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99 Luftballons

Chapter 3: Eis

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7. Dezember 1942, Allenstein

Albrecht

Friedrich lässt sich in das bröckelnde Loch im Eis herab und fängt unmittelbar danach an heftig zu zittern.
Als nur noch sein Oberkörper, aus dem eisigen Blau ragt, wirft er Herr Peiner einen finsteren Blick zu.

Ich atme stockend aus, und mein Atem kristallisiert zu einem kleinen Wölkchen vor meinem Mund.
Ich weiß genau, dass das für Friedrich keine große Herausforderung ist.
Doch ich habe bereits beschlossen, dass es mir anders ergehen wird.

Ich werde am heutigen, nebligen Dezember-morgen einen letzten Atemzug nehmen und mich in diesem gottverdammt dämlichen See ertränken.

"Albrecht, du bist dran!"

Schreit Peiner, seine Stimme schallt über den See und sein sturer Blick ruht auf meinem Körper.

Ich zucke leicht zusammen, als er meinen Namen ruft und mich aus meinen kreisenden Gedanken reißt, da ich nicht erwartet hätte, dass er mich als nächstes auswählen würde.

Ich hätte gerne noch ein Paar Minuten gelebt und Friedrich ein letztes, hoffnungsloses Lächeln geschenkt.
Zu Gott habe ich vergeblich gebetet, dass Friedrich schon weg sein würde, wenn ich an der Reihe bin, doch jetzt ist er gezwungen mich sterben zu sehen.

Mir wird plötzlich furchtbar übel.
Ich möchte nicht, dass er mich sterben sieht, denn ich weiß, dass ich ihn damit im Stich lasse und mein Verrat seine arme Seele für immer verletzten wird.
Oh Gott, ich will meinen Friedrich doch eigentlich garnicht allein lassen.

Dennoch ziehe ich mich aus und mache zögernde, vorsichtige Schritte auf das Loch im Eis zu.
Ich tauche meine Zehen ins Wasser und ein Schauer läuft mir über den Rücken.

Meine Gedanken sind ein einziges Durcheinander, ein Sturm aus schrecklicher Angst, einer seltsamen Neugier und quälenden Schuldgefühlen.

Vorsichtig setzte ich mich an den Rand des Eises und lasse meine Beine bis zu den Knien ins Wasser sinken.
Meine Füße beginnen unangenehm zu kribbeln und ich kann praktisch schon spüren wie sie langsam taub werden.

Die Wasseroberfläche des anderen Loches, dort wo wir auftauchen sollten, bricht und Friedrich zieht sich keuchend aus dem Wasser.
Er schaut nicht einmal zu mir.

Ich lasse mich sofort ins Wasser fallen, bevor ich es mir doch noch anders überlege, und die Kälte umschlingt mich förmlich.
Meine Glieder schmerzen und verkrampfen sich, doch seltsamerweise spüre ich ein überwältigendes Gefühl des Friedens.

Meine Gedanken sind für einen Moment vollkommen still, das einzige, was ich höre ist das sanfte Blubbern und Fließen des Wassers.
Ich fühle mich beinahe zu friedlich, zu wohl, für einen 16-jährigen Jungen, der sich gerade ertränkt, doch diesen Gedanken stoße ich aus meinem Kopf.
Das Gefühl der Ruhe macht süchtig. Noch nie in meinem Leben habe ich mich je so frei gefühlt. Die ganze Last auf meinen Schultern wird vom Strom des Wassers weggetragen und ich fühle mich schwerelos, grenzenlos.

Eine unheimliche Kälte überkommt mich, meine Muskeln versagen langsam aber sicher nach einander und mein Herzschlag verlangsamt sich.
Das ist real.

Das ist das Ende meines kläglichen Versuches zu leben.
Oh bitte, möge mir der Tod doch den Frieden und die Liebe schenken, die mir das Leben verwehrt hat.
Ich fühle mich, als ich langsam auch die stechende Kälter kaum mehr spüre, unglaublich erleichtert, doch tief in meiner Seele spüre ich auf einmal die mir altbekannte Reue.

Ich fühle mich schuldig, schrecklich schuldig, jemanden zurückzulassen, der mich endlich so gesehen hat, wie ich bin.
Doch das muss der Preis dafür sein, meine tiefstes Bedürfnis gewinne zu lassen, oder womöglich ist es meine persönliche kleine Strafe Gottes dafür, den einfachen Weg zum Tode gewählt zu haben.

Ich nehme plötzlich eine ferne Stimme wahr und meine Sinne schärfen sich ein letztes mal.
Nur das Adrenalin, das durch meinen schlappen Körper pulsiert, hält mich bei Bewusstsein.
Zuerst kann ich die schmerzerfüllten Schreie nicht zuordnen. Sie sind für kaum hörbar.
Doch als dieser törichte Mensch auf immer näher kommt und sich auf dem Eis niederkniet, höre ich seine Stimme laut und klar.

"ALBRECHT! NEIN!"

Es ist Friedrich. Der alberne, kleine Friedrich, der mich ohne zu zögern in die Arme nahm, als er erfuhr, dass mein Vater mich an die Front schicken würde.
Der alberne Friedrich, der die einzige Person ist, die meine Aufsetzte gelesen hat und mir zuhörte, wenn ich über meine Gedichte sprach.

Friedrich, der albern genug ist, um zu denken, dass es in meinem Leben noch irgendetwas -außer ihm- gäbe, das mich vom Selbstmord abhalten könnte.
Seine Silhouette verschwimmt durch das dicke Eis zwischen uns. Sein zersaustes blondes Haar und seine strahlenden, himmelblauen Augen, die mich ansahen wie es noch kein anderer je tat.
Das Eis schwingt, als er versucht es zu brechen. Blut spritzt über die Oberfläche als seine nackten Fäuste mit dem Eis kollidieren.

Ich weiß nicht, ob ich mir das alle unter dem Sauerstoffmangel nur einbilde, doch es scheint, als hätte er nun aufgeben zu versuchen das Eis zu brechen.
Um ehrlich zu sein hätte ich mir erhofft, dass er nicht so leicht aufgeben würde und um mich, mein Leben, kämpfen würde.

Ich bin ihm die Mühe wohl nicht wert, das weiß ich nun.
Denn er ist wirklich nicht der Junge, der jemals aufgeben würde, mit seinem ganzen Ehrgeiz.
Friedrich bricht auf dem Eis zusammen und drückt seine Hand gegen die dicke Eisbarriere, die uns trennt, wie als würde er nach meiner Hand greifen wollen.
Meine letzte Kraft nutze ich, indem ich meine eigene Hand gegen das Eis presse, genau da, wo Friedrichs Hand liegt.
Diese verdammten 10 centimeter Eis zwischen uns fühlen sich an wie Welten Entfernung.

Und oh, wie sehr ich mir wünsche, dass ich seine Hand doch einmal gehalten hätte, als ich es noch konnte.
Wie sehr ich mir wünsche, dass ich ihn damals fester gehalten hätte, wenn ich es doch genau wusste, dass es das letzte Mal sein würde, dass ich ihn in meinen Armen habe.

Wie sehr ich mir wünsche, dass ich seine Hand gerade halten könnte.

Denn auf einmal überkommt mich eine riesige Welle Angst zu sterben. Allein und als Verräter zu sterben.

Doch gerade lebe ich noch.
Ich realisiere, dass mein Leben noch nicht vorbei ist und irgendwo in meiner Seele noch ein winzig kleines Häufchen Hoffnung existiert.
Obwohl mein Bewusstsein zu schwinden droht ziehe ich mit aller letzter Kraft an dem Tau, dass mich aus dem Wasser führt.

Ich will nicht sterben.

Ich kann mein Atem nicht mehr halten und inhaliere das eiskalte Wasser, dass in meiner Lunge brennt, doch ich ziehe meinen Körper verzweifelt weiter.

Ich will nicht sterben.

Das Licht, das durch den Ausgang aus diesem eisigen Gefängnis scheint, fühlt sich unerreichbar an und mein Körper bettelt mich an loszulassen.
Meine Sicht verdunkelt sich und das Adrenalin verliert langsam seine Wirkung.

Ich. Will. Nicht. Sterben.

Ich atme immer mehr Wasser ein und meine Glieder werden mit jedem qualvollen Zug am Seil immer schwerer.
Mein Körper protestiert und ich verliere die Kontrolle über meine Muskeln, nur noch Instinkte ziehen mich fort.
Ich strecke meine Hand aus und sie durchbricht die Wasseroberfläche auf der Suche nach irgendentwas, woran ich mich festkrallen kann.

Mein bleischwerer Körper droht, jeden Moment zu sinken und ich schaffe es nicht meinen Kopf über die Wasseroberfläche zu ziehen.
Ich spüre, wie mein Bewusstsein am Ende ist und immer mehr Wasser in meinen Körper eintritt.

Meine Lungen brennen mit jeder unaushaltbaren Sekunde stärker, doch in letzter Sekunde entflannt ein Funke Hoffnung in mir, als meine hektisch herumwirbelnde Hand etwas an der Oberfläche ergreift.
Jemanden an der Oberfläche ergreift.

Ich will leben.