfte ihren Zustand. Er besserte sich stetig.

Zum Nachmittag hin, begann sich die Schiffbrüchige ein erstes Mal ernsthaft zu regen. Unter Murren schlug sie schließlich blinzelnd die Augen auf und sah sich desorientiert um.

„Ah, du bist wach. Gut. Wie geht es dir?“, erklang die Stimme des Mannes, welcher über sie wachte. Vorsichtig setzte sich die Patientin auf und musterte den Arzt unter müden Augen. Seine dunkelblonden Haare waren zu einem abstehenden Zopf auf dem höchsten Punkt von seinem Kopf gebunden. Von seinem Haaransatz zog sich eine Narbe über seine Stirn, welche neben seiner Augenbraue endete. Außerdem fehlten ihm ein paar Zähne. Die junge Frau zog die Stirn in Falten und die Knie schützend zu sich heran. „He, hab keine Angst. Du bist an Bord der Rothaarpiraten. Und wir haben nicht die Absicht dir etwas anzutun.“ Etwas, das in erster Linie vielleicht ungewöhnlich für Piraten klang. Aber nicht alle waren bösartige, plündernde Meuchelmörder. Jedenfalls nicht ohne einen guten Grund. Außerdem gebot der Seemannskodex, Schiffbrüchigen zu helfen. Deshalb wurde sie hier im Krankenzimmer behandelt.

„Du hast keine roten Haare“, stellte die Patientin stumpf fest.

Nach einem kurzen verblüfften Moment, legte sich der Arzt eine Hand auf seinen stramm sitzenden, dunkelblonden Zopf und lachte heiter auf. „Stimmt, aber unser Kapitän ist rothaarig“, entgegnete er amüsiert. Das waren nicht die ersten Worte, die er von ihr erwartet hätte. „Wenn du wieder bei Kräften bist, kannst du dich draußen aufs Deck setzen und ihn kennenlernen.“ Er beugte sich vor zu einem kleinen Tisch und goss frisches Wasser aus einer Karaffe in ein Glas. Während die Patientin allmählich realisierte, dass sie außer einem Hemd nichts trug und sich deshalb wieder eilig in die Decken einwickelte, reichte er ihr das Behältnis rüber. „Du musst viel trinken“, wies er sie an und schmunzelte leicht darüber, wie sich ihre Hand mühselig unter dem Stoff hervorschlängelte.

„Danke“, murmelte die Patientin und stürzte den Inhalt des Glases gierig ihre Kehle hinab. Sie leerte es praktisch in einem Zug und atmete erleichtert auf. „Das tat gut“, seufzte sie. Dann begann sie sich nach etwas umzusehen. Der Schiffsarzt ahnte, nach was sie suchte und nickte hilfsbereit mit dem Kopf zum Bettende. Rasch fand sie die trocknende Kleidung über einen Stuhl gehangen vor.

„Nimm dir Zeit. Sonst kollabiert dein Kreislauf möglicherweise gleich wieder.“ Er nahm ihr das Glas ab und stellte es beiseite. Fachmännisch ließ er den Blick über sie schweifen. Das schlimmste war überstanden. Sie hatte wieder an Farbe gewonnen und auch die Atmung wirkte soweit normal. „Ich würde dich gleich auch nochmal gerne untersuchen. Nur zur Sicherheit.“

Aufmerksam wandte die Patientin sich zu ihm und erwiderte den Blick mit leichter Skepsis. „Piraten?“, fragte sie nun eher ungläubig.

Ihr Gegenüber zuckte unschuldig mit den Schultern. „Meinst du etwa, Piraten haben keine guten Ärzte?“ Sein amüsiertes Lächeln offenbarte ihr erneut seine Zahnlücken.

Kurz wirkte es, als wollte sie etwas erwidern. Dann entschied sie sich jedoch dagegen und presste die Lippen stattdessen zu einer schmalen Linie zusammen. Ganz überzeugt war sie wohl nicht. Aber immerhin lebte sie noch, das bewies, dass seine Fähigkeiten offenbar ausreichten, um auf See zu bestehen.

Es brauchte noch eine Weile, bis die Schiffbrüchige sich in der Lage sah aufzustehen, sich anzuziehen und sich vom Arzt hinaus in die kühle Nachtluft begleiten ließ. Die Crew vermochte Interesse an der Schiffbrüchigen zu zeigen, hielt jedoch ausreichend Abstand, nachdem ein Mann mit langem schwarzem Pferdeschwanz die Bande zurechtgewiesen hatte. Außer Hörreichweite der Männer nahm der streng aussehende Mann ihr gegenüber an dem kleinen runden Holztisch Platz und zündete sich routiniert eine Zigarette an. „Macht es dir was aus?“, fragte er aus dem Mundwinkel, ehe er die Streichholzschachtel wieder in seiner Hosentasche verschwinden ließ.

Sie winkte ab. „Schon in Ordnung.“ Unsicher schweifte ihr Blick umher, über die Gesichter der Mannschaft, zur dunklen See und schließlich hinauf zum Himmelszelt. Ihre Stirn runzelte sich verwundert über den Anblick, der sich ihr dort oben bot. Erst das Klackern von Geschirr und der Duft einer warmen Mahlzeit rissen die Schiffbrüchige aus ihrem Grübeln. Ein kugelrunder Typ im Streifenshirt hatte aus der Kombüse eine Schüssel dampfenden Eintopf gebracht und reichte dazu eine dicke Scheibe Brot. Dankend nahm sie es an und probierte sogleich den ersten Löffel, überrascht davon, wie der Hunger sich nun lautstark kundtat.

Ihr Gegenüber mit dem schwarzen Zopf lehnte sich gemächlich zurück und sah sie interessiert aus ernsten, grauen Augen an. Ruhig wartete er, bis die Schüssel geleert und das Brot, bis auf ein paar Krümel, verzehrt war. Bevor er zu sprechen begann, blies er gezielt weg von ihr einen Schwall Rauch aus dem Mundwinkel. „Dann erzähl mal, wie hast du es alleine mitten den ganzen Weg hier raus geschafft?“

Als Reaktion erhielt er ein irritiertes Blinzeln. Anscheinend brauchte sie einen Moment, um die Frage zu verarbeiten. „Keine Ahnung. Ich bin vor etwa drei Tagen einfach drauf los gesegelt“, meinte sie schließlich.

„Jegliches Land ist mindestens sieben Seetage von hier entfernt“, informierte der Mann sie zweifelnd. Dies veranlasste das Mädchen dazu nur noch mehr zu stutzen.

„Klingt als seist du vom Himmel gefallen“, kommentierte der Kapitän belustigt, welcher sich nun ebenfalls zu ihnen an den runden Tisch gesellte. Er stellte seine Flasche Bier ab und stützte sich auf den Arm um die Schiffbrüchige eingehender zu betrachten. „Wie heißt du und woher kommst du?“

„Oh, ähm!“ Sie korrigierte ihre Haltung und richtete den Rücken. „Ich bin Kiara. Freut mich sehr!“, kam es wie aus der Pistole geschossen, während sie hölzern eine Hand aus der um die Schultern gelegte Decke hervorstreckte. „Und danke. Vielen, vielen Dank für die Rettung.“

„Kiara also. Freut mich ebenfalls deine Bekanntschaft zu machen. Du kannst mich Shanks nennen“, stellte der Piratenkapitän sich ebenfalls vor und drückte ihre Hand ein wenig ungeübt. „Und das ist mein erster Offizier, Benn Beckman.“

Der Vize nickte ihr höflich zu.

„Geboren wurde ich auf Mêlée Island“, verkündete Kiara mit fester Stimme. „Ich schätze, das kann man als meine Heimat bezeichnen, auch wenn ich schon auf einigen Inseln in der Umgebung gelebt habe.“

Der Kapitän rieb sich den angedeuteten Kinnbart. „Mêlée? Davon habe ich nie gehört.“

Sie sah ihn verständnislos an. „Aber das ist eine der Hauptinseln der Tri-Islands. Es sollte gar nicht so weit weg von hier liegen. Die letzte Insel, an der ich vorbeigesegelt bin, muss Lucre Island gewesen sein.“

Der Vize und sein rothaariger Kapitän warfen sich argwöhnische Blicke zu. Sicherlich konnten sie nicht jede Insel auf der Grand Line kennen. Doch inzwischen waren sie diese auf den verschiedensten Routen entlanggefahren, sodass ihnen derartige Inselarchipels und Namen bekannt vorkommen würden.

„Könntest du uns auf einer Karte zeigen, wo deine Insel liegen soll?“, fragte der Vize langsam.

„Ich denke schon, klar.“

Es wurde nach einem Mann mit Schlangentattoo auf dem Oberarm gerufen, welcher sich sogleich unter Deck begab um die gewünschte Seekarte für ihr Vorhaben zu holen. Als die große Papierrolle mit der topografischen Darstellung vor ihr ausgebreitet da lag, schien selbst der letzte Rest vom Selbstbewusstsein der jungen Schiffbrüchigen zu verschwinden. Verzweifelt huschte ihr Blick über die Karte, auf der Suche nach vertrauten Formen und Orientierungspunkten. Ebenfalls befangen studierte sie die Münze, welche der Navigator als Markierung ihrer derzeitigen Position auf der Seekarte platziert hatte.

„Also, ich bin Richtung Norden gesegelt“, versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen. „Das bedeutet, wenn wir von diesem Ort ausgehen…“ Sie fuhr mit dem Finger von der Münze gen Süden. Nichts. Weit und breit keine Insel in der Nähe. „Sagen wir drei oder vier Tage…“

„Dann landest du im Calm Belt“, unterbrach der Vize.

„Im was?“, fragte Kiara irritiert.

„Der Calm Belt ist eine Meereszone, wo kein Wind weht. Selbst wenn deine Insel dort liegt, mit Segeln kommst du nicht weit und wegen der Seekönige wärst du schon viel früher drauf gegangen.“

Kiara starrte die Karte angestrengt an, als müsse sie nur lange genug hinsehen, damit ihre Heimat auftauchte. Auch die anderen Ecken der Karte suchte sie ab. „Aber… hier muss irgendwo eine ganze Inselgruppe sein. Mêlée, Booty, Plunder… Was ist mit Scabb und Phatt Island? Es fehlen über zehn Inseln. Die müssen doch irgendwo sein!“ Mit jedem Wort schwang mehr Verzweiflung aus ihrer Stimme, Sorge darüber entweder vollkommen verloren oder komplett verrückt zu sein.

Der Kapitän schüttelte langsam und beinahe mitleidig den Kopf. „Bestimmt sind sie irgendwo, allerdings nicht hier“, erklärte er und warf seinem Navigator einen fragenden Blick zu. Dieser schien sich ebenso keinen Reim auf das Gestammel machen zu können.

Das Mädchen sank ungläubig in sich zusammen. „Ich würde euch ja eine Karte zeigen, aber…“ Sie seufzte. Die lag inzwischen vermutlich irgendwo auf dem Meeresgrund, denn bis auf die Kleider, die sie am Leib trug, war ihr nichts an Besitztümern geblieben.

„Na, halb so wild. Du lebst und das ist die Hauptsache“, verkündete der Kapitän aufmunternd.

„Hattest du ein bestimmtes Ziel?“, erkundigte sich der Vize.

Sie zuckte halbherzig mit den Schultern. „Nur wohin der Wind mich treibt.“

„Das wäre ja fast ein Fall für berühmte letzte Worte gewesen“, lachte der Kapitän. „Aber bist du nicht ein bisschen zu jung um alleine auf Reisen zu gehen?“

„Hey, ich bin Zwanzig und immerhin schon seit ein paar Jahren auf See.“, empörte sich Kiara.

„Echt? Zwanzig? Ich hätte dich auf Vierzehn geschätzt, aber dieser Mantel macht dich auch lächerlich klein und … flach.“ Der Käpt’n prustete hinter seiner hervorgehaltenen Hand.

Mürrisch zupfte Kiara ihren blauen Armeemantel zurecht. Er war nicht mehr der neuste und etwa zwei oder drei Nummern zu groß für sie. Vielleicht hatte sie gehofft noch ein bisschen reinzuwachsen.

„Aber er ist nicht schlecht, wenn man Pirat spielen möchte.“ Das amüsierte Grinsen des Kapitäns zog sich weiter in die Breite.

„Ich bin ein Pirat“, erwiderte Kiara trocken. „Mit Zertifikat.“

Der Kapitän versuchte sie ernst anzuschauen, brach dann aber binnen weniger Sekunden in schallendes Gelächter aus. „Warst du etwa an einer Piratenakademie, oder was?“, johlte er vergnügt.

Die Möchtegern-Piratin sah ihn entrüstet an. „Was für ein Quatsch! Man absolviert die drei Prüfungen der drei wichtigen Piratenanführer, die in der Scumm Bar sitzen!“

„Was sollen das für Prüfungen sein?“, hakte der Vize skeptisch nach.

„Naja, man muss sich in der Diebeskunst üben, den Schwertkampf meistern und sich auf eine Schatzsuche begeben“, zählte sie sachlich auf, während sie den weiterhin grölenden Kapitän mürrisch beobachtete.

„Und dann erhältst du ein Zertifikat? Das klingt mir doch sehr nach Freizeitpark-Piraterie“, grinste der Rothaarige und wischte sich eine angedeutete Lachträne aus dem Auge.

„Die Tri-Islands sind kein Freizeitpark!“, entrüstete sich Kiara.

„Ach nein? Drei Prüfungen und ein Zertifikat klingen schon ziemlich nach Souvenirbude“, erwiderte der Kapitän, während sich seine lauschende Crew nun ebenfalls das Lachen kaum verkneifen konnte.

Kiara schlug mit ihrer Faust auf den kleinen Holztisch. „Das hat bei uns lange Tradition! Seit der Geisterpirat LeChuck sein Unwesen in den Gewässern von Mêlée Island getrieben hat, war es schließlich wichtig für frischen Wind zu sorgen! Denn ohne Piraten gab es keine Beute und ohne Beute keinen Grog und der Grog drohte zur Neige zu gehen!“

Der theatralische Auftakt veranlasste einige Crewmitglieder dazu die üblichen Späße untereinander zu pausieren und interessiert die Köpfe zur Erzählerin zu wenden.

„Und was passierte dann?“, rief einer, die Hand trichterförmig um den Mund gelegt.

Auch die Augenbrauen des Kapitäns wanderten demonstrativ nach oben und ein amüsiertes Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. „Ja. Was passierte dann?“

Es war, als könnte er ein Leuchten in Kiaras Augen aufflackern sehen, ehe sie die Decke von sich warf und energetisch aufsprang um sich der Meute zuzuwenden.

„LeChuck hatte die ansässigen Piraten so sehr eingeschüchtert, dass diese sich nicht einmal mehr trauten ein Bad zu nehmen! Doch das sollte sich ändern, als eines Tages ein junger Mann nach Mêlée Island kam, der nichts hatte außer einem dämlichen Namen und den Wunsch ein verwegener Pirat zu werden.“

Jegliche Sorgen waren vergessen und die Erschöpfung wie weggeblasen, als sie vollends darin aufging ihr Seemannsgarn zu spinnen. Die Bande fühlte sich wunderbar unterhalten und auch der Kapitän musste sich zugestehen, dass er Gefallen an der Darbietung fand. Während sich die Crew einige Zwischenrufe nicht verkneifen konnte, lauschte er der Erzählung aufmerksam. Er ließ sich zu gerne von der Darstellerin in den Bann ihrer Geschichte ziehen.

„Also stürmt er in die Kirche und ruft: Jetzt bist du dran, du klitschiger Klumpen Karpfen-Köder!“, tönte sie auch nach gut einer Stunde ausführlicher Erzählung noch lautstark über die Runde hinweg. „Und LeChuck weint: Guybrush! Hab Gnade! Ich kann nicht mehr!“

„Das hat er doch niemals wirklich gesagt“, warf der kugelrunde Pirat grölend ein.

„Bei einer guten Geschichte muss man halt ein wenig übertreiben!“, entgegnete Kiara belustigt.

„Das Einzige, was übertrieben ist, ist das Ego von dem Typen!“, rief ein anderer, dessen lockige Haare mit einem Stirnband gebändigt wurden.

„Wer läuft denn herum und sagt etwas wie: ‚Ich bin ein mächtiger Pirat?‘“, stimmte ein weiterer Seeräuber mit schwarzer Mütze zu.

„Na, wer wohl? Guybrush Threepwood – mächtiger Pirat!”, lachte Kiara und stieß ihren Krug feierlich in die Höhe. Der Rest der versammelten Crew brach in lautes Gejohle aus und toastete sich ebenfalls mit ihren Getränken zu.

Der Pirat, dessen Stirnband die Aufschrift ‚Yassop‘ trug, meldete sich erneut zu Wort, dieses Mal deutlich kritischer. Sein Grinsen zierte unverhohlen beide Wangen und er blickte der jungen Möchtegern-Piratin eher spöttisch entgegen. „Die Geschichte ist ja ganz unterhaltsam, aber welcher Mann lässt sich nach einem bloßen Wortgefecht einfach seine Schätze nehmen und akzeptiert das?“

Die Angesprochene zuckte unbekümmert mit den Schultern. „Jeder blöde Pirat kann ein scharfes Stück Metall durch die Luft schwingen. Aber beim Beleidigungsfechten geht es darum, den Gegner zu erledigen, indem man ihn völlig aus der Fassung bringt, um ihn anschließend zu entwaffnen. Das sind die Spielregeln. Es gibt doch einen Piratenkodex, oder?“

„Ja schon in gewisser Hinsicht, aber…“

„Spielregeln passt doch“, unterbrach der Kapitän und funkelte sie belustigt an. „Klar wäre es schön, wenn alles immer komplett gewaltfrei ablaufen würde, aber das ist Wunschdenken.“

„Bei uns klappt es halt so“, beschwichtigte Kiara und verschränkte missmutig die Arme.

„Was ist mit Kopfgeldern? Als Pirat bist du doch bestimmt etwas wert“, feixte der Rothaarige. Ihm war bewusst, dass er sie wie auf dem Präsentierteller zur Schau stellte, doch schien sie das kein Stück zu verunsichern.

Beflissen schüttelte sie nur den Kopf. „Ich hab‘ kein Kopfgeld. Ich bin unters Radar gefallen.“

„Kein ‚Dead Or Alive‘? Gesucht für Zehnmillionen Berry?“, hakte er unablässig nach.

„Huh? Nein, eher so… Gesucht wegen vorsätzlicher Beschädigung eines Holzbeines und Überziehung der Leihfrist eines Buches.“ Kiara geriet nun doch ins Stocken. Ihr musste ebenfalls auffallen, dass dies nicht sonderlich gefährlich klang, geschweige denn nach etwas, wofür man tot ausgeliefert werden sollte. „Anfertigung und Benutzung einer Voodoopuppe?“, setzte sie noch versuchsweise hinterher.

„Du bist wirklich ein Freizeitpark-Pirat“, grölte der Kapitän dieses Mal laut auf und auch der Rest der Crew stimmte amüsiert in das Gelächter mit ein. Kiara verschränkte augenrollend die Arme und ließ es stillschweigend über sich ergehen. Nachdem er sich von seinem nächsten Lachanfall beruhigt und er tief durchgeatmet hatte, unterbreitete der Rothaarige ihr einen Vorschlag. „Wir setzen dich auf der nächsten Insel ab und dann versuchst du dich am besten von Ärger fern zu halten.“

Alarmiert schoss ihr Blick zum Kapitän. „Wie komme ich nach Hause, wenn anscheinend niemand weiß, wo es liegt?“

Dieser zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Tja, das ist dann wohl Pech, würde ich sagen. Aber immer noch besser als tot zu sein.“

Ihre Lippen pressten sich zu einer schmalen Linie, den Blickkontakt für keine Sekunde unterbrechend. „Dann lass mich deiner Mannschaft beitreten!“, bat sie, ohne länger darüber nachzudenken.

Der Rothaarige beugte sich verhängnisvoll zu ihr. „Es ist hier draußen gefährlicher als du dir vorstellen kannst“, warnte er.

Kiara waren die drei Narben über dem Auge des Kapitäns nicht zum ersten Mal aufgefallen. Jetzt kamen sie ihr noch ehrfürchtiger vor. Auch bemerkte sie, dass der Rothaarige stets nur seine rechte Hand nutzte zum Gestikulieren und Greifen. Der linke Arm wurde von seinem schwarzen Umhang verhüllt und ihr schwante übles.

„Dann stell mich auf die Probe“, verlangte sie mit fester Stimme und versuchte sich wieder auf seine beiden Augen zu konzentrieren.

„Kannst du dich auch ohne Beleidigungen verteidigen?“, fragte er und musterte sie eingehend.

Kiara atmete tief ein, straffte Schulter und Rücken und baute sich so gut sie konnte auf. „Natürlich.“

Langsam erhob sich der Rothaarkapitän, den Blick immer noch auf sie bedacht. „Alles klar, dann lass uns dein Können auf die Probe stellen. Aber wenn du verlierst, wanderst du über die Planke.“

Seine Entscheidung ließ sie erstarren und einen eiskalten Schauer über den Rücken jagen. Der Schiffsarzt versuchte dem Kapitän Vernunft einzureden, dass sie noch zu erschöpft sei und überhaupt gerade erst mehrere Stunden in den kalten Fluten verbracht hatte. Doch der Rothaarige brachte ihn mit einer gelassenen Handbewegung zum Schweigen. „Wenn sie darauf besteht, kriegt sie ihre Chance.“

Ein ungläubiges Ächzen entwich Kiaras Lippen. „Sagtest du vorhin nicht etwas von ‚Du bist in Sicherheit?‘“, wiederholte sie die Worte, an die sie sich gerade noch erinnerte.

„Mit Piraten verfährt man anders“, stellte er sachlich fest.